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LVZ-Straßenbahnserie: Ruhiges Wiederitzsch, Umbruch in Eutritzsch

„In der Spur“ LVZ-Straßenbahnserie: Ruhiges Wiederitzsch, Umbruch in Eutritzsch

Mit der LVZ-Serie „In der Spur“ zeigen wir Leipzig von einer speziellen Seite. Wir erkunden die Stadt mit der Straßenbahn. Wer lebt entlang der Strecken, in den Kiezen, wie ist das Lebensgefühl dort? Heute: die Linie 16.

Die „16“ an der Haltestelle „Eutritzscher Markt“, dem alten Kern des Stadtteils. Die Linie ist die einzige, die mitten durch Eutritzsch fährt.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Eine riesige Stahlkonstruktion, über 80 Meter hoch. Vier Doppel-M prangen an der Spitze. Davor flattert ein buntes Fahnenmeer, während sich auf dem künstlichen Teich weiß leuchtende Muster abzeichnen. Zu hören ist nur das monotone Surren der Straßenbahn. Sonst herrscht sanfte Stille auf dem Gelände der Neuen Leipziger Messe, dem Start- und Endpunkt der Linie 16. Wer hier außerhalb von Messezeiten zusteigt, hat in der Regel seinen Arbeitsplatz in der Nähe oder wohnt in Seehausen. Letzteres trifft auf den wartenden jungen Mann zu. „Ein angenehmer Ortsteil“, sagt der Seehausener. „Durch den Sachsenpark sind wir gut mit Geschäften versorgt.“

Von Leipzigs nördlichster Straßenbahnhaltestelle geht es im Eiltempo die Seehausener Straße entlang bis nach Wiederitzsch, das erst seit 1999 Teil der Messestadt ist. Gegenüber der Haltestelle „Wiederitzsch-Mitte“ gönnt sich Sebastian Kuhnle (29) eine Zigarette. Er ist „der Liebe wegen“ hergezogen, obwohl sich die Wohnungssuche schwierig gestaltet habe. Die Mieten seien nicht sonderlich gering. Und es gebe viele Einfamilienhäuser. Der Verkäufer, vorher in Schleußig und Plagwitz ansässig, beschreibt sein Viertel als angenehm ruhig, was er besonders als Vater zu schätzen weiß. „Gerade mit Kind ist das einfach besser.“ Die Bevölkerung sei gemischt, mit tendenziell mehr älteren Leuten. Kuhnles Fazit: „Ein empfehlenswertes Wohngebiet.“

Dass mit dem niedrigen Geräuschpegel klingt auch in Gesprächen mit weiteren Anwohnern an. Nur die Eisenbahn und Flugzeuge seien manchmal etwas lauter, heißt es mehrfach. Flugzeuge? „Ja, wenn Ostwind ist, hört man die. Aber das ist nur selten der Fall. Meistens kommt der Wind aus Richtung Westen“, erzählt eine junge Mutter.

Vor dem nah gelegenen Supermarkt läuft Annette Meyer mit ihrem Cocker Spaniel Apollo. Die Steuerberaterin ist auf dem Weg zu dem versteckten Teich vor dem Bahngelände, von dem die meisten gar nicht wissen würden, dass es ihn überhaupt gibt. „Wir haben ordentlich Wald und Feld in der Umgebung. Für Hundebesitzer ist das ideal“, freut sich die Anwohnerin. Sie lebt seit 1998 in dem kleinen Stadtteil, findet, dass sich inzwischen ein dezenter Aufschwung beobachten lasse: „Es ist lebhafter geworden. Die Geschäfte nehmen zu.“ Früher hätten viele Wiederitzscher im VEB Holzveredlungswerk gearbeitet. Doch davon ist nichts mehr zu sehen. Die Gebäude sind längst abgerissen.

