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LVZ-Straßenbahnserie: Industrieromantik und Kochkunst in Plagwitz

„In der Spur“ LVZ-Straßenbahnserie: Industrieromantik und Kochkunst in Plagwitz

Mit der LVZ-Serie „In der Spur“ zeigen wir Leipzig von einer speziellen Seite. Wir erkunden die Stadt mit der Straßenbahn. Wer lebt entlang der Strecken, in den Kiezen, wie ist das Lebensgefühl dort? Heute: die Linie 14.

Industrieromantik in Plagwitz: Die Straßenbahnlinie 14 vor dem Westwerk auf der Karl-Heine-Straße.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Roter Backstein prägt das Erscheinungsbild der Haltestelle. Weiß zu faszinieren. Die Blicke des Wartenden auf sich zu ziehen. Ihn abzulenken, bis die Fahrt durch das von Kunst und Kultur bestimmte Viertel beginnt. „Alles wirkt ein wenig gewöhnungsbedürftig“, findet Emanuela Rüssler (69). „Es ist so rustikal. Und die vielen Bemalungen an den Häusern.“ Gemeint ist nicht das mächtige Gebäude im Hintergrund, der Bahnhof Plagwitz, sondern der Stadtteil an sich. In dem ist die Pensionärin aus dem bayerischen Illertissen erstmals zu Besuch. Sie unternimmt einen Zeichenkurs an der Sommerakademie Leipzig.

Außer Rüssler wartet bislang keiner auf die Straßenbahn. Der Start- und Endpunkt der Linie 14 ist verwaist. Auch weil die Billiardkneipe „BiBaBo“ in den 1873 eröffneten Bahnhofsgemäuern erst am Nachmittag öffnet, um dann wieder passionierte Billiardspieler und Eisenbahner mit Schnitzeln, Burgern und alkoholischen Getränken zu verwöhnen. Auf dem gegenüberliegenden Fußweg ist Dieter Pütz (57) eiligen Schrittes unterwegs. Nimmt sich aber Zeit, um auf die Geschichtsträchtigkeit und das kreative Element hinzuweisen, durch welche sich Plagwitz auszeichne. „Es freut mich, dass die Industriegebäude bewahrt werden“, sagt der Bildende Künstler. „Nur leider wird aus der Karl-Heine-Straße mehr und mehr eine Vergnügungsmeile.“

Dann startet die Bahn ihre Ringtour. Biegt sogleich rechts auf die besagte Karl-Heine-Straße ab, benannt nach Leipzigs größtem Industrieförderer: Carl Erdmann Heine (1819–1888). Der kaufte einst Land in Plagwitz und Lindenau, baute Straßen, Brücken und eine eigene Destillerie, siedelte dazu Industriebetriebe an. Dadurch wurde aus Dörfern ein Industrievorort mit mehreren tausend Einwohnern, dessen pulsierende Lebensader heute die Karl-Heine-Straße ist. Ersichtlich wird das jedoch erst nach der Überquerung des Karl-Heine-Kanals. Davor fallen lediglich die IL-18 auf, die auf dem Dach des Oldtimer Museums „Da Capo“ weilt, sowie der „Garage“-Schriftzug vor dem gleichnamigen Technologiezentrum.

Ab dem Westwerk heißt es eintauchen in eine Fülle kulinarischer Leckerbissen. Ofenkartoffeln „wie bei Mutti“ gibt es zum Beispiel im „Kartoffel Fräulein“ – „oder frei nach Geschmack ganz individuell bestückt, etwa mit Couscous-Salat, Humus und Hirtenkäse“, kommentiert Inhaberin Anna Thiele. Kumpir, eine türkische Variante der Backkartoffel, servieren die Mitarbeiter von Hayati Yilmaz im „Don Quichot“. Während Felix Knorr im vor wenigen Wochen eröffneten „Wullewupp“ mit Suppen und Gebrühtem lockt. Neben Klassikern wie Tomaten- und Linsensuppe schenkt der gelernte Koch auch eine Kim-Yung-Unsuppe aus. „Die besteht aus Pute, Curry und Schwarzwurzel. Ist aber nicht politisch gemeint“, meint Knorr, der seinen Nachnamen als berufliche Vorherbestimmung sieht.

