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LVB räumen Straßenbahn-Friedhof in Leutzsch

Tatra-Bahnen landen auf Schrottplatz LVB räumen Straßenbahn-Friedhof in Leutzsch

Jahrzehntelang haben sie die Leipziger durch das Stadtgebiet transportiert – jetzt will sie niemand mehr: Obwohl die Stahlpreise durch Dumping-Lieferungen aus China am Boden sind, wandern Dutzende alte Tatra-Bahnen in die Schrottpresse. Vorher werden sie im Straßenbahnhof Leutzsch zerlegt.

Mit Brachialgewalt werden Leipzigs alte Tatra-Bahnen auseinandergerissen. Baggerfahrer Frank Herrmann zerlegt an einem Tag sechs Wagen.
 

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Im alten Straßenbahnhof Leutzsch steuert Frank Herrmann den blauen Fuchs-Bagger, der den Uralt-Bahnen den Gnadenstoß versetzt. Drei Bahnen hat er am ersten Tag zerlegt, sechs sind es am heutigen zweiten Tag. Kurz vor Schichtende um 16 Uhr lässt Herrmann den Greifer seines Baggers nach der Bahn mit der Nummer 2052 langen. Die zwei Tonnen schweren Stahl-Krallen schließen sich um die vordere Kupplung des Triebwagens, umklammern sie und ziehen den ganzen Wagen wie eine Spielzeugbahn aus dem Pulk der abgestellten Veteranen heraus. Dann lässt er den Greifarm von oben auf das Dach der Bahn krachen. Die Stahlkrallen schlagen in den Fahrgastraum durch und schnappen sich ein paar Stahlteile der Dachkonstruktion, die bei dem Aufprall abgerissen wurden. Dann reißt der Bagger Stück für Stück die anderen Karosserieteile von der Bahn – bis nur noch das Fahrgestellt steht. Das wird morgen zerlegt – nachdem Spezialisten der LVB dort alles Wiederverwertbare demontiert haben.

Der Straßenbahnfriedhof in Leipzig-Leutzsch steht vor dem Aus. Die alten Bahnen wandern in die Schrottpresse.

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„Einige Teile der Drehgestelle können wir gut gebrauchen“, erzählt Jens Strobel, der das Abwracken beobachtet. Besonders begehrt seien Getriebestufen, Fahrmotoren und Bremsenteile, sagt der Leiter des Fahrzeugmanagements der LVB. „Die werden nicht mehr hergestellt.“ Auch auf die Leiterkarten der elektronischen Antriebssteuerung haben es die Ersatzteilsucher abgesehen. Denn die 20 Jahre alten Chips produziert heute niemand mehr. „Heute kann man sich viele Teile natürlich auch nachbauen lassen“, räumt Strobel ein. „Aber das ist sehr teuer.“

Manches geborgene Teil ist bereits ein Nachbau. „Zu DDR-Zeiten konnte der Tscheche ganz schlecht Ersatzteile liefern – vor allem für DDR-Mark“, weiß Strobel. „Deshalb haben damals oft kleine Handwerksbetriebe die Teile nachgebaut.“ Dies sei aber nicht überall gelungen – weil den DDR-Betrieben oft die Spezialtechnik dafür fehlte. Probleme bereiteten zum Beispiel die gewölbten Scheiben der Tatras. „Wir hatten zu DDR-Zeiten nur Flachglas, also gerade Scheiben“, erzählt Strobel. „Deshalb wurde sogar einmal statt des gewölbten Glases gerades eingebaut – mit zusätzlichen Streben.“

Heute ist das Nachbauen technisch kein Problem mehr. Auch die Tschechen liefern vieles. Doch die LVBler können inzwischen überall einkaufen und schauen genau auf die Preise. „Unsere Scheiben beziehen wir jetzt aus Israel, weil sie dort günstig sind“, so Strobel.

Auf dem Gelände ist auch Raik Döring, Einkaufsleiter der Firma Scholz Recycling, die die alten Tatra-Bahnen als Schrott von den LVB übernimmt und die zerlegten Teile mit Schwerlastern auf ihr Recycling-Gelände in Espenhain schaffen lässt, wo alles in noch viel kleinere Stücke zerlegt wird. „Unser Großschredder verarbeitet mehr als 100 Tonnen in der Stunde“, erzählt Döring. „Da sind diese alten Tatra-Bahnen in zwei bis drei Stunden zerlegt. Der Stahl geht dann an die Stahlwerke Brandenburg, Riesa und Unterwellenborn.“

Auf dem Gelände in Leutzsch hat sich auch ein halbes Dutzend Hobby-Straßenbahner eingefunden, die von dem Kehraus gehört haben. Jeder hat mindestens einen Fotoapparat dabei. Viele schauen betroffen. Wenn Straßenbahnen sterben, stirbt bei richtigen Fans ein Teil mit. Fahrzeugmanager Strobel unterdrückt solche Gefühle. „Das Alte geht weg und schafft Platz für Neues“, sagt er tapfer. „Die Dinge haben nun mal ausgedient. Es wird Zeit, dass diese Rumpelbude geräumt wird.“

Doch auch Strobel weiß, dass das Neue noch auf sich warten lässt. Fünf neue Straßenbahnen werden die LVB in diesem Jahr bekommen. Doch sie sollen erst Ende des Jahres kommen. „Ab 2017 sollen wir dann vier Jahre lang jeweils neun neue Straßenbahnen erhalten“, erzählt er. Laut Plan also bis Ende 2020 insgesamt 41 neue Straßenbahnen. „Wenn die Finanzierung klappt.“

Die LVB wollen mit der Indienststellung jeder neuen Straßenbahn zweieinhalb der noch verkehrenden 100 Tatras aus dem regulären Liniendienst nehmen. Diese Tatras sollen dann zunächst die Fahrzeugreserve vergrößern, die das Unternehmen für Großereignisse unterhält. „Wir hoffen, dass wir aus diesen Bahnen dann auch nach und nach weitere Ersatzteile ausbauen können, damit die restlichen Tatras noch bis zum Jahr 2020 rollen können“, skizziert Strobel den Zeitplan.

Niemand im Unternehmen weiß, ob diese Rechnung wirklich aufgehen wird. Wegen der wachsenden Stadt könnten die uralten Fahrzeuge vielleicht sogar noch bis 2022 oder 2024 rollen, wird gemunkelt. Dann würde die Ersatzteil-Lage kritisch werden.

Strobel hat sich auch deshalb vor der Abwrack-Aktion in Leutzsch jede alte Bahn ganz genau angeschaut. Mit einer Spraydose hat er zahlreiche Untergestelle mit einem roten Punkten versehen. Sie werden jetzt besonders akribisch filetiert, bevor sie ihre letzte Reise nach Espenhain antreten. Was man hat, das hat man, scheint der Fahrzeugmanager zu denken.

Von Andreas Tappert

Leipzig, Rathenaustraße 23 A 51.35636 12.31502
Leipzig, Rathenaustraße 23 A
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