Die „16“ biegt auf die Delitzscher Landstraße ab, die sich dann in die begrünte Delitzscher Straße umwandelt und nach Eutritzsch führt. Rechter Hand streift der Blick das Klinikum St. Georg, Leipzigs ältestes Krankenhaus, mit seinem steinernen Eingangsportal. Links präsentiert sich das weitläufige, umzäunte Gelände der Leipziger Bereitschaftspolizei. „Der Automat funktioniert nicht – na da brauchen wir ja nicht zu bezahlen“, jubeln zwei Männer nach dem Zustieg am „Eutritzscher Markt“. Rund um die Haltestelle entfaltet sich der alte Kern des Stadtteils, der sich durch eine vielfältige Architektur auszeichnet. Sofort ersichtlich etwa anhand des gelb-backsteinfarbenen Häuserensembles an der Ecke zur Thaerstraße.

„Als ich 1982 hergezogen bin, dachte ich, ich bin in einer anderen Stadt. Alles sah so sauber und gepflegt aus“, erzählt Anwohner Günter Koch (80) wohlwollend. Er kam damals aus dem industriell geprägten Leipziger Westen in das „Beamtenviertel“, als das Eutritzsch früher gegolten habe. Ein Schritt, den der gelernte Reisebürokaufmann und Diplom-Ingenieur nie bereut hat. Im Gegenteil, er spricht von einem zufriedenstellenden Lebensgefühl. „Uns mangelt es doch an nichts. Man vermisst nicht mal die Tante-Emma-Läden.“ Koch spielt Geige im Leipziger Lehrerorchester, zurzeit übt er sich an Beethovens sechster Symphonie, „Pastorale“.

Wie belebt der Ortsteil ist, offenbart sich am „Eutritzscher Zentrum“ eine Station nach dem Markt. Hier herrscht geschäftiges Treiben, wird gekauft, gehandelt und gegessen. „Viel ist in letzter Zeit saniert worden“, meint Schreibwarenverkäuferin Catrin Almstädt (55) – mit der Folge, dass der Anteil junger Familien deutlich gewachsen sei. Diesen sozialen Umbruch hat auch eine Männergruppe festgestellt, die im Innenhof der Passage sitzt. Einer von ihnen kritisiert: „Durch die großzügigen Sanierungen ziehen die Mieten massiv an. Wir können uns das Viertel bald nicht mehr leisten.“

Die Straßenbahn schlängelt sich weiter, rollt nach der Delitzscher die Eutritzscher Straße entlang bis ins Zentrum, das im Osten umfahren wird. An der Haltestelle „Härtelstraße“ passiert sie das Café Cantona. In dem Etablissement, benannt nach dem berühmt-berüchtigten französischen Ex-Fußballer Éric Cantona, flimmern regelmäßig Fußballspiele über die Fernseher. Anschließend geht es unter anderem am Bayerischen Bahnhof und der Deutschen Nationalbibliothek vorbei.

Die Zwickauer Straße läutet den letzten Streckenabschnitt der Linie ein. Im „Reisebüro Winkler“ nahe der Station „An der Märchenwiese“ verrichtet Jeannette Märzke (45) ihren Dienst. „Die Marienbrunner sind ausgesprochen höfliche Leute“, lobt sie mit starkem Berliner Dialekt die Einwohner des Stadtteils, in dem sich ihr Arbeitsplatz befindet. Die Angestellte hat aus beruflichen Gründen vor anderthalb Jahren ihren Wohnsitz von der Spree an die Pleiße verlegt.

Kristine Berger schätzt das viele Grüne und die kurzen Wege. Sie lebt seit knapp 50 Jahren in Marienbrunn. Anwohner Horst Gläser (71) hält große Stücke auf die gute Verkehrsanbindung. In maximal 20 Minuten sei er in der Innenstadt.

Am Endpunkt der „16“ in Lößnig, unmittelbar neben dem 1929/30 erbauten „Rundling“, wartet ein Mann geduldig auf die Linie 10, die hier ebenfalls ihre Wendeschleife hat. Er arbeitet bei der SBH Südost in der Frederikenstraße, kommt jeden Werktag extra aus Grünau angereist. „Wenn alles gut geht, bin ich in 45 Minuten zu Hause“, lächelt er. Fast genauso lang dauert die Fahrt zurück mit der „16“ zum Neuen Messegelände.

Die Fahrerin in der 16

Simone Luck fährt zwischen Messegelände und Lößnig

Simone Luck fährt zwischen Messegelände und Lößnig.

