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LVZ-Straßenbahnserie: Familiäres Gohlis, genussvolles Zentrum

„In der Spur“ LVZ-Straßenbahnserie: Familiäres Gohlis, genussvolles Zentrum

Mit der LVZ-Serie „In der Spur“ zeigen wir Leipzig von einer speziellen Seite. Wir erkunden die Stadt mit der Straßenbahn. Wer lebt entlang der Strecken, in den Kiezen, wie ist das Lebensgefühl dort? Heute: die Linie 12.

Die „12“ ist die einzige Straßenbahnlinie, mit der sich der Zoo in der Pfaffendorfer Straße direkt ansteuern lässt.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Bulette, Bulette, Bulette“, antwortet Margitta Schneider auf die Frage, was denn die Straßenbahnfahrer so bestellen. „Oft holen sie sich eine in der kurzen Pause bis zu ihrer nächsten Abfahrt.“ Schneiders Imbiss ist beliebt – nicht nur beim LVB-Personal. Zur Mittagszeit kommen immer die Stammgäste. Leute aus dem nahe gelegenen Wohnviertel. „Und Arbeiter, wenn mal wieder eine Baustelle um die Ecke ist“, erzählt die 66-Jährige mit fröhlicher Mine. Sie betreibt mit ihrem Mann seit 1986 den Kiosk am Start- und Endpunkt Gohlis-Nord. Seit 1995 ist das Imbiss-Stübchen mit dran.

Das Ehepaar öffnet jeden Tag spätestens um 8 Uhr, auch am Wochenende. Dafür reist es extra aus Holzhausen an. „Wir machen das aus Liebe zum Beruf – weniger des Geldes wegen“, so Margitta Schneider. Angeboten wird herzhafte Hausmannskost: Schnitzel, Bratkartoffeln, Nudelsalat, Sauerbraten, Rouladen, Goulasch. Alles selbst gekocht, wie die freundliche Frau versichert. Zu DDR-Zeiten sei es bei den Schneiders stets voll gewesen. „Manchmal ging die Schlange bis zur Litfaßsäule, die damals hier noch stand.“

Heute stellt der Imbiss einen familiären Treffpunkt für ältere Leute aus dem Viertel dar. Einen Ort, wo man sich gepflegt unterhalten kann. Gern auch über die normalen Ladenschlusszeiten hinaus. „Vor 18.45 Uhr kommen wir in der Regel nicht weg“, sagt Margitta Schneider. Drei Jahre will sie noch weiterarbeiten. Dann sei Schluss. Existenzangst habe sie keine – trotz der vielen Geschäfte, die im Stadtteil weggebrochen sind.

Im Wohnquartier auf der anderen Seite der Virchowstraße ist Hannelore Schulze (88) zu Hause. Seit 1960, wie sie betont. „Ich habe das alles praktisch mit ausgeschachtet. Lebe noch im selben Haus wie damals.“ Sie schätzt die Nähe zum Arthur-Brettschneider-Park in Eutritzsch, den sie oft zum Spazierengehen besucht. Ebenfalls zufrieden mit der Gegend ist Carine Becker (29). Die junge Altenpflegerin flohlockt über die idyllische Ruhe – nicht zuletzt wegen ihres Babys.

Die Linie 12 rollt von ihrer nördlichen Wendeschleife in Richtung Süden, nach Gohlis-Mitte. Dort vertreibt Michael Steinbach gegenüber der Haltestelle „Virchow-/Coppistraße“ alle Varianten von Sehhilfen. Der Augenoptiker ist in dritter Generation tätig. „Mich reizt die Vielschichtigkeit meines Berufs. Die Kombination aus Handwerk und gesundheitlicher Beratung.“ Seine Firma besteht seit 1904, war ursprünglich im Specks Hof in der Innenstadt ansässig, musste Leipzigs älteste erhaltene Passage nach der Wende allerdings verlassen. „Seit 2001 bin ich ausschließlich in Gohlis“, sagt Steinbach, der in seinem Laden auch künstliche Augen anfertigen lässt.

