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Lokales LVB planen neue Südsehne mit „virtuellen Gleisen“
Leipzig Lokales LVB planen neue Südsehne mit „virtuellen Gleisen“
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07:01 10.09.2018
Straßenbahnfahrerin Andrea Brauer und LVB-Chef Ulf Middelberg freuen sich auf ein modernes Verkehrsnetz, das mit Leipzigs Einwohnerzahl mitwachsen soll. Quelle: Foto André Kempner
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Leipzig

Am Schleußiger Weg wollen die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) in Zukunft mit autonom steuernden, emissionsfreien Fahrzeugen unterwegs sein. Wie der öffentliche Personennahverkehr im Jahr 2030 funktioniert, darüber sprach die LVZ mit Fahrerin Andrea Brauer und Geschäftsführer Ulf Middelberg.

Werden im Jahr 2030 immer noch Tatra-Bahnen durch Leipzig fahren?

Ulf Middelberg: Wir werden auch im Jahr 2030 in Leipzig einen Verein für historische Straßenbahnen haben, der Modelle sammelt, die in Leipzig unterwegs waren. Insofern werden hier 2030 bestimmt auch noch Tatras fahren. Im Linienverkehr aber nicht mehr – definitiv nicht.

Sind die 40 bis 50 Jahre alten Tatras echt so schlecht wie manche Leute sagen?

Andrea Brauer: Manche Fahrgäste stören natürlich die hohen Stufen oder fehlende Klimaanlage. Aber sie beschleunigen und bremsen sehr gut. Es gibt durchaus Leute, die sind regelrecht Tatra-Fans. Sie freuen sich im Sommer über die Klappfenster. Je nach Dienstplan fahre ich diese Bahnen regelmäßig, habe überhaupt kein Problem damit. Sie fahren sich nur anders.

Was ist da anders?

Andrea Brauer: Die Tatras fährt man mit den Füßen: wie beim Auto, nur ohne Lenkrad. Hingegen werden die modernen Bahnen mit einem Sollwertgeber gesteuert. Das ist ein Handstück zum Beschleunigen und Bremsen der Bahn. Vom Fahrgefühl her sind meine Lieblingsmodelle der NGT 8 und die XXL.

Wie sieht es bei den Bussen aus – blasen die 2030 noch Dieselabgase raus?

Ulf Middelberg: Gottlieb Daimler hat im Jahr 1900 gesagt: Die Zahl der Automobile wird weltweit nie eine Million überschreiten – schon allein aus Mangel an Chauffeuren. Vorhersagen sind so eine Sache. Für uns gilt: Wir setzen auf Elektromobilität. Schon heute sind über 80 Prozent unserer Fahrgäste elektrisch mobil – mit der Straßenbahn. Da sind die Verkehrsbetriebe schon lange ein Teil der Lösung für Umwelt- und Klimaprobleme. Das gilt auch für moderne Dieselbusse, die deutlich bessere Emissionswerte haben als Pkw. Für zukünftige Beschaffungen diskutieren wir mit unseren Gremien jetzt ein Elektrobus-Konzept, bei dem es nicht nur um die Fahrzeuge geht, sondern auch um Ladestationen und die Technik auf den Betriebshöfen. Wir setzen darauf, dass der Bund hier zu seiner Verantwortung steht und gemeinsam mit dem Land eben diese neue Technologie auch fördert. Denn rein wirtschaftlich können wir es aus Leipzig alleine heraus nicht darstellen. Wir möchten dem Aufsichtsrat im Herbst einen Beschlussvorschlag vorlegen, in dem der Einstieg mit den nächsten Beschaffungen 2019 und 2020 vorgesehen ist.

Bis 2030 wollen die LVB bis zu 90 neue Busse anschaffen – alle elektrisch?

Ulf Middelberg: In der langen Linie ist die emissionsfreie Mobilität, Elektrobusse mit regenerativen Energien, unser Zielbild. Das mündet letztlich – wenn wir mal visionär nach 2030 schauen – in einem Konzept, dass wir Südsehne nennen. Dies wäre eine denkbare Querverbindung im Leipziger Süden, die wir brauchen, wenn die Stadt weiter so wächst. Es wird eine Strecke, wo wir ohne Abgase emissionsfrei fahren, wo wir auf virtuellen Gleisen unterwegs sind und wo wir auch automatisiert steuernde Fahrzeuge sehen wollen.

Elektrobus-Konzept beginnt im Hier und Jetzt

Was sind virtuelle Gleise?

Ulf Middelberg: Dabei soll ein smartes, digital überwachtes Fahrzeug vorher exakt festgelegten Routen folgen. Mit Hilfe von Sensoren bleibt das Fahrzeug genau auf Kurs, Radarsensoren überwachen das Umfeld.

