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LVZ-Straßenbahnserie: Idylle in Miltitz, grünes Probstheida

„In der Spur“ LVZ-Straßenbahnserie: Idylle in Miltitz, grünes Probstheida

Mit der LVZ-Serie „In der Spur“ zeigen wir Leipzig von einer speziellen Seite. Wir erkunden die Stadt mit der Straßenbahn. Wer lebt entlang der Strecken, in den Kiezen, wie ist das Lebensgefühl dort? Heute: die Linie 15.

Monumentaler Hintergrund: Auf der Prager Straße in Probstheida wird die Linie 15 stets vom Völkerschlachtdenkmal „begleitet“.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Geschickt gleitet Dagmar Sorgatz (72) mit der Schere durch die Hecke. Kürzt alte Triebe ein, schneidet alles in Form. Auf ihrer Stirn tummeln sich Schweißperlen. Es ist ein drückend heißer Morgen im dörflich anmutenden Miltitz. „Aber eine wunderbare Wohngegend. Relativ beruhigt, mit einem tollen Gemeinsinn in der Nachbarschaft“, schildert Sorgatz, die seit elf Jahren in dem Viertel rund um den Schwarzen Weg zu Hause ist. Früher wohnte die Pensionärin in Probstheida. Da war es auch schön, aber sehr anonym. Hier hingegen fühlen sich die Anwohner einander verbunden, sie feiern sogar regelmäßig ein Straßenfest zusammen. „Die Nähe zum Kulkwitzer See nicht zu vergessen. Mit dem Fahrrad sind wir da in wenigen Minuten.“

Einige Schritte weiter flaniert Burim Sadiku mit Frau und Kinderwagen. Der Schweizer ist zu Besuch bei den Schwiegereltern, wie so oft in der Ferienzeit. „Miltitz ist echt angenehm ruhig – fast schon idyllisch“, bewundert er. „Bei mir in Luzern ist alles so hektisch.“ Dem jungen Mann gefällt der Baustil des Stadtteils, der sich deutlich von dem ihm gewohnten Plattenbau unterscheide. Auch sei die Gegend hervorragend zum Fahrrad fahren geeignet. „Wir haben doch in der Schweiz überall Berge. Da strengt das so sehr an.“ Ein breites Grinsen entfaltet sich auf Sadikus Gesicht.

Trotz der Randlage ist Miltitz gut über den öffentlichen Nahverkehr zugänglich. Gleich am Zschampert liegt die westliche Wendeschleife der Linie 15. Helmut Schmidt (82) geht hier mit seinem Hund Sherry Gassi. „Ich bin nicht der ehemalige Bundeskanzler“, scherzt der Grünauer, der seine typische Neubausiedlung dank vieler Grünflächen über den sprichwörtlichen Klee lobt. Allein die Hundewiese an der Haltestelle „Saturnstraße“ bräuchte mal einen Zaun. „Hunde laufen doch gern unvermittelt los. Wenn dann die Bahn kommt“, beschwört er.

Die Straßenbahn schlängelt sich durch die Plovdiver Straße. Rechter Hand zeigt sich das Max-Klinger-Gymnasium, bei dem endlich eine Verjüngungskur ansteht. Auf der anderen Seite schiebt Yvonne Pöge (42) Dienst in der Cheers Bar. Bereitet den Freisitz für die Mittagsgäste vor. Denn die Bar ist zugleich Restaurant, Eisdiele und Disco. „Jeden Freitag und Samstag kann die Grünauer Jugend auf unserem Floor richtig abfeiern“, hebt die Angestellte hervor. Im Restaurant gibt es Hausmannskost. Soljanka und Bauernfrühstück seien beliebt.