Der Stadtteil habe sich seiner Ansicht nach stabil entwickelt. Jede Baulücke werde inzwischen geschlossen. Und die kleinen Kneipen könnten sich halten. Anwohnerin Gerhild Schalow, die am Haltepunkt vorbeiläuft, spricht von einem bürgerlichen Stadtteil, in dem es sich sehr gut wohnen lässt. „Es könnte aber noch mehr Restaurants geben.“

Ein leichter Rechtsschwenk treibt die „12“ auf die Lützowstraße. Vor dem S-Bahnhof Gohlis geht der Blick nach rechts zum Heinrich-Budde-Haus. Die 1891 erbaute Villa reüssiert mittlerweile als soziokulturelles Zentrum, das von rund 25 Vereinen, Initiativen und privaten Anbietern rege genutzt wird und allen Altersgruppen Raum für künstlerische und kulturelle Aktivitäten, für Begegnung und Bildung bietet. Zum Verweilen im Freien lädt der gemütliche Biergarten mit zwei Imbiss-Häuschen und Bier vom Fass ein.

Stört eigentlich der Verkehrslärm? Immerhin rast die S-Bahn ständig beidseitig über die hiesige Doppelbrücke. „Die Züge sind nicht das Problem“, sagt ein junger Anwohner zwischen Blochmann- und Blumenstraße. „Die hört man fast gar nicht. Die Straßenbahn ist da viel lauter. Wenn die mit ihren alten Tatras vorbeifährt, biegen sich bei uns die Fenster.“

Im Eiltempo rauscht die Straßenbahn weiter. Biegt auf die von Bäumen und Restaurants flankierte Gohliser Straße ab. Tangiert den Poetenweg, der nicht nur zur Gosenschenke führt, der einzigen ihrer Art an historischer Stelle in Leipzig. Sondern auch zum Gohliser Schlösschen, dem letzten noch erhaltenen großbürgerlichen Landhaus der Barockzeit. An der Ecke Trufanowstraße will ein älteres Ehepaar ins Gasthaus „Ofenrohr“ einkehren. „Wir essen gerne hier. Gerade im Sommer ist es draußen sehr angenehm.“

Die Michaeliskirche am Nordplatz kündigt mit ihren Glockenschlägen die Mittagszeit an. Norbert Knobloch-Armbrüster flaniert unter den Schatten werfenden Bäumen. „Das Viertel ist für uns ideal“, meint der 82-jährige Pensionär. „Es ist stadtnah, ruhig gelegen und die Straßenbahn ist gleich um die Ecke.“ Einen kritischen Aspekt spricht hingegen eine junge Mutter an, die in der Michaelisstraße wohnt: „Es gab zuletzt mehrere Einbrüche in Keller und Briefkästen. Haustüren wurden manipuliert. Wir wollen deshalb bald umziehen.“

Vorbei am munteren Treiben vor dem Zoo umfährt die Bahn die Innenstadt im Norden und Osten. Am zentrumsnahen Johannisplatz, wo das berühmte Grassi-Museum steht, ist Sekretärin Viktoria Swaczyna (23) zu Hause. Ihr Fazit: „Super Lage, viele Bars und tolle Shoppingmöglichkeiten.“ Dass es nachts auch mal lauter werden kann durch feierwütige Passanten, stört sie nicht. „So ist das eben in einer Großstadt wie Leipzig.“ Krankenpfleger Michael Hösel (29) verweist auf die Dynamik im angrenzenden Graphischen Viertel: „Es tut sich einiges. Viele Gebäude werden neu gemacht. Hier zu wohnen, wird immer schöner.“ Anhand der Straßennamen finden sich viele der ehemals ansässigen Verlagshäuser wieder. Erinnerungen an die Zeit um 1900, als Leipzig Hauptstadt des deutschen Buchhandels war.

Im Normalbetrieb verkehrt die „12“ entlang der Prager Straße zum Ostplatz und anschließend weiter bis zum Technischen Rathaus, von wo es für sie wieder zurück ins familiäre Gohlis geht.

Die Fahrerin in der 12

Kerstin Werner ist auf der Linie 12 anzutreffen

Kerstin Werner ist auf der Linie 12 anzutreffen.

