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LVZ-Straßenbahnserie: Märchenhaftes Marienbrunn, Wandel in Wahren

„In der Spur“ LVZ-Straßenbahnserie: Märchenhaftes Marienbrunn, Wandel in Wahren

Mit der LVZ-Serie „In der Spur“ zeigen wir Leipzig von einer speziellen Seite. Wir erkunden die Stadt mit der Straßenbahn. Wer lebt entlang der Strecken, in den Kiezen, wie ist das Lebensgefühl dort? Heute: die Linie 10.

Kollision voraus? Auf der Arno-Nitzsche-Straße passiert die Linie 10 das Restaurant „Regenbogen“, das eine umgebaute Interflugmaschine vom Typ Il-62 besitzt.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Eine kühle Brise weht durch die Nibelungensiedlung in Lößnig. Durch die drei goldgelb leuchtenden Häuserringe, die sich konzentrisch um den zentralen Siegfriedplatz entfalten. Ralph Mühlberg (68) stört sich nicht an der Frische. Der Anwohner, der vom Einkaufen kommt, sinniert sogar fachkundig über die Entstehung der außergewöhnlichen Anlage: „Der Rundling wurde Ende der 1920er Jahre errichtet – im Bauhaus-Stil. Der Entwurf stammt von Hubert Ritter, einem Leipziger Architekten.“ Mühlberg lebt seit 1997 in dem Viertel, gibt ihm neun von zehn Punkten. Für die höchste Punktzahl müsste es im nahen Gartenverein ab und zu etwas ruhiger sein.

Den Erholungspark Lößnig-Dölitz mit dem Silbersee sowie die ausgezeichnete Verkehrsanbindung weiß Marianne Reuther (76) zu schätzen. „Ich falle aus dem Haus und sitze in der Bahn. Dann sind es nur noch 18 Minuten bis zum Hauptbahnhof“, lacht die ehemalige Sekretärin aus der Braunkohlebranche, die seit rund 50 Jahren in der kreisförmig angelegten Siedlung lebt. Schade sei lediglich die Lautstärke, die mitunter von den Konzerten vor dem Völkerschlachtdenkmal herrühre. „Als da letztens Scooter gespielt haben, war es bei uns so laut, dass es schon weh tat“, sagt die Pensionärin.

Die Linie 10 fährt von ihrem südlichen Start- und Endpunkt zum Moritz Hof, dem belebten Einkaufszentrum im Neubaugebiet von Lößnig. In einem weißen Verkaufswagen bietet Reinhard Schuster allerlei Sorten Pferdefleisch feil. Seit über zwei Jahren macht er das jeden zweiten Donnerstag. „Aus Spaß an der Freude“, wie der 67-Jährige Bornaer meint. Beliebt sei vieles aus dem Sortiment, besonders die Roster. Speziell bei der Laufkundschaft, die ihm die Haltestelle beschere. „Das Fleisch kommt von der Rossschlächterei Thormann. Die besteht schon seit 125 Jahren“, betont Schuster gut gelaunt.

Über die breite Zwickauer Straße gelangt das elektrische Gefährt nach Marienbrunn, einen Stadtteil, in dem viele Straßen auf Märchen bezogene Namen aufweisen: Frau-Holle-Weg, Schneewittchenweg, Rapunzelweg, Rübezahlweg. Christine Berger (62) wohnt „An der Tabaksmühle“ und schwärmt von den vielen Gärten, durch die sich ihr Viertel auszeichnet. „Man kennt sich bei uns. Die Leute sind überaus freundlich.“ Wolfgang Gröger (70) lobt die zahlreichen kleinen Geschäfte, die eine gute Versorgung im Alltag garantieren würden. Nur Bäckereien seien etwas zu viele da. „So eine Menge an Brötchen verträgt doch keiner“, scherzt der ehemalige Pfarrer.

