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LVZ-Straßenbahnserie: Von der Platte in die Platte

„In der Spur“ LVZ-Straßenbahnserie: Von der Platte in die Platte

Mit der LVZ-Serie „In der Spur“ zeigen wir Leipzig von einer speziellen Seite. Wir erkunden die Stadt mit der Straßenbahn. Wer lebt entlang der Strecken, in den Kiezen, wie ist das Lebensgefühl dort? Heute: die Linie 8.

Die Linie 8 an der Haltestelle „Schönauer Ring“ auf ihrem Weg nach Paunsdorf-Nord. Im Hintergrund ragt der weiße Wohnkomplex oberhalb des PEP-Centers empor.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig. Nur der Wind in den Bäumen und das melodische Gezwitscher der Vögel sind zu hören. Sonst herrscht beschauliche Stille. Von Leuten kaum eine Spur in dieser mit Thüringer Straßennamen versehenen Neubausiedlung direkt neben der Start- und Endstation Grünau-Nord. „Naja, die sind doch alle arbeiten“, meint Christa Zimmer (80), die mit einem Einkaufskorb in der Hand hinter einer Buschreihe hervorschreitet. Sie selbst müsse zwar schnell machen – „sonst habe ich Brühe im Korb“ –, kann ihr Viertel aber mit drei Worten prägnant beschreiben: „Ruhig, ordentlich und sauber.“

Auf der anderen Seite der Wendeschleife erheben sich die grauen Plattenbauten, die einst WK 5 getauft wurden. Anwohner wie Peter Goldammer sprechen lieber von Schönau. „Bei uns ist es ebenfalls ruhig. Es leben ja vor allem ältere Semester hier“, so der 64-Jährige. Vermissen tue er nichts, „noch nicht“. Denn die Frage, wie es mit den Ärzten in nächster Zeit aussieht, bereitet ihm Sorge. Zwei Allgemeinmediziner gibt es vor Ort. „Die sind aber total überlastet. Nehmen kaum noch jemanden an.“ Einer gehe bald in Rente. Dann werde es noch schwieriger, eine ärztliche Behandlung zu bekommen.

Remmidemmi im Neunergeschoss

Ingrid Schulze (79) bemängelt die Verkehrsanbindung. Die müsste besser sein, vor allem sonntags. Seit über 30 Jahren lebt die Pensionärin in Schönau, die vergangenen 14 davon in einem der mächtigen Neungeschosser. „Da ist immer Remmidemmi. Eine Lautstärke, das glaubt man ja nicht.“ Ansonsten ließe es sich aber gut leben in dem Quartier. Viel sei inzwischen saniert worden. Es gebe viel Grün, zudem den angrenzenden Schönauer Park.

Von der Wendeschleife in Grünau-Nord geht es mit der Linie 8 in gerade einmal rund einer Minute zum PEP-Center, der kleinen Einkaufspassage mitten an der belebten Station „Schönauer Ring“, zu der auch der private Habki-Kiosk gehört. In dem steht Stephan Mälig (40) seit 6.30 Uhr und versorgt die Kunden mit Zeitungen und Magazinen, Tabakwaren sowie gekühlten Getränken. „Außerdem nehme ich Lottoscheine an“, erzählt der Angestellte mit einem Lächeln. In der Mittagszeit sei bei ihm viel los. Und, wenn es Geld gab – „also am Monatsanfang.“ Der Kundenkreis bestünde hauptsächlich aus Senioren, Straßenbahnfahrern und Laufkundschaft.

Entlang der Lützner Straße zieht es die Bahn in Richtung Osten. Nach der Fahrt über die erneuerte Luisenbrücke durchquert sie Lindenau, einen Stadtteil, der aus einem vor gut 1000 Jahren gegründeten Dorf hervorgegangen ist. Philip Opitz (22) wohnt in der Saalfelder Straße und fühlt sich pudelwohl: „Einkaufsmöglichkeiten, gute Verkehrsanbindung – in meinem Viertel ist alles super.“ Rosmarie Pflug (80) lobt die Sanierung der Haltestellen. Das mit dem Rollrasen sehe wunderschön aus – „wenn die Leute nur nicht ihre Zigarettenstummel einfach auf den Boden werfen würden.“

