Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales Kult in Leipzig-Connewitz: Zu Gast in der „Vergebung“
Leipzig Lokales Kult in Leipzig-Connewitz: Zu Gast in der „Vergebung“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:01 06.09.2018
Knarziges Original: Andreas Strobel und seine Kneipe Barabbas. Quelle: Foto: André Kempner
Anzeige
Leipzig

Rund 100 Kerzen beleuchten den Raum. Am Eingang grüßt ein kleiner Drache, Ikonenbilder und grüne Pflanzenfächer an der Wand und im Kronleuchter lassen den Besucher an eine christlich-mystisch-esoterische Heilerhöhle denken. Das Klavier an der Wand mit wuchtigen Büchern auf dem Kasten, die installierte Bar und schlussendlich auch der Kaffeeautomat und die daneben stehende Jägermeister-Zapfstelle zerstreuen diesen Eindruck aber rasch. Hier gibt es vor allem was zu trinken, serviert vom Chef persönlich, der sein einziger Angestellter ist: Andreas Strobel, Inhaber des Gasthaus Barabbas, besser bekannt als „Vergebung“, an der Bornaischen Straße – also da, wo Connewitz noch richtig Connewitz ist und sein darf.

Das mit der Vergebung war eigentlich nur eine Marketingschiene. „Vergebung hinterm Kreuz, das war so das Motto der ersten Tage, erzählt Strobel, der die Kneipe 2011 aus der Taufe gehoben hat. „Aber das hat sich dann verselbstständigt.“ Mit seinen leicht zotteligen Haaren, dem gebückten Gang, Bart und offenem weißen Hemd wirkt 64-Jährige wie ein Stadtteil-Original. Dabei zog er erst 2015 nach Connewitz, und selbst Leipzig ist nur Wahlheimat – allerdings schon eine ganze Weile. In seinem ersten Leben war er noch nicht einmal Kneipier, sondern Straßensozialarbeiter. Aus Süddeutschland stammend, kam er mit einem christlichen Bildungsträger zu Jobs im Westerwald und Wendland, war auch kurz in Berlin („Das war schlimm“) und machte sich schließlich 1991 aus dem Westen nach Leipzig auf.

„Ich hatte einige Freunde hier, und damals war ja alles im Umbruch, sehr spannend. Die Nachwendezeit war ein absolutes Chaos, eine unorganisierte Aktion.“ Damals, mit Mitte 30, betreute er in Grünau offene Jugendtreffs. Strobel arbeitete mit der Initiative Pro Plagwitz zusammen, die den Plan hatte, den kompletten Stadtteil unter Denkmalschutz zu stellen, um so alle Industriehallen zu erhalten. Doch die Geschichte stieg über diese Initiative hinweg. In seiner Erinnerung kann er immer noch die wahnwitzigsten Pläne der 90er Jahre abrufen. So gab es den westdeutschen Investor Manfred Rübesam, der zwischen Plagwitzer Bahnhof und Kanal ein riesiges neues Zentrum mit Skyline und allem möglichen Drumherum errichten wollte. „Dem ging dann aber das Geld aus.“ Während Strobel erzählt, streicht eine weiße Katze durch die Wirtsstube und lässt sich erst neugierig, dann gähnend auf einem der gepolsterten Holzstühle nieder. Gemütlichkeit siegt hier immer.

Anfang der 2000er machte im Zirkuszelt vom Theater der Jungen Welt (TdJW) auf dem Jahrtausendfeld seine ersten Gehversuche im Gastronomiebereich. Den Job als Sozialarbeiter hatte er verloren, nachdem ein Projekt mit rechten Jugendlichen in Grünau krachend gegen die Wand gefahren war. „Ich war für die Szene verbrannt“, so Strobel heute, dem man seinen Schmerz darüber anmerkt. Nicht umsonst hat er sich für den Namen Barabbas entschieden, den Verbrecher, den die Römer anstatt Jesus laufen ließen. Eine Geschichte, die auch dem Witz mit dem Kreuz erst die richtige Würze verleiht. Nach dem Intermezzo mit dem TdJW blieb er der Gastronomie treu, machte was im Haus am Lindenauer Markt und an anderen Orten.

Die Zirkuszelt-Erfahrung ließ ihn nicht los, Strobel suchte einen Ort, um eine Kneipe im Zelt zu eröffnen. Ideen gab es etwa für den Connewitzer S-Bahnhof, doch immer passte etwas nicht. So übernahm er 2011 einen ehemaligen Blumenladen an der Bornaischen Straße und entwickelte ihn zur Nachbarschaftskneipe; auch hier schwebte ein sanfter Hang zu Nostalgie und Melancholie mit. Gerade erst hat Strobel fünf Koffer mit Handpuppen der Familie Schmidt gerettet, die zu DDR-Zeiten mit Puppentheater unterwegs waren. Sie grüßen nun von der Fensterfront.

Neben frisch gezapftem Bier ist das Barrabas vor allem für seine Käseplatte und wechselnde Tagessuppen bekannt, einen Koch hat die Gaststätte nicht, und so ist Strobel alles auf einmal. Wenn es voll ist, kann’s schon mal länger dauern. „Die Stammkunden wissen das, die anderen lernen es, das ist auch ein bisschen Konzept.“ Genau wie die Nicht-Ausschilderung der Toilette hinter der Bar.

Zu tun ist jede Menge, gerade erst kam eine Ansage von der Brandschutzbehörde, die er grummelnd erdultet. „Die Kosten für Baumaßnahmen müssen auch erst mal erwirtschaftet werden“, seufzt er in sich hinein und erklärt die Details der Deckenproblematik und ihrer Materialien, die immer noch ein wenig aussieht wie im Rohbau. Am liebsten würde er mal richtig wegfahren. Ein Tour auf den Spuren der Franziskaner von Leipzig bis nach Sizilien – das wäre sein Traum. Aber diees Jahr wird das wohl nix. Die nahe Zukunft steht ganz im Zeichen von Bier, Suppe und Käseplatte.

Von Torben Ibs

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Lokales Fraunhofer-Institut für Zelltherapie - Neues Leukämie-Medikament aus Leipzig zugelassen

Das Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig programmiert körpereigene Zellen um, damit sie Leukämie bekämpfen. Nach einer zweijährigen Studienphase ist das personalisierte Medikament „Kymriah“ des Pharmakonzerns Novartis jetzt in Europa zugelassen.

09.09.2018

Musik und freche Sprüche will Sängerin und Kabarettistin Katrin Weber in ihrer ersten eigenen Latenight-Show bieten. Die ersten drei Folgen mit prominenten Gästen werden diese Woche aufgezeichnet.

05.09.2018

Von Diskussion über Film und Theater bis hin Musik: Zu den Interkulturellen Wochen erwartet interessierte Leipziger im September eine Fülle an Projekten.

05.09.2018
Anzeige