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Lokales LVZ-Online-Interview mit Meigl Hoffmann: Leipziger Capa-Haus bietet historische Chance
Leipzig Lokales LVZ-Online-Interview mit Meigl Hoffmann: Leipziger Capa-Haus bietet historische Chance
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12:33 09.02.2012
Meigl Hoffmann ist Kabarettist und Mitglied der Capa-Haus-Initiative. Quelle: Regina Katzer
Leipzig

Im LVZ-Online-Interview spricht er unter anderem über das berühmte Kriegsfoto, das Robert Capa 1945 im Haus geschossen hat und verrät, warum ihn das Bild des toten US-Soldaten seit 25 Jahren nicht mehr los lässt.

Frage:

Das Haus an der Jahnallee 61 wird für einen Euro zwangsversteigert. Möchten Sie es kaufen?

Meigl Hoffmann:

Nein, ich bin Künstler und kein Immobilien-Mensch. Was die Zwangsversteigerung des Hauses angeht sehen wir uns, von der Initiative Capa-Haus, eher als Ideengeber für den künftigen Investor. Außerdem ist das auch eine Geldfrage. Die Sanierung des Gebäudes erfordert einen hohen finanziellen Aufwand. Zudem muss der neue Investor auch die bisherigen Erhaltungskosten der Stadt Leipzig zahlen. Es kostet also bedeutend mehr als einen Euro.

Was wären denn Ihre Vorschläge für das Haus?

Es würde sich anbieten ein „Capa-Café“ mit amerikanischem Flair zu eröffnen. Es gibt sogar noch originale Möbel, die sich momentan in Kassel befinden und sich für eine Ausstellung eignen würden. Es sollte natürlich keinen Disney-Land-Charakter bekommen. Man könnte aber mit Installationen gut zeigen, wie das Haus mal ausgesehen hat. In den oberen Stockwerken kann man eine Fotoausstellung einrichten und natürlich auch wohnen.

Und wenn der Investor etwas ganz anderes vor hat?

Der Rasen-Ballsport Leipzig wäre ein potentieller zukünftiger Nutzer. Die könnten das Haus für ihre Verwaltung nutzen. Das neue Trainingsgelände liegt ja gleich ums Eck. Eine Vereinskneipe wäre auch eine Möglichkeit. Die Lage des Hauses ist gar nicht so schlecht, wie sie oft dargestellt wird. Der Clara-Zetkin-Park befindet sich gleich dahinter, genauso wie der Lindenauer Markt. Wenn der Investor hier etwas draus macht, und ich es mir leisten kann, dann zieh ich nach Lindenau.

Glauben Sie, die Leipziger interessieren sich wirklich dafür, was mit diesem einsturzgefährdeten Gebäude passiert?

Es gibt mit Sicherheit bedeutendere Häuser in Leipzig. Aber die Geschichte, als Mahnmal gegen den Krieg, ist ein wesentlicher Punkt, dieses Haus zu erhalten. Leipzigs Geschichte ist nicht nur die Völkerschlacht und Bach. Das Völkerschlachtdenkmal ist natürlich auch wichtig, aber das Ende des Zweiten Weltkrieges ist für unser Jahrhundert und unsere Region zusammen mit der Wende das wohl wichtigste historische Ereignis. Wenn der neue Investor diese geschichtlich einmalige Chance nicht nutzt, dann greife ich mir einfach nur mehr an den Kopf.

Was glauben Sie, warum hat die Stadt Leipzig einen möglichen Abriss überhaupt genehmigt?

Ich glaube, die Stadt war sich der historischen Bedeutung des Hauses einfach nicht bewusst. Nach 40 Jahren DDR haben wir ein zwiespältiges Verhältnis zu den USA aufgebaut. Die Vorstellung, dass hier Amerikaner waren, ist einfach nicht so verfestigt. Bis zum Jahr 1989 hat es im Stadtgeschichtlichen Museum kein einziges Foto von der amerikanischen Befreiung gegeben. Es wurde also nichts in Museen ausgestellt. Der Prozess hat erst nach der Wende langsam begonnen. Und das Haus in der Jahnallee ist der authentischste Ort, um diese Geschichte zu erleben.

An den Kopf greifen und ärgern ist eine Möglichkeit. Wird die Initiative auch konkrete Aktionen setzen, sollte der neue Investor das Haus abreißen wollen?

Keine Angst, wir werden uns nicht an das Haus ketten, sollte es abgerissen werden. Die Capa-Haus-Initiative möchte lieber einen künftigen Investor ermuntern und mit Ideen unterstützen. Fakt ist: Es wird etwas mit dem Haus passieren, so oder so. Niemand würde es kaufen, und die ganzen Erhaltungskosten tragen, wenn er keinen Plan hätte, was er mit dem Haus anstellen will.

Das Dach des Gebäudes hat zu Neujahr gebrannt. Die Ermittlungen zur Brandursache sind nach wie vor noch nicht abgeschlossen, weil der Komplex laut Behörden einsturzgefährdet ist. Waren Sie nach dem Brand im Haus?

Ich war das letzte Mal im November vergangenen Jahres im Gebäude. Es ist sicherlich teilweise einsturzgefährdet, aber auch nicht so leicht zu erschüttern. Interessant ist auch, dass Fotografen nach dem Brand Fotos geschossen haben und auch immer wieder Privatpersonen, zum Beispiel Blogger, Bilder vom Inneren des Gebäudes machen, wovor ich aber nur jeden warnen kann – die Polizei setzt hingegen keinen Schritt in das Haus. Wenn Privatpersonen das Risiko eingehen, warum dann nicht die Polizei? Am Ende ist es aber auch nicht wichtig, ob es Brandstiftung oder ein Unfall war. Wichtig ist, dass das Haus jetzt von der Stadt zur Erhaltung notgesichert wird. So können wir hoffen, dass es durch den Winter kommt. Da sind die Zeichen aus dem Rathaus ermutigend.

Sie beschäftigen sich seit 25 Jahren mit dem Haus an der Jahnallee und seiner Geschichte. Warum? 

Erstens habe ich einen persönlichen Bezug zu der deutsch-amerikanischen Geschichte und zweitens hat mich das Bild des getöteten amerikanischen Soldaten sehr erschüttert, als ich es zum ersten Mal sah. Der persönliche Zusammenhang besteht darin, dass ich mit den Geschichten meines Vaters aufgewachsen bin. Er hatte während des Zweiten Weltkrieges amerikanische Soldaten einquartiert. Als ich ein Kind war, haben wir im Dachboden gewühlt und viele historische Utensilien aus dieser Zeit gefunden. Viele Jahre später habe ich das Bild von Robert Capa zum ersten Mal gesehen. Es zeigt einen US-Soldaten, der am 18. April 1945 von einem deutschen Soldaten erschossen wurde. Beeindruckt von dem Bild, wollte ich einfach mehr wissen. Seit dem habe ich mit den Jahren immer mehr historisches Material gefunden und konnte auch mit zwei amerikanischen Veteranen Gespräche führen. Das war sehr bewegend. Sie festigten in mir die Überzeugung von der Sinnlosigkeit jedes Krieges. Einer der bedeutendsten Momente war, als der erschossene Soldat nach 67 Jahren wieder einen Namen bekam. Er hieß Raymond J. Bowman und wurde nur 21 Jahre alt.

Manuela Tomic

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