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Lokales LVZ-Straßenbahnserie: Familiengefühle in Taucha, neue Heimat in Plagwitz
Leipzig Lokales LVZ-Straßenbahnserie: Familiengefühle in Taucha, neue Heimat in Plagwitz
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15:42 19.07.2017
Haltestelle Elster-Passage in der Zschocherschen Straße mitten in Plagwitz. Die Linie 3 verkehrt hier als einzige Straßenbahnlinie  Quelle: André Kempner
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Leipzig

Die Tauchschen sind eine kleine Familie“, sagt Tanja Fischer und strahlt über das ganze Gesicht. Seit 25 Jahren betreibt sie das Reisebüro Paradies in Taucha – direkt gegenüber der Start- und Endhaltestelle „An der Bürgerruhe“. Fischer wohnt in Mockau, hat aber in den Jahren enge Drähte zu den Menschen hier gespannt. Nicht nur über ihr Reisebüro; sie ist auch Mitglied im Heimatverein. Tanja Fischer stammt aus Odessa in der Ukraine, lebt aber schon ewig in Deutschland. In der DDR war die Diplom-Ingenieurin beim Volkseigenen Betrieb (VEB) Starkstromanlagenbau Leipzig-Halle tätig. Nebenbei führte sie schon damals Touristen durch die Stadt. Und sattelte nach der Wende komplett um. Unter ihren Kunden hat sie Freunde gefunden. Es kommt immer mal wer rein, stellt selbst gebackenen Kuchen hin und sagt: „Frau Fischer, wollen wir nicht Kaffee trinken?“ Tanja Fischer ist Kontaktperson, Instanz, Beichtmutter – ein Gesicht in Taucha. In Rente gehen darf die 64-Jährige nicht, wenn es nach den Kunden geht. Aber sie will auch nicht.

Ein paar Meter weiter, in der Lindnerstraße, hat das Modehaus Fischer sein Stammhaus. Von hier führt Ulrich Fischer die Geschäfte des 185 Jahre alten Unternehmens, das heute 16 Filialen in ganz Mitteldeutschland zählt.

Gegenüber der Haltestelle „An der Bürgerruhe“ lädt Anke Stübner gerade Einkäufe ins Auto. „Ich wohne am anderen Ende der Stadt, da ist es schon sehr dörflich“, erzählt die Tauchaerin. „Und trotzdem ist man schnell in der Stadt, der Wohnraum ist noch bezahlbar.“

Die Haltestelle ist schön gelegen, große Bäume werfen Schatten auf die Bänke unten; hier lässt es sich aushalten, bis die Linie 3 loszuckelt. Bald hat sie Taucha verlassen, rollt unter der Autobahn 14 durch. Linkerhand fällt das „Espitas-Restaurant“ auf. Das im Hacienda-Stil erbaute Lokal in der Torgauer Straße mit seiner Holzfassade sticht auch deshalb so heraus, weil ringsrum sonst fast nur Gewerbehallen und Firmen zu sehen sind. Die Espitas-Kette hat mehrere Restaurants in Mitteldeutschland, seit 2015 auch in Leipzig. Der Landhaus-Stil zieht sich durchs ganze Gebäude. Mittags gibt es ein mexikanisches Buffett, und wem es zu heiß wird, der kann auf dem Sonnendeck des Hauses sogar in einen kleinen Pool hüpfen. Wenn dann noch mexikanische Klänge durch die Hacienda fliegen, lässt bald fast nur noch der Straßenlärm daran erinnern, wo man hier gerade is(s)t.

Nach dem Restaurantbesuch kann man an der Haltestelle Heiterblick einsteigen und weiter Richtung City fahren. Linkerhand zieht das Haus am Wasserturm vorbei, stadtbekanntes Laufhaus mit FKK-Saunaclub. Von hier geht es weiter ins urbane Treiben. Nach dem Volksgarten über die Eisenbahnstraße mittenrein ins Gewühl. Hauptbahnhof, Kleinmesse, Angerbrücke, Zschochersche Straße.

