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Kunsthistoriker, Galerist und Hochschulrektor Klaus Werner gestorben

Kunsthistoriker, Galerist und Hochschulrektor Klaus Werner gestorben

Jeder, der Klaus Werner kannte, hat Erinnerungen: Die Veranstaltungstonne der Moritzbastei war dicht gefüllt. Der vor nicht langer Zeit aus Berlin nach Leipzig gezogene Kunstwissenschaftler sollte einen Vortrag über Joseph Beuys halten, eine kleine Sensation.

Leipzig. Eigens war eine kleine, überwiegend aus Plakaten bestehende, Beuys-Ausstellung aus seinem Besitz aufgebaut worden, die erste in der DDR überhaupt. Plötzlich zog Klaus Werner seine Schuhe aus und streifte sich im allgemeinen Gemurmel Filzpantoffeln über, und aus dem Gemurmel wurde Beifall. Denn Filz, Wärme, Energie, das waren Kernbegriffe von Beuys. Klaus Werner machte also leicht lächelnd, mit Freude über die gelungene Überraschung, von vornherein anschaulich, sinnlich erfahrbar, wofür er anschließend werben wollte.

 Eine andere Erinnerung: Tagung der Kunstwissenschaftler in Chemnitz 1988, es ging um die Auswertung der X. Kunstausstellung. Dies und das wurde geredet, irgendwo hinten auf der Tagesordnung Klaus Werner. Und er begann mit der Entschuldigung, dass er die Kunstausstellung leider nicht besuchen konnte, da er just davor Zahnschmerzen bekommen hätte. Deshalb hätte er sich entschlossen, jetzt stattdessen über die letzte Documenta in Kassel einen Vortrag zu halten, die die wenigsten ja leider hätten besuchen können. Das brachte natürlich einige Zuhörer in Wut, wir jüngeren bewunderten die Frechheit.

Da hatte Klaus Werner diverse Rauswürfe schon hinter sich. Sein viele Jahre jugendlicher Charme ging mit einer unkäuflichen Bestimmtheit einher. Wegen unbotmäßiger Kontakte und Meinungen flog er von der Weißenseer Kunsthochschule, aus dem Kulturministerium. Klaus Werner hatte das ganze Programm absolviert: die Bewährung in der Produktion, in der Provinz, erster, revidierter Parteirauswurf, dem ein zweiter folgte. Schließlich endete seine erste maßstabsetzende Zeit als Leiter der Berliner Galerie Arkade 1981 im Eklat, weil er sich seine Meinung nicht vorschreiben ließ.

Das Werk von Joseph Beuys wurde für Klaus Werners intellektuelle Biographie die kardinale Erfahrung. Gewiss maß er die Kunst an ihrer eigenen Qualität, doch er liebte sie als Lebenselixier, ihr Fluidum, ihre Veränderlichkeit. Künstler dürfen irren, das konnte man von ihm lernen, wenn der Impuls nur stimmt, den sie aussenden. Das konnte frühere Weggefährten auch enttäuschen, doch es musste sein, der Ehrlichkeit geschuldet. Klaus Werner bevorzugte zu allen Jahren die neueren, die jüngeren Phänomene, denn die boten die Energie, den Lebensfluss zu erneuern, zu treiben. Er förderte die Außenseiter, die, denen die Herrschaft misstraute, und erkannte den Künstler manchmal im Menschen. Er pflegte in der Arkade-Zeit auch Berliner Malerei, doch maßgeblich trug er bald zum Erfolg der Chemnitzer Grafiker bei: Thomas Ranft, Gregor Schade, Michael Morgner, er machte Dadaisten und Abstrakte öffentlich. Nach der Wende förderte er, der sich selbst als den "Quoten-Ossi" in diversen Jurys und Kommissionen bezeichnete, wiederum die jüngste Generation. Till Exit sei genannt, Tilo Schulz.

Ohnehin wirkte er als Beispiel und Vorbild auf vielen Ebenen: Er war trickreicher Organisator von Pleinairs, er gab Grafik heraus, er war ein agiler Galerist in Zeiten der Bevormundung. Daneben pflegt er intensive Kommunikation, schrieb Briefe und warb, ermutigte, protestierte und widersprach. Er hatte nur Zeit und Chance, kleine Bücher zu schreiben, er organisierte Ausstellungen und schrieb für Kataloge. Wir verdanken Klaus Werner nicht zuletzt die schönsten Texte über Kunst. Ja, einige Künstler - vor allem Carlfriedrich Claus - hat man durch ihn erst verstehen gelernt. Etliche Künstler zeigen immer wieder stolz vor, was Klaus Werner über sie geschrieben hat. Er erfand selbst Bilder für die Kunst, liebte Steigerungen, knappe Behauptungen, er verband scharfen Intellekt mit poetischem Ausdruck, im Grunde sind seine Texte Dichtung.

Nach der Wende ging der Traum in Erfüllung: eine Galerie für Zeitgenössische Kunst. Kein Museum der Moderne, nein, ein lebendes, sich stets erneuerndes Institut. Als er spürte, dass die jüngste Kunst ihn nicht mehr absolut brennen lässt, hörte er 2001 als Direktor der GfZK auf - er wollte alles, nur nicht der neuesten Kunst im Wege sein.

Sein nächstes Thema, nun als Rektor der Kunsthochschule, war "Begabung". Wieder also der Blick auf das Innerste: Was macht den Künstler fähig, das zu sein, was nur er machen kann und muss? Wie kommt dort die Welt zum Wogen und Brennen, dass das, was einen Künstler antreibt, allen nutzt? Nicht zuletzt das Verhältnis der Gesellschaft zu ihren Künstlern hat ihn als Rektor umgetrieben: Wie können Künstler heute leben?

Auch dabei wusste er, wovon er spricht. Klaus Werner hat in freischaffenden Jahren in Leipzig immer wieder seine Frau Jutta genannt, die ihn als Ärztin mit ernähre. Sie hat ihn in den letzten, schmerzvollen Jahren in bewundernswerter Weise begleitet, und man kann nur wünschen, dass er es möglichst lange bemerkt hat. Am Freitag ist Klaus Werner im Stötteritzer Pflegeheim gestorben.

Meinhard Michael

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