Entlang der Jahnallee

Rund um den Bushof Lindenau haben sich einige kleinere Geschäfte gehalten. Zum Beispiel die Filiale vom Bestattungshaus Schönefeld. Die ist seit 2006 an dieser Stelle ansässig, verrät Filialleiterin Elvira Reiter. Zu ihr kämen Leute aus Leutzsch, Grünau, Plagwitz sowie von weiter weg, etwa aus Markranstädt und Günthersdorf. „Wir leben von Empfehlungen“, sagt Reiter und ergänzt: „Auf Wunsch betreuen wir die Angehörigen auch nach der Bestattung. Das zeichnet uns unter anderem aus.“

Zwischen dem Bushof und der Haltestelle „Henriettenstraße“ grüßen Angelika Helbig (60) und Stephan Eichentopf (30) aus einem sechseckigen, in knalliges Rot getauchten Pavillon. Die beiden Angestellten bieten hungrigen Mäulern allerlei Deftiges vom Holzkohlegrill an. Manche Kunden würden schon fast zum Inventar gehören. Es könnten aber noch mehr sein. Doch Autofahrer aus Richtung Innenstadt haben es seit der Erneuerung der Lützner Straße vor einigen Jahren schwer, den Imbiss zu erreichen. „Einfach zu uns links abzubiegen, geht durch die hohen Gleise nicht mehr,“ erzählt Helbig. Beschweren könne sie sich trotzdem nicht. Das Geschäft laufe immer noch gut. „Drüben ist ein Gartenverein. Da ist der Grill optimal“, sagt eine ältere Frau, die mehrere Fleischspieße erworben hat.

Die „8“ arbeitet sich weiter. Passiert den Lindenauer Markt und die Jahnallee. Umfährt die Innenstadt im Süden und Osten, um kurz dann in gemächlichem Tempo durch die multikulturelle Eisenbahnstraße zu rollen. An deren Ende wartet Sellerhausen-Stünz, ein Ortsteil, der offenbar ein geteiltes Echo findet. Ursula Beer (83) beispielsweise hat hier ihr Glück gefunden – „sonst würde ich nicht schon 50 Jahre hier wohnen.“ Ein junger Erzieher berichtet beim Warten an der Haltestelle „Annenstraße“ von Lebensqualität durch günstigen Wohnraum. Und es wäre noch nicht so überlaufen. Mandy Kempf (40) hingegen möchte nach drei Jahren unbedingt wegziehen: „Bausanierungen. Migranten. Es ist laut und ständig ist die Polizei da. Ich schlafe mittlerweile mit Ohropax.“

Emmaukirche

Rechter Hand erhebt sich die Ende des 19. Jahrhunderts erbaute Emmaukirche. Ihr markanter, mehr als 60 Meter hoher Kirchturm prägt das Stadtbild in Sellerhausen. Über eine S-Kurve geht es anschließend von der Wurzner auf die Risaer Straße, die durch einen scharfen Linksschwenk hinter dem Straßenbahnhof Paunsdorf in Richtung Neu-Paunsdorf verlassen wird. Während der rasanten Fahrt entlang der Heiterblickallee türmen sich die grauen Plattenbauten auf, für die das Neubauviertel bekannt ist.

Gegenüber der Station „Ahornstraße“ verkauft Birgit Mitlevski (55) seit rund 25 Jahren regionale Bäckerei-Produkte. „Quarktorten sind unsere Spezialität.“ Vormittags sei immer viel los sowie zur Kaffeezeit. Vor allem Stammgäste würden den Laden der Marke Saale-Holzland-Bäckerei aufsuchen. Zuletzt hätte sich die Zahl jedoch verringert. „Ich habe einige Kunden verloren, die wegen des Flüchtlingsheims weggezogen sind. Die hätten teilweise richtig Angst gehabt, hier noch weiter zu wohnen“, sagt die Angestellte etwas bedrückt. Sie selbst kann sich ein anderes Zuhause als Paunsdorf aber nicht vorstellen. „Ich bin Erstbezüglerin. Weiß noch, wie es hier aussah, als alles noch Baustelle war. Ich will hier nicht weg“, so Mitlevski.

An der Wendeschleife in Paunsdorf-Nord offenbaren sich verblüffende Ähnlichkeiten zum westlichen Start- und Endpunkt der Linie 8: im Grünen gelegen, vergleichsweise ruhig und neben Plattenbauten auch viele neu errichtete Gebäude. Alexander Morche (36), der mit aus der Bahn ausgestiegen ist, hat sich seit einigen Jahren wieder in „Nord“ häuslich niedergelassen. Zuvor lebte er weiter südlich am „Vorwerk“. „Ich bin zufrieden mit meiner Wohngegend. Wir haben viel Landschaft hier. Das PC ist nicht weit. Supermarkt und Sparkasse sind um die Ecke. Was will man mehr“, erzählt der gelernte Koch.