Der Felsenkeller ist die Eingangspforte zum pulsierenden Teil von Plagwitz. Anna Schimkat ist gerade mit ihrem zwei Monate alten Sohn Fritz auf der Zschocherschen Straße unterwegs. Die Gestaltungsmöglichkeiten würden schrumpfen, seitdem der Immobilienboom auch den Leipziger Westen erfasst hat, meint die 42-Jährige. Aber ihr gefallen die vielen kleinen Initiativen in Plagwitz. Menschen, die viel Herzblut in ihre eigenen, kleinen Läden stecken. Menschen wie Hussein Alabdallah. Er betreibt seit einem Jahr das Bistro Aleppo. Der Name kommt natürlich nicht von ungefähr. Syriens vom Krieg zerstörte Stadt ist die alte Heimat von Hussein Alabdallah. Dort lebte er mit seiner Frau und seinen drei Kindern von seinem eigenen Restaurant – bis es den Bomben zum Opfer fiel. Vor drei Jahren kamen die Alabdallahs nach Deutschland. Zuerst ging es nach Freiberg; Hussein belegte Deutschkurse in Chemnitz und Leipzig, biss sich durch, bestand die Prüfungen. Dass seine älteste Tochter, ein Mädchen mit Behinderung, mit acht Jahren in der neuen Heimat verstarb, riss eine tiefe Wunde. Aber die Familie gab nicht auf. Ein befreundeter Geschäftsmann half Hussein schließlich beim Aufbau des Lokals in der Zschocherschen Straße. Die Gastronomie ist seins. Zwei Jahre Ausbildung hat er in Syrien gemacht, neun Jahre lief das Lokal in der Heimat, bevor der Krieg alles zunichte machte, erzählt der 34-Jährige, als er durch sein Lokal führt. Nicht ohne Stolz berichtet er in seiner blitzeblanken Küche, dass selbst Mitarbeiter des Gesundheitsamtes gerne hier essen. „Das ist hier kein Döner-Laden“, betont Hussein. Alles werde frisch zubereitet, es gibt selbstgemachte Cremes zum Falafel-Teller. Sein Inventar wächst Stück für Stück weiter. „Alle zwei Monate kaufe ich etwas Neues – zuletzt einen Pizzaofen.“ Das Geschäft läuft halbwegs; Hussein bezahlt sogar zwei Mitarbeiter. Der Geschäftsmann hat kein Verständnis für Menschen, die nach Deutschland kommen, überhaupt keinen Plan haben und auch nicht arbeiten wollen. Irgendeine Idee muss doch jeder haben, sagt er. Vor einem Jahr kam noch ein Sohn zur Welt, als Geschwisterchen für die beiden Kinder (7 und 6). „95 Prozent der Menschen hier sind nett und freundlich; ich liebe Leipzig wie meine Heimatstadt Aleppo. Ich habe keine Ahnung warum, mein Herz lebt in Leipzig. Ich bin glücklich in Leipzig.“ Perfekte Integration, mitten in Plagwitz.

Abschied von Hussein Alabdallah; die Bahn wartet. Linie 3 wühlt sich am Adler vorbei Richtung Kleinzschocher bis zum Endhaltepunkt Knautkleeberg. Hier, am Bahnhof Knauthain, betreiben Frank (56) und Sibille (54) Wendel ein kleines Softeis-Café mit Imbiss. Straßenbahnfahrer verkürzen sich gerne die Wartezeit bis zur nächsten Abfahrt bei den beiden. Die Wendels wohnen auch in Knauthain, mögen die Gegend. „Wir haben die Seen ringsrum, es gibt gute Verkehrsanbindungen, man ist schnell im Zentrum“, erzählt Frank Wendel. „Was fehlt, ist aber ein weiterer Supermarkt, es ziehen ja immer mehr Menschen hierher.“ Im Eiscafé am Bahnhof Knauthain hat es sich auch Karin Fiedler bequem gemacht. Die 76-jährige Stötteritzerin besucht ihre Tochter in Hartmannsdorf und kehrt unterwegs gerne hier ein. „Es sind nette Leute hier“, sagt sie und blickt zu Frank und Sibille Wendel. „Ich esse eine Bockwurst und trinke einen Eiscafé.“ Draußen wendet Linie 3 und kehrt um, zurück nach Taucha.

