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Künstler filmt heimlich im Leipziger Jobcenter – Geldstrafe nach Aufführung

Prozess am Amtsgericht Künstler filmt heimlich im Leipziger Jobcenter – Geldstrafe nach Aufführung

Heimlich filmt ein Künstler sein Bewerbungsgespräch im Jobcenter. Ein paar Tage später führt der Kabarettist das Video in seiner Satire-Show im Neuen Schauspiel Leipzig auf. Nun hat das Amtsgericht den Mann verurteilt – nach einem durchaus bemerkenswerten Verfahren.

Uwe Brückner in seiner Late Night Show „Über Brücken“.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Heimlich filmt ein Künstler sein Bewerbungsgespräch im Jobcenter. Ein paar Tage später führt er das Video in seiner Satire-Show im Neuen Schauspiel Leipzig auf. Was er nicht weiß: Im Publikum sitzt ein Mitarbeiter der Behörde. Seither ist aus dem Spaß eine ziemlich ärgerliche Nummer geworden. Am Dienstag ging der Fall vor Gericht.

Uwe Brückner (40) trifft eine Viertelstunde vor Prozessbeginn ein. Der Talkmaster vom Neuen Schauspiel Leipzig in der Lützner Straße ist der 11-Uhr-Termin im Saal 252. Vor ihm ein Betrug, nach ihm eine Beleidigung. Justizalltag. Brückners Fall ist hingegen durchaus exotisch. Es geht um die Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes: Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer unbefugt das nichtöffentlich gesprochene Wort eines anderen auf einen Tonträger aufnimmt oder eine so hergestellte Aufnahme gebraucht oder einem Dritten zugänglich macht. Einen Anwalt hat der Angeklagte nicht.

Rückblick: Am 2. Februar dieses Jahres muss Brückner zum Bewerbungsgespräch ins Jobcenter in der Erich-Weinert-Straße. In Zimmer 340 wird er von Fallmanagerin Heike P. begrüßt. Schon zu diesem Zeitpunkt läuft die versteckte Kamera des Klienten mit. Brückner übergibt ein Bewerbungsschreiben. Er nimmt Bezug auf Boulevard-Schlagzeilen („Wir sind Papst“) und schlussfolgert, angesichts dieser Überhöhung auch überqualifiziert für jede Tätigkeit zu sein. 30 Euro Stundenlohn, 20 Stunden pro Woche und Zeit für die Familie wären jedoch okay. Heike P. rät dem gelernten Industriekaufmann, es sei zielführender, Jobs mit weniger Stundenlohn ins Auge zu fassen. Acht Tage später, am 10. Februar, sehen 50 Besucher von Brückners Late Night Show „Über Brücken“ im Neuen Schauspiel das heimlich gedrehte Video.

Der Künstler bekam einen Strafbefehl. 90 Tagessätze á 13 Euro. Die Höhe ist der Standardsatz für straffällig gewordene Hartz-IV-Empfänger. Allerdings lebt Brückner noch unter Hartz-IV-Niveau – freiwillig. Als Teilzeit-Angestellter in der Gastronomie bekommt er nach eigenen Angaben rund 400 Euro. „Die Auftritte in der Late Night sind mein künstlerischer Ausdruck, haben kein Geld gebracht, nur Fame“. Mit Lebensgefährtin und dreijährigem Kind wohnt er in der Waldstraße. „In einem der letzten Häuser mit unsaniertem Standard“, wie er sagt. Wegen der Höhe der Tagessätze ging Brückner gegen den Strafbefehl in Widerspruch – sie waren ihm zu niedrig angesetzt. Zahlt er nicht, droht eine Ersatzfreiheitsstrafe. „Mir erscheinen 13 Euro für einen Tag Freiheit sehr wenig“, so der Kabarettist. So reden Angeklagte am Leipziger Amtsgericht normalerweise nicht. Und die Justiz kann dem Beschuldigten in dieser Frage auch nicht entgegenkommen. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Tagessatzhöhe von zehn Euro, Amtsrichterin Sonja Schumann verurteilt den Talkmaster zu 90 Tagessätzen á sieben Euro. Brückner will die Strafe in gemeinnütziger Arbeit ableisten. „Dafür müssen sie einen Antrag stellen“, so Schumann.

Empfindet er Reue? „Wir machen Satire“, räumt Brückner ein, „vielleicht sind wir da etwas blauäugig rangegangen.“ Er habe das Gespräch im Jobcenter als „sehr erbaulich“ empfunden. „Wir haben gezeigt, dass es menschelt im Amt.“ Während der Vorstellung sei ein Fanclub für Fallmanagerin P. gegründet worden.

Die betroffene Jobcenter-Mitarbeiterin soll unter der unverhofften Öffentlichkeit jedoch ziemlich gelitten haben, heißt es. Gegen den Kabarettisten ist deshalb auch eine Schmerzensgeldklage anhängig. Es geht um 2500 Euro, sagt er. Und denkt schon an sein nächstes Projekt. „Ich will einen Erstantrag für Hartz IV mit der Kamera begleiten“. Dieses Mal natürlich nur mit behördlicher Genehmigung.

Von Frank Döring

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