Auf der anderen Seite erstreckt sich der Grüne Bogen, ein Erholungsgebiet mit Parkanlage, Spielplatz und kleinem See. „Dort macht das Spazierengehen gleich doppelt Spaß“, freut sich Gerhard Otto, der in Heiterblick wohnt, zum Flanieren aber oft nach Paunsdorf kommt. Um nicht zu rosten, unternimmt der 83-Jährige jeden Tag eine längere Runde zu Fuß. Zum Grünen Bogen will er aber nicht. „Der Lärmschutzwall ist mein Ziel“, sagt Otto und verschwindet gemütlichen Schrittes hinter einer großen Hecke. Inzwischen hat die Bahn gewendet und ist bereit für die Tour zurück ins nördliche Grünau.

Der Fahrer in der 8

Tonio Decker steuert die Linie 8 von Grünau-Nord nach Paunsdorf-Nord

Tonio Decker steuert die Linie 8 von Grünau-Nord nach Paunsdorf-Nord.

Quelle: André Kempner

Ein Praktikum bei den Verkehrsbetrieben hat die Weichen für Tonio Decker (28) gestellt. „Da waren drei Tage Fahrschule dabei. Ich merkte sofort, dass mir das liegt und Spaß macht und begann 2008 eine Lehre bei den LVB“, sagt er. Seit 2011 ist er Stammfahrer. „In Paunsdorf, hier ist mein Heimatbahnhof. Das passt, ich wohne in Engelsdorf.“ Für ihn sei die Eisenbahnstraße der schönste Teil der „8“. „Weil dort immer was los ist, viele Menschen unterwegs sind. Es wird auch entspannter und friedlicher. Ich war neulich mit meiner Freundin mal gucken und einkaufen. Allerdings müsse er dort auch besonders aufpassen. „Manchmal geht es zu wie in Istanbul.“ Was er fahre? „Bimmel. Ganz klar! Ich bin Leipziger.“

Der Imbiss an der 8

Angelika Helbig und Stephan Eichendorf im Grillpavillon

Angelika Helbig und Stephan Eichendorf im Grillpavillon.

Quelle: Matthias Klöppel

Deftiges vom Rost gibt es bei Angelika Helbig (60) und Stephan Eichentopf (30) in der Lützner Straße 115 in Lindenau. Die beiden Angestellten servieren in dem knallroten Grill-Imbiss der Marke „Echt & Lecker“ alles, was das Fleischliebhaber-Herz begehrt: Schnitzel, Bratwurst, Steak, Hähnchenbrust, Bulette, Burger. „Bei uns ist alles frisch. Das ist unser Prinzip“, betont Helbig, die seit acht Jahren behände die Grillzange schwingt. Werktags geht’s bereits um 8 Uhr los. Sehr beliebt seien Burger. Aber auch Bratwürste gingen gut. Die sind auch roh erhältlich und würden teilweise weggeschleppt bis nach Nürnberg. „Das sagen jedenfalls die Kunden“, lacht Helbig.

Die Gaststätte an der 8

Siegrid Weidner schenkt im Deutschen Hof aus

Siegrid Weidner schenkt im Deutschen Hof aus.

Quelle: André Kempner

Mehr als 20 Jahre leitet Siegrid Weidner (69) nun schon den Deutschen Hof in der Riesaer Straße 25 im Grenzgebiet zwischen Sellerhausen-Stünz und Paunsdorf. „1994 ging es los“, erinnert sie sich. Bis heute bewahre die Gaststätte den Ruf einer gutbürgerlichen Küche. „Vom deftigen Eisbein mit Sauerkraut über den DDR-Klassiker Steak au four bis hin zum delikaten Sauerbraten mit Klößen haben wir viele deutsche Speisen zu bieten“, sagt Weidner, die seit 1980 im Gastgewerbe tätig ist. Eine Besonderheit seien die kleineren Gerichte für Senioren. Für Familienfeiern steht ein separater Raum für bis zu 20 Personen und ein Gastraum für rund 50 Personen zur Verfügung.

Von Matthias Klöppel

Leipzig 51.339695 12.373075
Leipzig
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