Wo genau soll die Südsehne entstehen?

Ulf Middelberg: Über eine Tangentialverbindung durch den Schleußiger Weg wird schon länger planerisch nachgedacht, weil unsere Buslinie dort bereits stark nachgefragt ist. Diese Route, die Plagwitz und Schleußig mit der Südvorstadt verknüpft, könnte dann weiter geführt werden in den Leipziger Osten. Wir denken natürlich auch in Straßenbahnen – ganz klar. Nur wenn wir bis 2030 schauen, glauben wir, dass wir uns auch den neuen Technologien stellen müssen. Auch dafür steht dieser Begriff: Südsehne.

In China wurde 2017 die erste Straßenbahn mit Gummirädern vorgestellt, die ohne Fahrer über virtuelle Schienen rollt. Frau Brauer, bekommen Sie keine Angst, wenn sie von ähnlichen Plänen bei den LVB hören?

Andrea Brauer: Nein, ich hab’ da keine Angst. Ich freue mich darauf. Leipzig wird größer, deshalb muss auch unser Netz mitwachsen. Wir hatten Anfang der Zweitausender eine große Netzumstellung. Das war eine riesige Herausforderung für die Kollegen und das wurde auch gemeistert. Zurzeit ist es ja so, dass die LVB dringend Fahrer suchen.

Ulf Middelberg: Das alles sind verschiedene Bausteine, um dem Fahrgastzuwachs gerecht zu werden. Das Elektrobus-Konzept beginnt im Hier und Jetzt. Zudem sind wir dabei, uns um automatisiertes Fahren zu kümmern.

Sie meinen, dass ab 2021 autonom fahrende Shuttle-Busse mit acht Sitzplätzen zwischen dem Messegelände und dem BMW-Werk im Norden verkehren sollen?

Ulf Middelberg: Genau. Allein die Partner, die dort mitmachen, sprechen für sich. Continental ist dabei, ein Automobilzulieferer, der die Fahrerassistenzsysteme entwickelt. Porsche und BMW sind dabei, das Fraunhofer Institut, viele mittelständische Firmen aus der Region. Das ist Forschung und Entwicklung pur. Wenn wir über den Horizont 2030 reden, glaube ich, sind die LVB sehr gut beraten, sich in solche Zukunftsprojekte einzubringen.

Was haben Ihre Kunden davon?

Ulf Middelberg: Die Digitalisierung hilft, den Personenverkehr noch attraktiver zu gestalten. Die kleinen Shuttle-Busse an der Messe sollen per Handy-App geordert werden können, um auch nachts jederzeit die Verbindung zur S-Bahn und Straßenbahn zu gewährleisten. Auf unserer Mobilitätsplattform und der App Leipzig Mobil haben wir seit Juni das Taxi integriert. Wir sind die ersten in Deutschland, die diese Kombination von Leihfahrrad, Carsharing und Taxi auf einer digitalen Plattform für unsere Kunden anbieten. Auch das ist für uns eine Lernkurve. Wir müssen nicht nur das klassische Geschäft bei Straßenbahn und Bus leistungsstark halten und ausbauen, sondern gleichzeitig für Innovationen sorgen.

Haltestelle Hauptbahnhof wird 2019 umgebaut

Sollen auf der Südsehne auch nur solche Mini-Busse wie im Norden verkehren?

Ulf Middelberg: Im Süden geht es um eine klassische, viel genutzte Tangente, die heute die Buslinie 60 bedient und auch viele Umsteiger aus Grünau aufnimmt. Mit der wachsenden Stadt wollen wir im Netz schon in nächster Zeit spürbare Verbesserungen schaffen, vom Normalbus auf Gelenkbus umstellen, vom 20- auf 10-Minuten-Takt. Die Lösung lautet nicht, dass wir jetzt anfangen, ein Netz von Tunnelröhren in die Erde zu graben, und in 20 Jahren damit fertig sind. Dann würde in der Zwischenzeit wenig passieren, weil die ganze Energie und das Geld in die Tunnelröhren fließen.

Die Stadt will aber auch Straßenbahntunnel prüfen, sogar eine zweite U-Bahn?