Nach einem scharfen Linksschwenk zuckelt die „10“ durch die Arno-Nitzsche-Straße. Vorbei am Bowling und Restaurant „Regenbogen“, in dem Besucher ihren Gaumen in einer umgebauten Interflugmaschine vom Typ Il-62 verwöhnen lassen können. Der rund zweieinhalb Kilometer langen Karl-Liebknecht-Straße folgend, gelangt die Bahn in die Südvorstadt und das Zentrum-Süd. In flüchtigen Gesprächen deutet sich die große Beliebtheit der beiden Stadtteile unter den Leipzigern an. „Restaurants, Kneipen – hier ist immer was los“, freut sich Frank Schmidt (55). „Und es gibt keine Sperrstunde.“ Heike Müller (48) kommt öfters in der Mittagspause aus der Innenstadt auf die Karli. Die Angestellte lobt die große Auswahl an Geschäften sowie die Anbindung an die City. Fehlt in dem Viertel überhaupt was? „Ja, ein großer DM-Laden wäre toll“, findet eine junge Mutter.

Das Zentrum umfährt die Straßenbahn im Osten bis zum Hauptbahnhof. Dann geht es auf die Eutritzscher Straße – linker Hand zeigt sich das traditionsreiche Stadtbad, in dem seit 2004 der Badebetrieb wegen baulicher Mängel eingestellt ist. Die Georg-Schumann-Straße führt nach Möckern, wo von der alten dörflichen Bebauung fast nichts mehr erhalten ist. „Es ist jetzt nicht der hippe Stadtteil. Aber hier entwickelt sich was“, meint Anwohnerin Stefanie Herberg. Die 34-Jährige ist aus familiären Gründen hergezogen. „Man sieht immer mehr Baustellen und ich habe die leise Hoffnung, dass es bald noch mehr kleine Läden geben wird. Die belebte Georg-Schumann-Straße ist doch dafür prädestiniert.“

Claudia Prätzel (36) wohnt seit zwei Jahren in Möckern, kann dem Stadtteil viel Positives abgewinnen. „Ich stamme aus einer ländlichen Gegend. Deshalb freue ich mich über das satte Grün, das es hier überall gibt.“ Besonders die Wege an der Weißen Elster und der Auensee in Wahren haben es ihr angetan. In der Innenstadt ist immer so viel Trubel und Durcheinander, sagt sie. Aber wenn sie mit der Bahn in Möckern aussteigt, ist alles verflogen. „Hier herrscht richtiges Kleinstadtflair.“

Vorbei an der Auferstehungskirche, die Leipzigs älteste Kirchenorgel beherbergt, sowie dem Historischen Straßenbahnhof arbeitet sich die Bahn den letzten Streckenabschnitt entlang, der sie schließlich nach Wahren führt. Auch in diesem Ortsteil wird alten Gemäuern zunehmend neues Leben eingehaucht. Beim Stadtbild prägenden Rundling an der Wendeschleife der „10“ ist das bereits geschehen. Eine Wohltat, von der auch die Minerva Apotheke profitiert. „Uns hätte sonst der Abriss gedroht“, schildert Inhaberin Kristin Matthes (68). Ihr Arzneimittelgeschäft feierte im Vorjahr sein 100-jähriges Bestehen.

Dass sich die gesamte Wohngegend seit dem denkmalgeschützten Umbau des Rondells überaus vorteilhaft entwickelt habe, kann Angela Echtermeyer (59) bestätigen. Die Zahnärztin hat hier ihre eigene Praxis, die sie in dritter Generation leitet. „Ich bin in dem Viertel aufgewachsen. Meine Mutter wohnt heute noch in dem Rundling.“ Früher hätten in Wahren vor allem ältere Leute gelebt. Doch inzwischen ziehe es verstärkt junge Familien hierher. Als Beleg dient Echtermeyer die Paul-Robeson-Schule, die aus allen Nähten platze.

Gebaut wird auch am nordwestlichen Start- und Endpunkt der Linie 10. Straße und Fußweg sind betroffen. „Das ist natürlich mit Lärm verbunden. Aber es muss ja mal gemacht werden“, kommentiert Birgit Günther (70), die seit Anfang der 1970er Jahre in Wahren wohnt. „Es passiert gerade sehr viel. Ich bin optimistisch, was den Stadtteil betrifft.“ Unterdessen hat die Straßenbahn gewendet und ist startklar für die Fahrt zurück nach Lößnig.

Der Fahrer in der 10

Stefan Hünemeyer lenkt die Linie 10 von Lößnig nach Wahren

Stefan Hünemeyer lenkt die Linie 10 von Lößnig nach Wahren.

