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LVZ-Straßenbahn-Serie: Manchmal leuchtet es wieder in Paunsdorf

„In der Spur“ LVZ-Straßenbahn-Serie: Manchmal leuchtet es wieder in Paunsdorf

Mit der LVZ-Serie „In der Spur“ zeigen wir Leipzig von einer speziellen Seite. Wir erkunden die Stadt mit der Straßenbahn. Wer lebt entlang der Strecken, in den Kiezen, wie ist das Lebensgefühl dort?

Die Linie 7 fährt an einer der letzten großen Industrieruinen der Stadt vorbei: am früheren VEB-Leuchtenbau.
 

Quelle: Björn Meine

Leipzig. Ein paar Meter weiter wühlt sich Andrea Aster durch ihren gerade erstandenen Garten in der Anlage „An den Sprikken“. „Ich suche einen Ausgleich und ein bisschen Ruhe hier draußen“, erzählt die Leutzscherin, die im Herzzentrum arbeitet. Die große Wiese vor der Hütte ist völlig verkrautet. „Es gibt keinen Garten ohne Kraut gibt“, tröstet Hans-Jürgen Druglat. Der 72-Jährige hat ein paar Grundstücke entfernt seine 300-Quadratmeter-Parzelle. Das Kraut hat er fast ausgemerzt. Und was hier nun alles wächst! Heidel- und Johannisbeeren, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, Kartoffeln, Möhren, Gurken, Salat, Fenchel, Pfirsiche, sogar kleine Kiwis. Ein altes Bierfass aus der Sternburg-Brauerei diente seinem Enkel schon als Badewanne, vor allem aber fängt Druglat hier Regenwasser auf – an das ausgeklügelte System sind weitere Tonnen angeschlossen. Hans-Jürgen Druglat ist gelernter Schlosser, war zuletzt als Obermeister im Kirow-Werk tätig. 1965 hatten die Schwiegereltern den Garten hier bekommen. Die Druglats wohnen sonst in Böhlitz-Ehrenberg, aber jetzt, im Sommer, sind sie jeden Tag hier draußen. Hans-Jürgen Druglat macht einen zufriedenen Eindruck, aber was ihn stört, ist die Lustlosigkeit und das fehlende Engagement vieler Gartenfreunde. Von Böhlitz-Ehrenberg aus verkehrt die Linie 7 Richtung Osten bis nach Paunsdorf. Sie zuckelt vorbei am Rathaus Leutzsch und dem Diakonissenhaus.

In der Georg-Schwarz-Straße hat sich viel getan in den letzten Jahren. Und doch lugt an manchen Ecken noch ein wenig der morbide Charme früherer Jahre hervor. „Die Entwicklung der letzten zehn Jahre ist sehr interessant“, sagt Buchhändler Matthias Herfurth (34). Es seien Leute zugezogen, und viele Jüngere hätten Läden eröffnet. Eines dieser neueren Geschäfte ist die „rad3 UG“. Das Unternehmen verkauft und verleiht Lastenräder. Seit fünf Jahren hat es seinen Sitz in der Erich-Köhn-Straße. „Das Geschäft wurde damals von drei Leuten gegründet, die der Meinung waren, dass Leipzig Lastenräder braucht“, erzählt Geschäftsführerin Susann Reuter. Inzwischen hat das vierköpfige Team ganz ordentlich zu tun. Für jeden Zweck gibt es das richtige Vehikel. Die Kunden: Eltern, die ihre Kinder ohne Auto zur Schule bringen wollen. Ein Gewerbetreibender, der seinen Wein vom Lager ins Bistro schaffen muss. Party-Veranstalter, die eine mobile Rad-Theke zum Getränkeverkauf brauchen. Politische Parteien, die mit ihrem Wahlstand alle (un)möglichen Orte erreichen wollen. Und: Ein Bräutigam, der sich für seine Braut abstrampeln will – anstatt mit einem fetten Hochzeitsauto vorzufahren. „Ein Kunde leiht sich jedes Jahr ein Lastenrad, packt Grill und Bier drauf, fährt in den Park und feiert da mit Freunden Geburtstag“, berichtet Susann Reuter.

Mit der Bahn geht es weiter, vorbei am Theater der Jungen Welt und dem Lindenauer Markt über die Angerbrücke ins Zen-trum, weiter Richtung Osten, rein ins belebte Reudnitz und dann nach Paunsdorf. Nach dem Straßenbahnhof biegt die Bahn scharf links ab und es geht raus ins Grüne, bevor sich die großen Plattenbauten Bahn brechen. Kurz nach dem Paunsdorf-Center endet die Linie in Sommerfeld. Hier kommt nicht mehr viel, aber ein paar Haltestellen vorher, an der Riesaer Straße, erhebt sich eine der letzten großen Industrieruinen Leipzigs, die riesige Halle des früheren VEB Leuchtenkombinats.

Gegenüber betreibt Achilles Tampoulidis seit 2005 sein „Galerie-Restaurant“. 2000 war der Grieche mit seiner Familie nach Deutschland gekommen. Wenn man den gelernten Dachdeckermeister aus der Nähe von Thessaloniki antippt, kommt man schnell ins Gespräch mit ihm; er will was loswerden. Deshalb hat er 2010 auch angefangen zu malen – einfach so. „Irgendwann muss man die Energie weitergeben.“ In seinem Lokal, in dem sieben Mitarbeiter tätig sind, hängen mehrere Werke des 44-Jährigen.