Ulf Middelberg: Wir haben uns die Option genau angeschaut, eine Art Tunnelsystem zu bauen. Das schließen wir an sinnvollen Stellen – vor allem auf der Ost-West-Achse zwischen Hauptbahnhof und Stadion – punktuell nicht aus. Doch unsere Lösung für die Gesamtproblematik ist eher ein modulares System aus verschiedenen Bausteinen. Da geht es zunächst um mehr Platz und Komfort, etwa durch größere Fahrzeuge. Irgendwann kommen dann vielleicht 25 Meter lange Fahrzeuge auf Gummirädern hinzu, die Ende der Zwanzigerjahre elektrisch fahren. Das alles entspricht einer Strategie, ohne starre Infrastruktur flexibel unterwegs zu sein – in den Außenbereichen vor allem mit Bussen. Gleichzeitig erhöhen wir die Leistungsfähigkeit im Straßenbahnnetz. Hierzu wäre kurzfristig natürlich das Thema Streckenneubau in Mockau zu nennen, auf längere Sicht das Thema Herzklinikum. Auf den Hauptachsen wird es noch sehr lange große Systeme wie unsere XL- und XXL-Bahnen geben. Einfach, weil sie wirtschaftlicher sind als viele kleine Fahrgasträume.

Was denken die Fahrer, wie der Verkehr in Leipzig in zwölf Jahren aussehen sollte?

Andrea Brauer: Generell sollte der ÖPNV beschleunigt werden. Vor allem durch bevorzugte Ampelschaltungen, die leider in Leipzig oft nicht so sind wie wir als Fahrer sie uns wünschen. Am Hauptbahnhof braucht es immer eine hohe Konzentration, um die größte Haltestelle der Stadt ordentlich bedienen zu können. Dort sind immer sehr viele Leute. Manche Passanten kreuzen die Gleise recht unkoordiniert, was schnell zum Problem werden kann. Die Busse, die dort auch halten, stören mich nicht. Wir Kollegen kennen die Eigenschaften der verschiedenen Fahrzeuge genau und sprechen uns gut ab.

Ulf Middelberg: Für das dritte Quartal 2019 ist ein Umbau am Hauptbahnhof geplant. Zum Beispiel kommen die nicht mehr benötigten Kassenhäuschen weg, um mehr Platz zu erhalten. Auch ein neues Lichtsystem und ein zusätzlicher Übergang in der Mitte für die Fußgänger sollen mehr Sicherheit schaffen. Mit 142 Abfahrten pro Stunde ist es am Hauptbahnhof richtig eng. Dort müssen wir die Leistungsfähigkeit ebenfalls verbessern.

2016 sind die Passagierzahlen der LVB um zehn Millionen gestiegen, 2017 um acht Millionen. Wie lange geht das noch gut?

Ulf Middelberg: Wir werden in diesem Jahr voraussichtlich 161,5 Millionen Fahrgäste befördern – das bedeutet wieder ein Plus von 5,5 Millionen. Oder anders gesagt: Wir wachsen etwa doppelt so schnell wie die Einwohnerzahl von Leipzig. Die Langfristprognose bis 2030 geht von dann 220 Millionen Fahrgästen aus. Deshalb haben die LVB und ihre Muttergesellschaft LVV bis zu diesem Datum ein Investitionsprogramm von über 1,5 Milliarden Euro für die Leipziger Verkehrsbetriebe geplant. Davon fließt eine Hälfte in den Erhalt der Infrastruktur, die andere in Innovationen und Neuanschaffungen.

32 Fahrdienststellen zurzeit nicht besetzt

Woran liegt es, dass Ihnen Fahrer fehlen?

Ulf Middelberg: Dieses Problem trifft viele Verkehrsunternehmen. Wir hatten gerade einen neuen Tarifabschluss, der für das Unternehmen eine echte betriebswirtschaftliche Herausforderung darstellt. Dennoch geht das völlig in Ordnung. Es ist immer wieder erstaunlich und erfüllt mich mit Stolz, wie einsatzbereit, zuverlässig und solidarisch unsere Beschäftigten in allen Bereichen sind. Von 1150 Fahrdienststellen können wir aktuell leider 32 nicht besetzen. Das merken die anderen schon – durch längere Dienste, aber natürlich im gesetzlichen Rahmen.

Andrea Brauer: Im August gab es zwei Aktionstage, um Quereinsteiger und Auszubildende für den Fahrdienst zu gewinnen. Ich hab’ da gern mitgeholfen, zumal ich selbst erst vor drei Jahren als Seiteneinsteigerin dazugekommen bin. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man nach fünf Monaten in der LVB-Fahrschule ganz locker jedes Fahrzeug durch Leipzig bewegen kann, auch der Umgang mit den Kunden klappt dann schon sehr gut. Zurzeit nehme ich an einer betrieblichen Qualifizierung teil, bei der man in anderthalb Jahren in ganz verschiedene Bereiche bis zur Leitstelle reinschnuppert. Es ist echt spannend, doch ich will in jedem Fall Fahrerin bleiben. Das ist für mich das Größte.

Und die Bezahlung?

Andrea Brauer: Es könnte natürlich immer etwas mehr sein, aber reicht für unsere Familie samt Kind.

Von Jens Rometsch

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