An ihrem Viertel schätzen die Plagwitzer einen ganz eigentümlichen Charme. Es ist rau und etwas eckig, heißt es mehrfach, wunderschön verlottert, kulturell gemischt, jung, offen, dynamisch. „Viele Kneipen, Restaurants und Musik – ein bisschen wie eine zweite Karli“, betont Bioladenbesitzer Tobias Meusel (39). „Wir laufen dem Leipziger Süden immer mehr den Rang ab“, findet Janet Miladi (43), die mit ihrem Mann Redouane (48) den „Salon Casablanca“ an der Ecke Walther-Heinze-Straße betreibt.

Angefangen vor 20 Jahren mit einem Dönerladen, führen die Miladis heute ein Restaurant für traditionelle marokkanische Speisen wie Tajine, Couscous und Lamm. „Unser Fleisch ist Halal und kommt ausschließlich von der Fleischerei nebenan“, versichert Janet Miladi mit einem freundlichen Lächeln. Dass verstärkt Investoren das Viertel für sich entdecken, bemängelt sie, weil sich dadurch die Mieten massiv erhöhen. „Aber ohne diese Entwicklung wäre die Karl-Heine-Straße wohl nicht das, was sie heute ist.“

Die steigenden Mietpreise sind auch Anwohnern ein Dorn im Auge. Ein Mann aus der Merseburger Straße fragt empört: „Wie sollen Leute mit weniger Geld da noch eine Wohnung finden.“ Gastronom Sven Schwalm (44) hat diesen Wandel ebenfalls festgestellt. Vor fünf Jahren hätte es mehr Künstler in Plagwitz gegeben, sagt er. Doch aufgrund luxuriöser Sanierungen seien viele inzwischen weggezogen – vor allem in den Leipziger Osten. „Früher war alles gechillt. Geld war nicht so wichtig“, erzählt der gebürtige Hesse. Jetzt werde immer mehr durch das Ordnungsamt reguliert. Einige Ladenbesitzer mussten zum Beispiel deutliche Strafen zahlen, nur weil sie Blumenkübel vor ihr Geschäft gestellt hatten, weiß Schwalm.

Vorbei an der Schaubühne Lindenfels und dem Felsenkeller geht es für die „14“ die von freistehenden Villen flankierte östliche Karl-Heine-Straße hinab zur Weißen Elster und dem Elsterflutbett. „Einfach toll hier. Wir könnten gar nicht besser wohnen“, freut sich Fritz Piotraschke (92) aus der Nonnenstraße. „Wir gehen über die Straße und sind im Clara-Park.“

Die schattige Käthe-Kollwitz-Straße führt die Bahn zur Haltestelle „Gottschedstraße“. An der leitet Tobias Krafft (48) das Fachgeschäft „Elektromechanik Pinder“, das auf eine fast 70-jährige Tradition zurückblickt und sich seit 2001 an dieser Stelle befindet. „Der Standort ist super. Die Haltestelle beschert uns jede Menge Kundschaft“, frohlockt der Inhaber. Sein Familienunternehmen ist spezialisiert auf elektrotechnisches Zubehör, bietet unter anderem Kabel, Leuchtmittel und Leuchtenbauzubehör. Letzteres nehme derzeit Fahrt auf.

Sven Müller (50), der ein paar Meter entfernt einen Lotto-Zeitungs-Tabakshop betreibt, sieht den Standort hingegen kritisch. Obwohl an einer Hauptstraße gelegen, habe sein Laden wenig Laufkundschaft. „Hier ist kaum Bewegung“, sagt Müller. Durch die wochenlangen Bauarbeiten Ende 2016 hätte er zudem zahlreiche Autofahrer als Kunden eingebüßt. „Nur das Lotto hält mich über Wasser.“

Die Linie 14 schlängelt sich schließlich auf den Cityring, umfährt diesen im Uhrzeigersinn bis zum Neuen Rathaus, rattert dann zum Westplatz und von dort aus wieder zurück zum Bahnhof Plagwitz.

Der Fahrer in der 14

Michael Glas fährt mit der „14“ die Ringrunde ab/bis Plagwitz

Michael Glas fährt mit der „14“ die Ringrunde ab/bis Plagwitz.