Quelle: André Kempner

Ihre Mutter habe sie vor den Schichten gewarnt, erinnert sich Simone Luck (46). Doch sie bereue nicht, trotzdem den Job gewechselt zu haben. Seit 1989 fährt sie „Bimmel“, wie sie sagt. Und das mit Vorliebe auf der „16“. Auf dem Messegelände sei immer was los. „Herrlich, wenn Manga-Fans in Kostümen mitfahren“, sagt die Leipzigerin. Aufgrund des hohen Fahrgastaufkommens müsse sie dann aber besonders aufpassen. „Am liebsten fahre ich die XXL. Die ist toll.“ Die Linie 16 zeichne sich durch fast durchgängig separate Gleiskörper aus. „Da bin ich in Windeseile in der Stadt.“ Falls keiner beim Einsteigen trödelt und sie dann anpöbelt, dass sie unpünktlich sei. „In meiner Bahn begleite ich Leipzig durchs Leben. Das ist doch wunderbar.

Die Büglerin an der 16

Simone Zöpfel in ihrem Bügelshop in der Delitzscher Straße

Simone Zöpfel in ihrem Bügelshop in der Delitzscher Straße.

Quelle: André Kempner

„Dass ich mich so lange gehalten habe, ist schon verwunderlich“, findet Simone Zöpfel (58), die in der Delitzscher Straße 88 den Laden „Moni’s Näh- & Bügelshop“ betreibt – seit mittlerweile zehn Jahren, obwohl in dieser Zeit viele kleine Geschäfte in Eutritzsch weggefallen sind. Nähen, bügeln, ändern sind ihre Hauptaufgaben. Neben älteren Leuten bedient sie vor allem junge alleinstehende Männer. „Ich bringe ihre Hemden wieder auf Vordermann“, lächelt die Inhaberin, die ihr Handwerk von ihrer Mutter gelernt hat. Kunden kann Zöpfel auch von weiter weg vorweisen, unter anderem aus Wiederitzsch und Lindenau. Was sie an ihrer Arbeit besonders mag? „Das zwanglose Gespräch mit den Leuten.“

Die Tradition an der 16

Catrin Almstädt vor ihrem Schreibwarengeschäft in Eutritzsch

Catrin Almstädt vor ihrem Schreibwarengeschäft in Eutritzsch.

Quelle: André Kempner

Welcher Schreibwarenladen kann schon auf eine über 100-jährige Geschichte zurückblicken? Zum Beispiel der von Catrin Almstädt (55) in der Delitzscher Straße 72 in Eutritzsch: „Schreibwaren Werner“. Ihre Urgroßeltern haben das Geschäft 1913 eröffnet. Weil sie das gesamte Haus kaufen wollten. Das ging aber nur bei einer Ladengründung, erzählt die Unternehmerin. Sie arbeitet seit 1990 hier, habe „alles mit der Muttermilch mitgekriegt“. Sie erinnert sich an Kunden, die schon jahrzehntelang bei ihr vorbeikommen, inzwischen extra aus Grünau und Seehausen. Manche hätten bewusst gesagt: „Wenn wir nicht mehr bei ihnen einkaufen, stehen wir hier bald vor verschlossener Tür.“

Die Holzarbeit an der 16

Michael Röhr in seinem Laden Knobel-Hobel in Marienbrunn

Michael Röhr in seinem Laden Knobel-Hobel in Marienbrunn.

Quelle: André Kempner

Ob Flugzeuge, Puppenstuben oder Knobelspiele: In seiner gemütlichen Holzspielmanufaktur „Knobel-Hobel“ in der Zwickauer Straße 69 in Marienbrunn lässt Michael Röhr (72) Kinderherzen höher schlagen. Der langjährige Statistikdozent an der Leipziger Universität hat sich im Ruhestand selbstständig gemacht. „Ich baue Spielzeug aus Holz, repariere alte Kaufmannsläden und Pyramiden, belebe zudem längst vergessene Knobel- und Geduldsspiele“, sagt Röhr, der auch Tischlergeselle ist. Der Ladenstandort ist unter anderem eine Reminiszenz an seine Kindheit im Triftweg. „Ich bin in der Gartenvorstadt Marienbrunn aufgewachsen“, erzählt der Holzspielzeugmacher.

Von Matthias Klöppel

Leipzig 51.3396955 12.3730747
Leipzig
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