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Lokales Kritik am Ökostrom-Tarif der Stadtwerke Leipzig – Experte spricht von „Etikettenschwindel“
Leipzig Lokales Kritik am Ökostrom-Tarif der Stadtwerke Leipzig – Experte spricht von „Etikettenschwindel“
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11:48 03.06.2011
Die Dresdner Stadtwere lassen sich ebenfalls mit Wasserkraft aus Skandinavien beliefern - sie investieren einen Teil der Strompreise jedoch in den Ausbau regenerative Energien. Quelle: dpa
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Leipzig

„Hier wird Strom, der gegebenenfalls aus Atomkraft kommt, zu Ökostrom umetikettiert“, sagt Roland Pause, Energie-Experte der Verbraucherzentrale Sachsen (VZS) in Leipzig. „Das können wir nicht empfehlen.“

Für ihr neues Öko-Angebot Strom21.Natur, das am 1. Juli startet und die Kunden mit „100 Prozent Wasserkraft aus Norwegen“ beliefern soll, haben die Stadtwerke Leipzig (SWL) nach eigenen Angaben einen Vertrag mit einem skandinavischen Energie-Anbieter geschlossen. Dieser sieht einen physikalischen Stromtausch vor, wie Unternehmenssprecherin Chris Nicolai erklärt. Die Stadtwerke würden dabei Energie aus ihrem Kontingent an den Partner liefern, der gleichzeitig Wasserkraft zur Verfügung stelle. „Der Ökostrom stammt aus Norwegen aufgrund der dort vorhandenen Erzeugerkapazitäten und fließt durch das Ostsee-Kabel zu uns“, so Nicolai.

Stadtwerke bezahlen für „Umetikettierung“ ihres Stroms

„Damit wird jedoch nichts für den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland getan“, kritisiert Pause. Wie die Stadtwerke selbst betonen, liegt dem Tarif Strom21.Natur ein sogenanntes EECS-Zertifikat (vormals RECS) zugrunde, das jedoch kein Ökostrom-Label ist.  „Bei solchen Zertifikaten wird dafür bezahlt, dass Stromanbieter eine gewisse Menge ihres selbst produzierten Stroms als Ökoenergie verkaufen dürfen“, erklärt Pause.

Heißt im Klartext: Die SWL schicken ihren Strom aus Atomkraft oder fossilen Energieträgern – beides gehört nach wie vor zum Portfolio des kommunalen Energieanbieters – nach Skandinavien und bekommen von dort „sauberen“ Strom zurück. „Das ist zwar gesetzlich zulässig, riecht aber schon sehr nach Etikettenschwindel“, sagt Pause. Die Norweger dürfen den aus Leipzig gelieferten Strom allerdings nicht mehr als Ökoenergie verkaufen.

Der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) in Berlin stimmt Pauses Aussage zu und rät generell von solchen Tarifen, wie sie nun auch die Stadtwerke Leipzig anbieten, ab. „RECS-Zertifikate bedeuten, dass man nur ein anderes Etikett auf seinen Strom klebt, den man aus nicht erneuerbaren Energien erzeugt“, sagt Sprecher Daniel Kluge auf Anfrage von LVZ-Online. „Dem stehen wir sehr kritisch gegenüber, denn mit solchen Tauschgeschäften wird keine neue Erzeugungsanlage für regenerative Energien ans Netz gebracht.“ Auch am Strom-Mix der Stadtwerke ändere sich dadurch nichts, so Kluge.

Unternehmen wehrt sich gegen die Vorwürfe

Das Unternehmen selbst wehrt sich vehement gegen die Vorwürfe, einen Pseudo-Ökotarif anzubieten. Stadtwerke-Sprecherin Chris Nicolai betont, dass die Herkunft des bezogenen Wasserstroms aus Norwegen garantiert sei und dieser nur einmalig verkauft werde. „Die Lieferung ist vom TÜV zertifiziert. Der Herkunftsnachweis basiert auf einem europaweiten System“, so Nicolai.

Verbraucherschützer Pause weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Ökostrom kein Markenbegriff sei. Deshalb werde das Wort häufig verwendet, um umweltfreundliche Energie zu verkaufen, die eigentlich gar keine sei. Die VZS erkennt deshalb nur solche Tarife als Ökostrom an, die ein spezielles Siegel wie OK Power, Label Gold oder EcoTopTen tragen. „Unsere Ansprüche sind diesbezüglich sehr hoch“, betont der Energie-Experte. Ziel sei es, regenerative Energien in Deutschland gezielt zu fördern. „Das ist bei Strom21.Natur nicht der Fall.“

„Die Stadtwerke geben sich mit dem neuen Tarif ein hübsches grünes Mäntelchen“, kritisiert auch Kevin Hausmann, Energieexperte von Greenpeace Leipzig. „Dabei haben sie Atomstrom mit 19 Prozent in ihrem Portfolio und besitzen langjährige Verträge mit dem Kraftwerk Lippendorf, bei dem sie CO2-schädlichen Braunkohle-Strom kaufen müssen.“ Laut offizieller Angaben der Stadtwerke beträgt der Anteil fossiler und sonstiger Energieträger derzeit 56 Prozent des Gesamtstroms, 25 Prozent stammen aus erneuerbaren Energien. „EECS-Zertifikate sind da eine einfache Möglichkeit, um Atomstrom billig in Ökoenergie umzuwidmen“, meint Hausmann.

Verivox fordert mehr Transparenz

Deutlich teurer für die Kunden ist der neue Öko-Strom im Vergleich zum Tarif Bestpreis Strom nicht. Um rund 2,50 Euro steigt der monatliche Preis laut Stadtwerke bei einem Durchschnittsverbrauch von 1.800 Kilowattstunden für einen Zwei-Personen-Haushalt. Der Preis pro kWh liegt bei 23,6 Cent, die Grundgebühr beträgt etwa 107 Euro pro Jahr.

Ein Blick über den Tellerrand zeigt: Auch die Stadtwerke in Dresden (DREWAG) lassen sich für ihren Öko-Tarif „Dresdner Strom natur“ mit Wasserkraft aus Skandinavien beliefern. Sie haben dafür – anders als der Leipziger Energieversorger – jedoch das offizielle Öko-Siegel OK Power bekommen. Der Grund: Das Unternehmen versorgt seine Kunden zusätzlich mit Wind- und Sonnenenergie und investiert einen Teil der Stromkosten in den Ausbau neuer regenerativer Anlagen, wie Energie-Experte Jürgen Scheurer vom Verbraucherportal Verivox erklärt.

Scheurer hält EECS-Zertifikate „nicht per se für schlecht“. Er fordert aber, dass die Stromunternehmen transparenter damit umgehen. Zwar werde mit solchen Tarifen die Stromerzeugungs-Struktur in Deutschland wenig beeinflusst. „Aber europaweit sorgt es schon dafür, dass sich der Anteil des regenerativ produzierten Stroms steigt“, erläutert Scheurer. „Das sollte den Verbrauchern klar sein.“

Robert Nößler

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