Quelle: André Kempner

Sein eigener Chef zu sein und keine Arbeit mit nach Hause zu nehmen, das nennt Michael Glas (34) die Vorzüge seines Jobs als „Bimmel-Kutscher“. Als er vor gut fünf Jahren seinen Posten als stellvertretender Supermarkt-Leiter aufgab, wollte er sich noch einmal „völlig neu orientieren“. Sein Bruder war bereits bei den LVB, also probierte er es auch – und ist zufrieden. „Gerade die 14, als einzige Leipziger Ringrunde – von Plagwitz über den Hauptbahnhof wieder nach Plagwitz – gibt mir das Gefühl, immer mitten im Geschehen drin zu sein. Das wird nie langweilig.“ Besondere Obacht müsse er nur am Hauptbahnhof geben. „So richtig eng, wie vielleicht auf der 7, ist es hier nicht. Wenn bloß Auto- und Radfahrer besser aufpassen würden...“

Der Bio-Laden an der 14

Tobias Meusel in seinem Laden Kostbar in der Karl-Heine-Straße

Tobias Meusel in seinem Laden Kostbar in der Karl-Heine-Straße.

Quelle: André Kempner

Großes Interesse an gesunder Ernährung und Nachhaltigkeit hat Tobias Meusel (39) 2008 dazu getrieben, das kleine Lebensmittelgeschäft „Kostbar“ in der Karl-Heine-Straße 77 in Plagwitz zu etablieren. „Wir bieten fast ausschließlich biologische Produkte an. Versuchen dabei vieles direkt von regionalen Bauern zu beziehen.“ Die meisten Kunden kommen von um die Ecke. Zahlreiche Studenten und junge Familien sind darunter. „Bei uns wird sich noch in die Augen geschaut und angelächelt. Das ist unsere Stärke“, sagt der Ladeninhaber. Für die kleinsten Gäste gibt es eine Spielecke – der eigenen Erfahrung geschuldet: „Da ich selbst Kinder habe, kenne ich die Tücken beim Einkauf mit dem Nachwuchs.“

Das Feng Shui an der 14

Sylvia Noack vor ihrem Feng Shui Haus Leipzig in Plagwitz

Sylvia Noack vor ihrem Feng Shui Haus Leipzig in Plagwitz.

Quelle: André Kempner

„Alles für die Sinne“ hält das Feng Shui Haus Leipzig in der Walter-Heinze-Straße 1 in Plagwitz bereit. Das zeigt sich bereits beim Betreten des Geschäftes, wenn der Gast sofort von einem feinen Duft und beruhigender Musik in die Arme genommen wird. „Manche Kunden sagen, sie spüren hier eine hochwertige Energie“, freut sich Sylvia Noack, die die Wohlfühloase vor gut einem Jahr eröffnet hat. Zu ihrem Angebot gehören unter anderem Heilsteine, Kristalle, Klangschalen, Räucherzubehör, Tee und allerlei Geschenkideen. Regelmäßig veranstaltet sie zudem Meditationskurse und Themenabende. „Erstaunlicherweise“, sagt Noack, „sind 50 Prozent meiner Kunden Männer.“

Die Hot Dogs an der 14

Sven Schmalm vor dem Hot-Dog-Geschäft Beard Brothers & Sisters

Sven Schmalm vor dem Hot-Dog-Geschäft Beard Brothers & Sisters.

Quelle: André Kempner

Für den kleinen Hunger zwischendurch bietet das Beard Brothers & Sisters in der Karl-Heine-Straße 69 Hot Dogs in ausgefallenen Kreationen. Hier finden sich neben dem klassischen heißen Würstchen auch solche mit Avocadocreme und Tomatenrelish (Santiago), mit Camembert und Chilli-Preiselbeeren (Misjö Rijö) oder mit selbst gemachtem Chilli Con Carne, Cheddar und Tortillacrush (Chilli Dog). „Die Brötchen stammen von einem lokalen Bäcker“, versichert Sven Schwalm (44). Der bärtige Besitzer hat den Plagwitzer Laden vor fünf Jahren mit zwei Freunden gegründet. „Uns hatte es genervt, dass es damals in dem Viertel nichts zu essen für auf die Hand gab. Das wollten wir ändern.“

Von Matthias Klöppel

Leipzig 51.3396955 12.3730747
Leipzig
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