Der Fahrer in der 3

René Gentsch. Quelle: André Kempner

Heimatliche Gefühle beschleichen René Gentsch (41) stets aufs Neue, wenn er mit der „3“ Knautkleeberg erreicht. „Ich bin zwar in Grünau aufgewachsen, aber dort in der Siedlung lebten Oma und Verwandte. „Auf der 3 bin ich zu Hause. Gerade traf ich einen Fahrgast, der noch meinen Vater kannte.“ Gentsch, gelernter Straßen- und Tiefbauer, fährt seit 2014 Straßenbahn, wie er betont. Allein das Fahren bereitet ihm einen „Heidenspaß“ und der Kontakt zu Leuten. „Zu Weihnachten klopfte mal eine ältere Dame an meine Kabinentür und schenkte mir einen Schoko-Weihnachtsmann. Das sind schöne Momente in einem Job, bei dem ich jederzeit hochkonzentriert sein muss, zum Beispiel in Großzschocher, wo Kinder oft im Gleisbett spielen.“

Der Imbiss an der 3

Nancy Pergande. Quelle: Björn Meine

Seit 2012 betreibt Nancy Pergande in Taucha „Nancys Essbar“, die sich direkt an der Straßenbahnlinie 3 befindet. Die bürgerliche Küche mit wechselndem Mittagstisch wird unter anderem von Mitarbeitern vieler Firmen in Taucha genutzt. Bauarbeiter kommen auch gerne, und mancher Rentner lässt die eigene Küche kalt, um hier einzukehren. Dienstags bis Sonnabends ist geöffnet. Es gibt Gulasch, gefüllte Paprikaschote, Rostbrätl, Schnitzel – alles zubereitet von Nancys Freund Andreas Lorenz (49), einem gelernten Koch. Und immer sonnabends wird das Lokal zur Sky-Fußball-Kneipe, dann ist bis 23 Uhr geöffnet. Die Club-Präferenz ist schnell erkennbar an einem HSV-Plakat. Der Koch ist Fan.

Die Tattoo-Frau an der 3

Eszter Fajkuczius. Quelle: Björn Meine

Seit März 2015 gibt es das Tattoo-Studio am Adler. Die Spezialität des Hauses am südlichen Ende der Zschocherschen Straße sind Aquarell-Tattoos. Das Motiv einer Bulldogge zum Beispiel kommt in Din-A-4-Größe innerhalb von vier Stunden auf den Oberschenkel, erzählt Eszter Fajkuczius. Die 30-Jährige kommt aus Ungarn und hat festgestellt, dass die Kundschaft hier deutlich offener ist als in ihrem Heimatland. „In Deutschland und in Leipzig gibt es mehr ältere Kunden über 40“, sagt sie. Ansonsten ist die Kundschaft sehr bunt gemixt, aus allen möglichen Gesellschaftsschichten, zwischen 20 und 50 Jahren. Und trotzdem: 90 Prozent der Tattoo-Kunden sind weiblich – das ist auffällig, erklärt Eszter Fajkuczius.

Die Tradition an der 3

Anja Pogert. Quelle: Björn Meine

Dass es sowas noch gibt! Anja Pogert (47) führt das Geschäft „Seilerwaren und Schuhe Rohland“ in der Dieskaustraße Kleinzschocher. 1997 hat sie den Laden von Schwiegervater Horst Rohland übernommen. Der 83-Jährige beherrscht die Kunst noch, ist Seilerobermeister. Bis zum Jahr 2004 gab es die Seilerei Rohland in Leutzsch. Das Ladenlokal in Kleinzschocher wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallen, aber es hat seine Kunden. Es gehörte ursprünglich zu einer anderen Seilerei, der von Alwin Schmidt in Großzschocher. Die Zeit dieser Handwerkskunst ist vorbei. Zwar werden noch Seile verkauft; dabei handelt es sich aber um Importware. „Wir machen die Seile hier nicht mehr selbst“, erzählt Anja Pogert.

Von Björn Meine

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