Quelle: André Kempner

Auf Leipzigs kürzester Strecke ist Kerstin Werner (50) unterwegs. Seit 1985 fährt die Wiederitzscherin Bahn, holte 2016 mit ihrem Kollegen Helmut Nitzschke sogar Silber bei der Tram-EM. „Die 12 ist eine meiner Lieblingslinien, weil sie zum Zoo führt. Der ist ein Highlight.“ In der Pfaffendorfer Straße müsse sie aber auch hellwach sein. „Da ist viel los und oft Stau.“ An besondere Nettigkeiten könne sie sich auf der „12“ allerdings nicht erinnern. „Auf der 16, ja da gab’s Weihnachten von einer Omi mal eine Tüte Plätzchen. Das freut einen natürlich.“ Verblüfft sei sie übrigens immer wieder, dass am liebsten alle Fahrgäste zur ersten Tür rein wollen. „Sie ist die kleinste, engste und hat Stufen. Dieser Stau bringt mich jedes Mal in Verzug.“

Die Schneiderin an der 12

Kornelia Gebhardt vor ihrer Änderungsschneiderei in Gohlis

Kornelia Gebhardt vor ihrer Änderungsschneiderei in Gohlis.

Quelle: André Kempner

Jacken, Hosen, Mäntel ihren Besitzern anpassen – das ist die Aufgabe von Kornelia Gebhardt (56). Die Änderungsschneiderin führt die „flinke Nadel“ in der Lützowstraße 25 in Gohlis. Zuvor war sie in der Stoffgalerie im Gewandgässchen tätig, musste den Laden aber auf Wunsch des Eigentümers im November 2016 räumen. Mit dem neuen Standort ist sie überaus zufrieden. „Es ist lichtdurchflutet und ich habe Blickkontakt zu den Passanten“, sagt die gebürtige Leipzigerin, die seit über 30 Jahren in der Branche arbeitet. Fast alle Stammkunden habe sie behalten, selbst eine Schweizerin sei darunter. „Ich habe mir gesagt: Wenn ich nochmal irgendwo neu anfange, dann in meiner Heimat Gohlis.“

Die Vinothek an der 12

Freunde vom guten Wein aufgepasst: Im Château 9 in der Dresdner Straße 5 gibt es rund 350 Weine zum Kaufen und vor Ort Genießen, darunter zahlreiche aus Deutschland. „Nationale und internationale Weine halten sich bei uns in etwa die Waage“, verrät Geschäftsführer Stefan Maas. Das 2015 errichtete Etablissement ist Café, Weinbar sowie Wein- und Feinkosthandlung. In der sowohl Sammler edler Tropfen als auch Studenten mit schmaler Geldbörse fündig werden. Hungern muss gleichwohl niemand. „Zu unseren Weinen reichen wir abends köstliche Kleinigkeiten – hochwertiges Essen aus regionaler und saisonaler Küche“, sagt Maas. „Ich sehe uns als einen Zufluchtsort für Genießer.“

Das Kork-Studio an der 12

Anke Winkler im Kork-Studio Winkler in Reudnitz-Thonberg

Anke Winkler im Kork-Studio Winkler in Reudnitz-Thonberg.

Quelle: André Kempner

„Unser Herz schlägt für das Material Kork“, erzählt Anke Winkler, die mit ihrem Mann Uwe das Kork-Studio Winkler, ein Fachgeschäft für Bodenbelege, in der Prager Straße 40 in Reudnitz-Thonberg betreibt. Vor zweieinhalb Jahren sind sie von der Eisenbahnstraße hergezogen. „Es ist sauber und wir haben einen angenehmen Ausblick“, lautet ihr Fazit zum neuen Standort. Das Unternehmen existiert seit rund 25 Jahren und hat am Anfang Pionierarbeit geleistet. „Kork war früher ein Exot, den man den Kunden erst einmal vermitteln musste“, sagt Anke Winkler. „Das Naturprodukt hat tolle Eigenschaften. Es ist elastisch, gelenkschonend sowie wärmedämmend und -leitend zugleich.“

Von Matthias Klöppel

Leipzig 51.3396955 12.3730747
Leipzig
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