Die „15“ zieht ostwärts, unentwegt die Lützner Straße entlang. Mal schneller – etwa zwischen Schönauer Ring und Grüner Allee –, mal in gemächlichem Tempo, wie rund um die Station „Merseburger Straße“. Am Lindenauer Markt passiert sie das Theater der Jungen Welt, das als ältestes professionelles Kinder- und Jugendtheater Deutschlands gilt. Der Platz selbst zeichnet sich durch lebhaftes Treiben aus. An seinem westlichen Endpunkt unterhält Vera Novosilezkaja seit zwölf Jahren einen Eisstand. Von den zahlreichen Ärzten in der Nähe profitiert sie ebenso wie vom Wochenmarkt. Erstere garantieren ihr viele Kinder als Kunden, Letztere frisches Obst für die Eisproduktion. Novosilezkaja: „Oft kommen die Händler direkt auf mich zu, um mir ihre Waren zu verkaufen.“

Das Publikum im Stadtteil sei ganz schön gemischt, sagt Uwe Ramm (50), der im Laden Schuhpalette arbeitet. Von jung bis alt sei alles vertreten. Seit anderthalb Jahren verkauft der Tauchaer am Lindenauer Markt Bequemschuhe. „Die sind relativ bequem, aber trotzdem modisch.“ Anwohner Gustav Lieberknecht (28) würdigt die Freiräume, die ihm sein Viertel biete. Auch gebe es noch kleine Geschäfte, etwa in der Georg-Schwarz-Straße, in der er sich mit Vorliebe aufhält.

Die Straßenbahn arbeitet sich weiter. Erlaubt bei der Fahrt durch die Kuhturmstraße einen flüchtigen Blick auf die Musikalische Komödie. Rauscht dann durch die Jahnallee, über den Cityring und weiter auf die Prager Straße, die sie bis zu ihrem südöstlichen Bestimmungsort nicht mehr verlässt.

Das Völkerschlachtdenkmal ist das Tor nach Probstheida, einen Stadtteil inmitten einer Fülle von Grünanlagen. Anwohnerin Jutta Peetz (67) weiß das zu schätzen. Ist sie doch seit über 40 Jahren hier heimisch. „Es gibt so viele schöne Gartenvereine in der Umgebung. Und die ganzen Parks – in denen lässt es sich wunderbar spazieren.“ Angelika Koch (67) wohnt sogar schon ihr gesamtes Leben in Probstheida, kann sich ein anderes Viertel gar nicht vorstellen. Auch weil es hier „so gut wie keine Hochhäuser gibt“. Von denen fühle sie sich immer so erdrückt.

Direkt an der Station „Prager/Russenstraße“ führt Thoralf Grau (31) seit zwei Jahren einen Mini-Markt, in dem er Getränke, Zigaretten und Craftbier verkauft sowie antiquarische Bücher – 70 Prozent seien von vor 1945. „Ich wollte den Laden ursprünglich als Lager für Lesestoff gebrauchen. Mit dem handle ich im Internet“, erzählt der junge Mann, der in Probstheida aufgewachsen ist. „Aber es gab an dieser Stelle vorher schon einen sehr beliebten Mini-Markt, so dass ich der Nachfrage letztlich nachgegeben habe.“ Grau habe demnach viel Stamm-, kaum Laufkundschaft. Vor allem an Wochenenden und bei Lok-Heimspielen sei großer Andrang. Pläne für die Zukunft? „Perspektivisch soll der Laden ausgebaut werden“, sagt der gelernte Einzelhandelskaufmann, der überdies Buchhandel und Verlagswirtschaft studiert hat.

Die Linie 15 zuckelt ihrem südöstlichen Start- und Endhaltepunkt entgegen. Einer schattigen Wendeschleife zwischen Meusdorf und Holzhausen mit großem Fahrradunterstand, der augenscheinlich rege genutzt wird. „Viele stellen morgens hier ihr Rad ab und nehmen dann die Bahn“, kommentiert ein Mann, der in der nahen ungarischen Gaststätte „Joschka’s Grill Csárda“ die Hecken trimmt. Armin Männel (84) wohnt seit 37 Jahren in der Gegend, spricht von einem angenehmen Lebensgefühl und guter Verkehrsanbindung: „Als ich noch berufstätig war, bin ich immer bis zum Gewandhaus gefahren. Da habe ich jahrzehntelang als Musiker gearbeitet.“ Derweil macht sich die „15“ auf den Weg zurück nach Miltitz.

Die Fahrerin in der 15

Michelle Göbel steuert die „15“ zwischen Miltitz und Meusdorf

Michelle Göbel steuert die „15“ zwischen Miltitz und Meusdorf.