„Ich liebe Deutschland, Deutschland hat mir sehr geholfen“, erzählt Achilles. Dabei hat der Grieche, der seit 2015 auch einen deutschen Pass hat, eines eben gerade nicht getan: sich auf fremde Hilfe verlassen. Er nimmt die Dinge selbst in die Hand. Vor ein paar Tagen hat der zweifache Familienvater gerade seinen Motorrad-Führerschein gemacht. Er ist glücklich hier. Vor allem in Leipzig. „Wir hätten nicht gedacht, dass Leipzig abgeht wie eine Rakete.“

Achilles Tampoulidis hat ein großes Thema: Ordnung. Deutsche Ordnung. Der klare Rahmen ist für ihn das Erfolgsrezept schlechthin. „Denn in diesem Rahmenj kannst Du alles machen in Deutschland.“ Wo die Ordnung fehlt, wird es nichts, sagt Achilles und hält den Zeigefinger auf seine Heimat. In Zeiten der griechischen Finanzkrise habe es auch Kunden gegeben, die ihm mit herablassenden Worten ein Trinkgeld zugesteckt haben. Achilles hat nichts gesagt. Aber so etwas schmerzt ihn, sagt er. Die meisten Menschen seien aber nicht so.

Die letzten Sonnenstrahlen spiegeln sich in den alten Fensterscheiben des VEB Leuchtenbau. Aus der Ferne hört man eine Musikband proben. Entspannte Stimmung auf dem Freisitz in der Riesaer Straße. Achilles erzählt, dass sie ihn immer ein bisschen aufziehen wollen, wenn er manchmal in die alte Heimat fährt, um seinen Onkel zu besuchen. Dann kriegt er seine deutschen Tugenden aufs Brot geschmiert. Achilles lächelt. Und schenkt einen ordentlichen Ouzo aus.

Der Fahrer in der 7

René Vogel

René Vogel.

Quelle: André Kempner

Seit der gelernte Dachdecker René Vogel (32) vor drei Jahren seinen Job an den Nagel gehängt hat, ist er bei den LVB, zunächst als Kontrolleur, jetzt als Fahrer. Der Paunsdorfer wohnt nur wenige Gehminuten von der Haltestelle entfernt und fertigt Straßenbahnmodelle in Gartenbahngröße an. Vogel fährt mit Vorliebe auf der 7. „Am ruhigsten ist es in Böhlitz-Ehrenberg, da kann ich früh Rehe und Hasen sehen. Wilder ist es in Sommerfeld. Na und das Herz der Strecke ist mitten in der Stadt.“ Er fährt „Straßenbahn“ oder „Tram“. „Bimmel klingt mir zu altmodisch.“

Die Entenbräter an der 7

Holger und Corina Klemenz

Holger und Corina Klemenz.

Quelle: André Kempner

Als „Schlosskrug Gundorf“ kennen die meisten Leipziger das Restaurant nicht. Wenn von der Entenbraterei die Rede ist, fällt der Groschen dagegen schon eher. Seit 2004 betreiben (49) und Corina Klemenz (42) ihr Geschäft in der Leipziger Straße. Der Chef ist schon seit 22 Jahren selbstständig, hielt vorher die Bowlingbahn Bollerfritze in der Berliner Straße unter Dampf. Gelernt hat Holger Klemenz noch im früheren Hotel Astoria. Neben den Entengerichten in verschiedensten Variationen ist das hausgemachte Eis eine weitere Spezialität.

Die Händler an der 7

Sergej und Valentina Robu

Sergej und Valentina Robu.

Quelle: Björn Meine

An der Georg-Schwarz-Straße/Ecke Calvisiusstraße steht ein durch und durch sympathisches Ehepaar hinter der Theke in ihrem Obst- und Gemüseladen. Schon seit 19 Jahren sind Sergej Robu (52) und seine Frau Valentina (53) hier in Deutschland. Er stammt aus der Ukraine, sie aus Weißrussland. „Wir sind international“, sagt Sergej und grinst. Seine Frau stellt eigenen Joghurt her, Kartoffel- und Nudelsalat. „Eine Zeitlang war es hier sehr schlecht“, erzählt er, „aber es wird besser. Es kommen immer mehr junge Leute mit Kinder hierher.“

Der Sanierer an der 7

Bernd Sieber

Bernd Sieber.

Quelle: Björn Meine

Vor drei Jahren hat Bernd Sieber (67) das alte Zentralgebäude vom Paunsdorfer Leuchtenbau gekauft und saniert. Es liegt am Ende eines Stichweges neben der Industriebrache. Sieber lebt hier und betreibt vor Ort einen Containerdienst. Das große Haus ist schick saniert, aber ein Teil des Grundstücks wird von einem Wellblechzaun abgeschirmt, dahinter rauschen ICEs durch, ringsherum sieht es öde aus. Doch Bernd Sieber, gebürtiger Eichsfelder und seit 40 Jahren in Leipzig, sagt: „Es klingt vielleicht albern, aber ich bin hier angekommen, ich fühle mich sehr wohl, ich bin hier Zuhause.“

Von Björn Meine

Leipzig 51.339695 12.373075
Leipzig
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