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LVZ-Familienserie: Das sind die Lehmanns - Sohn Max leidet an Komplettspastik

LVZ-Familienserie: Das sind die Lehmanns - Sohn Max leidet an Komplettspastik

Die Lehmanns können leider nur etwas dezimiert fürs LVZ-Foto posieren. Vater Uwe (50) weilt zur Kur. Der älteste Sohn Maik ist 29, hat sich längst in die eigene Häuslichkeit aufgemacht.

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Sind ein eingespieltes Team: Maritta Lehmann mit ihrem Sohn Max.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Daheim halten aktuell zwei taffe Kräfte die Stellung - Mutter Maritta (50) und Sohn Max (17). Und deren Alltag unterschied sich schon von jeher etwas von dem anderer Familien.

Max leidet seit Geburt an einer Komplettspastik. "Das betrifft den ganzen Körper, schränkt die Motorik ein, verursacht Gleichgewichtsstörungen. So peu à peu wird es etwas schlechter mit dem Laufen", sagt Max - mit einer Selbstverständlichkeit, die spüren lässt: Da redet sich einer die Lage nicht schön, hat aber Strategien im Kopf, sie zu meistern. "Und -", sagt Max, "- wenn man wie wir hier ein eingespieltes Team ist, geht alles!"

Nichtsdestotrotz bahnen sich Veränderungen an. Was damit zu tun hat, dass Max die Kindertage nunmehr hinter sich lässt. Im Moment ist er noch Zehntklässler in der Schule für Körperbehinderte "Albert-Schweitzer". Im Sommer 2014 wird das Schuljahr vollbracht sein. Was dann? Max nickt: "Genau vor der Frage habe ich mich gefürchtet! Auf alle Fälle habe ich keine Lust, so Typisches zu tun, was man Behinderten gern zuweist. Im Büro Akten abstauben etwa. Ich habe Ideen, will mit Leuten diskutieren. Naja, und am liebsten, auch wenn es unreal ist, würde ich auf der Bühne stehen und spielen!" Max, wirft die Mutter ein, sei ein Mittelalterrock-Fan, gehe leidenschaftlich gern zum Wave-Gothic-Treffen. "Und ist jedesmal leidenschaftlich wütend, wenn er vor diversen Kellerdiscos steht und mit dem Rollstuhl nicht reinkommt!" Zumal solche Ausflüge für ihn so schon Tücken haben. "Ich sage nur LVB! Da sollst du winken, damit dich die Fahrer an der Haltestelle wahrnehmen. Mehr oder weniger begeistert steigen die dann aus, legen dir die Klappe an, die oft zu steil für den Rolli ist. ,Na, da sin

' se der Erschte, wo ' s nich glabbt!', kriegste dann zu hören. Und wenn du fragst, ob sie mal mit anfassen können, heißt ' s ,Nee. das darf ich eischentlich nich. Da gönnte was am Rolli gabudd gehn'." Klar muss man feixen, wenn Max das so parodiert. Kann man auch - im guten Wissen: Der sagt der Menschheit schon, was Phase ist. Eine Eigenschaft, die ihm bereits Posten einbrachte! Die Klasse wählte ihn zum Sprecher; der Schülerrat der Schule zum Chef; der Stadtschülerrat zum Vorsitzenden der Förderschulen. Wobei Max ja auch eine hauseigene Beraterin zur Seite weiß. Mutter Maritta, die wiederum seit Jahren Elternratsvorsitzende an Max

' Schule ist. Die beiden "Ehrenamtler" investieren diesbezüglich ordentlich Freizeit. Maritta zum Beispiel sitzt allein schon jeden Abend statt vorm Fernseher vorm PC, um vieles zu managen. "Wir haben Aufgaben wie andere Schulen auch. Baufragen, Versorgung. Und zusätzlich eben auch Probleme wie die Gewährleistung des Fahrdienstes, den Stellenerhalt von Krankenschwestern."

Was jedoch auch nicht zu unterschätzen ist: Seit Max auf der Welt ist, gilt es, sich mit Ämtern, Behörden und Kassen auseinanderzusetzen. "Irgendetwas, um das man kämpfen muss, gibt es da immer", sagt die Mutter. Bei jedem neuen Rollstuhl ("Ein Kind wächst ja") müssen neue Gutachten her. Jede neue Orthese muss umständlich beantragt werden. Zuletzt ging es um kaputte orthopädische Schuhe, deren Reparatur eine Woche brauchte und für die Max kein "Interim" bekam. "Die Telefoniererei, das viele Schreiben stört mich nicht mal mehr", winkt Maritta Lehmann ab. "Und wir verlangen ja auch nur ,Mittel der Grundversorgung'. Aber wenn ich da zu hören kriege, um bei den Schuhen zu bleiben, ,Na er kann doch mal eine Woche barfuß gehen ' , bin ich sauer!"

Im Vorjahr hatte sich Max ' Mutter von ihrem Friseurgeschäft "verabschiedet", um bei ihrem Mann mitzuarbeiten. Er ist Taxiunternehmer. Und zuletzt hatten beide dann doch "einfach nur noch viel zu viel um die Ohren" gehabt. Doch auch jetzt noch starten Lehmanns früh gegen 6 Uhr alle in den Tag. Max, dabei die Selbstständigkeit zu proben, versucht sich immerhin allein mit der Morgentoilette, verzichtet auf Mutters helfende Hände. 7.10 Uhr wird er gen Schule chauffiert. Ist er gegen 16 Uhr zurück, vollzieht sich ein "Ritual": Vater und Sohn trinken Kaffee, futtern Kuchen. Max schließt halb die Augen, schwärmt: "Himmlisch, wenn ich da in so einen saftigen, fluffigen Amerikaner beißen kann!" Danach verkrümeln sich die Lehmänner. Die Großen wieder zum Job. Der Sohn zu Hausaufgaben und Hobby. "Ich schreibe selbst gern Texte oder Lieder - Aber abends ist es allen wichtig, zusammen Abendbrot zu essen", erzählt er. Daran werde ebenso festgehalten wie am gemeinsamen Boxen-Gucken samstags.

"Wir sehen uns jetzt allerdings auch an einer Stelle angekommen, wo wir als Eltern mal wieder was für uns machen können", meint Maritta mit Blick auf den flüggen Sohn, der mittlerweile per Rolli auch solo auf die Piste geht. Versuchsweise fliegen dann Vater und Mutter schon mal übers Wochenende aus. "Auf Großeltern können wir leider nicht zurückgreifen. Aber wir haben seit Kurzem einen Pflegedienst hinzugezogen. Klappt super. Max braucht eigentlich nur morgens beim Duschen und Anziehen Unterstützung, alles andere kriegt er hin." Sollten sich ungeahnte Nöte auftun, könne auch ein SOS-Notruf an Bruder Maik abgesetzt werden. "Und an meine Freunde. Ich habe viele!", sagt Max. "Wenn ich anrufe, sind sie da."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.10.2013

Angelika Raulien

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