Quelle: André Kempner

Für Michelle Göbel (21) gibt es keine schönere Linie als die „15“. „Die hat alles: viel Grün am Schönauer und Wilhelm-Külz-Park und jede Menge Sehenswürdigkeiten vom Uniriesen bis Völki“, schwärmt die Jüngste aus einer Straßenbahner-Familie. „Meine Eltern fahren auch. Das ist toll.“ In Bremen geboren, aufgewachsen in Thüringen und im Erzgebirge, wollte sie eigentlich Bus fahren. „Dann zogen wir nach Leipzig. Hier sah ich Straßenbahnen und fahre schon fast zwei Jahre.“ Sie leibt den Job. „Service ist unsere Schiene“, sagt sie lachend, wünschte sich aber mehr Aufmerksamkeit anderer Kraftfahrer. „Schulterblick kennen 80 Prozent offenbar gar nicht. Würde ich nicht aufpassen, würde ich vier, fünf Autos am Tag wegsäbeln.“

Der Grieche an der 15

Jimmy Kallas (rechts) und Sachos Kollos im Restaurant Kolossos

Jimmy Kallas (rechts) und Sachos Kollos im Restaurant Kolossos.

Quelle: Matthias Klöppel

Feine Spezialitäten aus der griechischen Küche: Das Restaurant Kolossos in der Lützener Straße 507 ist ein gefragter gastronomischer Anlaufpunkt in Grünau. „Manchmal ist echt viel zu tun. Aber anstrengend wird es nie“, behaupten die beiden Angestellten Jimmy Kallas (56) und Sachos Kollos (33). Das 2004 eröffnete Etablissement profitiert von seiner guten Lage. „Wir sind an einer Hauptstraße. Außerdem ist die Haltestelle direkt gegenüber“, betont Kollos. Alle Speisen können auch zum Mitnehmen bestellt werden. Ein Service, der regelmäßig genutzt werde. Was die beiden Griechen an ihrer Arbeit schätzen? Die gemütliche Atmosphäre, die immer im Restaurant herrsche.

Der Buchladen an der 15

Ansgar Weber in seiner Buchhandlung am Lindenauer Markt

Ansgar Weber in seiner Buchhandlung am Lindenauer Markt.

Quelle: André Kempner

Seit 2004 gibt es die Buchhandlung „Seitenblick“ in der Leipziger Goetzstraße 2 an der Ecke zum Lindenauer Markt. Von einigen sei die Eröffnung damals als mutig bezeichnet worden, verrät Inhaber Ansgar Weber (49). „Trotzdem haben wir von Anfang an Kundschaft gefunden.“ Dank des Kauflands gegenüber sei das Geschäft inzwischen „mehr in die Mitte gewandert“, profitiere stärker von Laufkundschaft. Angeboten werden Bücher, die Weber und seine Kollegin für wichtig erachten. Mainstream sei klar in der Minderheit. „Wir machen oft thematische Schaufenster. Organisieren darüber hinaus literarische Spaziergänge durchs Quartier“, hebt der buchaffine Quereinsteiger hervor.

Die Friseurin an der 15

Jana Mann in ihrem Friseur-Laden in Probstheida

Jana Mann in ihrem Friseur-Laden in Probstheida.

Quelle: André Kempner

„Die Lage ist super“, freut sich Friseurmeisterin Jana Mann (43). „Ringsherum sind Parkplätze, ein Fahrradweg genau vor der Tür und natürlich die Haltestelle.“ Der gute Standort beschert Jana’s Haargarten in der Pragerstraße 232 jede Menge Kunden. „Mir hilft eine Angestellte. Zwei könnte ich noch gebrauchen. So groß ist der Andrang.“ Den Probstheidaer Laden mit seinen bis um 1900 zurückreichenden Wurzeln leitet die Inhaberin seit Ende 2014. Neben dem Friseurhandwerk offeriert sie Fußpflege und Kosmetik. Künftig ist noch etwas Wellness geplant. „Da können die Leute den ganzen Tag hier verbringen“, sagt Mann, die sich keinen Schließtag gönnt, sondern täglich außer sonntags vor Ort ist.

Von Matthias Klöppel

Leipzig 51.3396955 12.3730747
Leipzig
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