Quelle: André Kempner

Ein schwerer Unfall zwang Stefan Hünemeyer (52), die Maurerkelle aus der Hand zu legen. „Das BMK Süd, wo ich damals arbeitete, half mir, eine neue Stelle zu finden und so fahre ich seit 1990 Straßenbahn.“ Anfangs tat der Wechsel weh. „Ich war mit Herz und Seele Bauarbeiter.“ Aber mit den Jahren kam die Freude am Fahren. Linie 10 biete Grün in Lößnig und Kultur auf der Karli. „Herrlich, wenn sich die Freisitze mit Frühstücksgästen füllen!“ Er komme gern zur „Glocke“ – und fährt er Heiligabend, dann mit roter Jacke und Mütze als Weihnachtsmann und verteilt kleine Süßigkeiten. „Ich ver- gesse da nie jene Dame in Markkleeberg-West, die an diesem Tag stets alle Fahrer mit Stollen und Kaffee beschenkte.“

Der TV-Shop an der 10

Fernsehtechniker Frank Zemitzsch in seinem Laden in Lößnig

Fernsehtechniker Frank Zemitzsch in seinem Laden in Lößnig.

Quelle: Matthias Klöppel

„Ich habe das von der Pike auf gelernt“, versichert Frank Zemitzsch (63) mit einem freundlichen Lächeln. Der Fernsehtechniker hat in der DDR seinen Meister gemacht und betreibt seit 20 Jahren einen TV-Shop im „Moritz Hof“ in Lößnig. „Seit der Gründung des Einkaufszentrums bin ich mit dabei.“ In seinem Laden bietet der Pegauer braune Ware an, in erster Linie Fernsehgeräte, sowie allerlei Elektronikzubehör – „vom Staubsaugerbeutel bis zur Glühbirne“, wie Zemitzsch es formuliert. An seiner Arbeit schätzt er besonders den Umgang mit Menschen. Die Gespräche, die er vor allem mit älteren Kunden führt, nicht zuletzt bei beruflichen Hausbesuchen. „Ihnen merke ich an, dass sie wirklich dankbar sind.“

Die Floristik an der 10

Die Floristinnen Kerstin Packwitz (rechts) und Sabine Plötner

Die Floristinnen Kerstin Packwitz (rechts) und Sabine Plötner.

Quelle: Matthias Klöppel

An der Märchenwiese 66 in Marienbrunn kredenzen Sabine Plötner (60) und Kerstin Packwitz (43) farbenfrohe Flora aus einheimischen Gärten. Der Name des Ladens: „die feuerrote Blume“ – in Anlehnung an das gleichnamige russische Märchen. Die beiden Angestellten legen großen Wert auf Individualität. „Einem Automechaniker haben wir mal aus einem Reifen einen Adventskranz geschmückt“, verrät Packwitz, die seit rund 20 Jahren in der Branche tätig ist. Bei ihrer Kollegin sind es sogar über 30. „Zu uns kommen Leute, die schon zu DDR-Zeiten hier waren“, sagt Plötner. Seit 70 Jahren gibt es an dieser Stelle ein Blumengeschäft, seit 2011 trägt es den aktuellen Namen.

Die Uhrmacherin an der 10

Uta Kirschmann in ihrem Uhrengeschäft in der Südvorstadt

Uta Kirschmann in ihrem Uhrengeschäft in der Südvorstadt.

Quelle: André Kempner

Zu DDR-Zeiten war es ein reiner Reparaturbetrieb, seit der Wende wird bei Uhrmacher Kirschmann in der Karl-Liebknecht-Straße 133 auch mit Zeitmessern und Schmuck gehandelt. „Der kleine Laden mit der großen Auswahl ist mein Werbespruch“, sagt Inhaberin Uta Kirschmann (52). Sie führt das seit 1969 bestehende Geschäft in zweiter Generation. Hat es vor knapp 20 Jahren von ihrem Vater übernommen, der ihr das filigrane Handwerk auch beigebracht hat. „Ich repariere alle Uhren selber“, betont die Unternehmerin. Den Standort mit der Straßenbahn vor der Tür weiß sie zu schätzen: „Im Prinzip hat uns die Lage gerettet. Früher gab es ja noch viel mehr Uhrmacher in Leipzig.“

Von Matthias Klöppel

Leipzig 51.3396955 12.3730747
Leipzig
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