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Küf Kaufmann: „Es gibt einen antisemitischen Gestank“

Wachsender Rechtsradikalismus Küf Kaufmann: „Es gibt einen antisemitischen Gestank“

Rechtspopulistische bis rechtsextreme Redebeiträge sind bei zahlreichen Demonstrationen in Sachsen längst nicht mehr die Ausnahme. Fühlen sich davon auch jüdische Gemeinden betroffen?

Küf Kaufmann bei einer Lesung in der Kirche in Wiederitzsch. (Archivfoto)
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.  Mit dem Aufkommen der Pegida-Bewegung in Sachsen ist das politische Klima im Freistaat deutlich fremdenfeindlicher geworden. Auf Demonstrationen werden verstärkt rechtsradikale Äußerungen registriert. Küf Kaufmann, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Leipzig und Mitglied im Präsidiums des Zentralrates der Juden in Deutschland, versucht abzuwägen.

In den letzten Monaten werden - auch in Leipzig - immer radikalere Parolen etwa von Legida laut. Erleben Sie, erleben Juden in Leipzig verstärkt antisemitische Strömungen?

Küf Kaufmann: Aus Ihrer Frage kann man verstehen, dass es antisemitische Strömungen in Leipzig gibt. Und man interessiert sich, ob sie in letzter Zeit verstärkt oder nicht verstärkt zu spüren sind. Da befinde ich mich in einer schwierigen Situation. Von einer Seite weiß ich aus offizieller Statistik ganz genau, dass mindestens 20 Prozent der Bevölkerung in der Bundesrepublik antisemitisch eingestellt sind. Von der anderen Seite - inwieweit Leipzig davon betroffen ist, da gibt es keine Statistik. Es gibt einen antisemitischen Gestank, den man ab und zu spürt, aber ich werde vermeiden, diesen Gestank als Strömung zu betiteln.

Müssen sich Menschen jüdischen Glaubens inzwischen davor hüten, als Juden erkannt zu werden? Gibt es Übergriffe? Können die Menschen ihre Religion offen leben?

Küf Kaufmann: Wenn jemand als Leipziger mit jüdischem Glauben einen Übergriff erlebt hat, dann wäre es mir bekannt. Bis heute, Gott sei Dank, hat niemand mir so etwas gemeldet. Ob jüdische Menschen sich verstecken müssen? Die Geschichte hat uns gezwungen zu lernen, vorsichtig zu sein. Und wir bleiben vorsichtig, leider.

Frage: Die Synagoge in der Keilstraße musste eine zeitlang rund um die Uhr von Polizisten geschützt werden. Ist das wieder nötig?

Küf Kaufmann: Mir gefällt es nicht, wenn die Synagogen oder andere jüdische Einrichtungen wie Festungen aussehen. Es ist peinlich und zwar peinlich für die heutige deutsche Gesellschaft. Aber wir leben heutzutage in einer total unsicheren Welt. Da muss man bestimmte Maßnahmen unternehmen, um Sicherheit zu leisten.

Frage: Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle, Max Privorozki, erzählte, dass die Gemeinde steigende Ausgaben für Sicherheitsvorkehrungen hat. Trifft dies auch in Leipzig zu?

Küf Kaufmann: Ach, ich beneide Max Privorozki, dass er die Möglichkeit hat, die Ausgaben für Sicherheitsvorkehrungen steigen zu lassen. Unser Budget erlaubt es nicht.

Frage: In diesem Jahr wurde die Jüdische Woche bereits zum 10. Mal in Leipzig ausgerichtet. Inwieweit tragen die Veranstaltungen dazu bei, dass ein besseres Verständnis für die jüdische Kultur und Tradition entsteht? Sind sie geeignet, dem Antisemitismus ein Gegengewicht entgegenzusetzen?

Küf Kaufmann: Die Jüdische Woche „Schalom“ in Leipzig 2015 war ein buntes und fröhliches Kulturfestival. Mitgestaltet von mehreren Leipziger Institutionen, Vereinen, Theatern, Museen und vielen Leipziger Bürgern. Wir schauen zusammen optimistisch in die Zukunft, aber wir sehen nicht nur durch die „rosarote Brille“. Die heutige Gesellschaft wird mit vielen Problemen konfrontiert. Antisemitismus ist eins von mehreren. Unsere Jüdische Woche ist ein klares Wort auf dem Weg zur Normalität.

Zur Person: Der Autor, Regisseur und Kabarettist Küf Kaufmann wurde 1947 in Marx in der Sowjetunion geboren. Nach seinem Studium an der Fachhochschule für Kultur in Leningrad arbeitete unter anderem als Regisseur an verschiedenen Bühnen. Kaufmann ist seit 2005 Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig und Präsidiumsmitglied des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Sachsen. Seit 2010 gehört er dem Präsidium des Zentralrats der Juden in Deutschland an.

Jüdische Gemeinden in Sachsen: In Sachsen gibt es drei jüdische Gemeinden, die dem Zentralrat der Juden in Deutschland angehören. Sie sind in einem Landesverband organisiert. Die größte ist die Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig, die nach zuletzt vorliegenden Zahlen rund 1300 Mitglieder hat. In ihrer Synagoge werden regelmäßig Gottesdienste abgehalten, zudem sind rituelle Tauchbäder in der „Mikwe“ möglich. Die Jüdische Gemeinde zu Dresden hat gut 700 Mitglieder. Auch sie bietet in ihrer Synagoge regelmäßig Gottesdienste an. Zu ihren Angeboten zählen unter anderem die Theatergruppe „Schule von Salomon Plar“, der Chor „Siman Tov“ und ein Synagogenchor. Rund 600 Mitglieder zählt die Jüdische Gemeinde Chemnitz. Gottesdienste werden in der Synagoge abgehalten, auch in Chemnitz gibt es eine „Mikwe“. Die Gemeinde hat nach eigenen Angaben die deutschlandweit erste spezielle öffentliche Audiobibliothek mit Hörbüchern in russischer Sprache. Alle Gemeinden halten für ihre Mitglieder umfangreiche Angebote bereit, die vom Jugendzentrum über Sport und verschiedene Kurse bis hin zum Seniorentreff und eigenen Gemeindezeitungen reichen.

Von LVZ

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