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Lokales Land in Sicht: Ein Streifzug durch Holzhausen
Leipzig Lokales Land in Sicht: Ein Streifzug durch Holzhausen
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18:45 05.09.2015
Bahnhof Holzhausen - 1919 und heute Quelle: Privat / Knofe
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Leipzig

Aus den Baumwipfeln sticht Holzhausens höchster Punkt hervor – der 132 Meter hohe Leipziger Fernmeldeturm. Der Lulatsch signalisiert Moderne, doch „hier gehen die Uhren etwas langsamer“, sagt Ortsvorsteher Hans-Jürgen Raqué, „und das ist durchaus positiv gemeint.“ Holzhausen gleicht einem Dorf, doch der Zusammenhalt im 6200-Seelen-Ortsteil ist groß. Die Einwohner seien selbstbewusst, leben das Wir-Gefühl. „Mit netten Worten, lässt sich hier noch viel erreichen“, so der CDU-Politiker.

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Ortschef: Hans-Jürgen Raqué will sich für die Anliegen der Bürger einsetzen und Holzhausen voranbringen.

Raqué ist Tierarzt, seit zwei Jahren wohnt er in Holzhausen. „Ur-Einwohner“ darf sich dagegen André Piesch, 20, nennen. Als zweiter Stadtteilführer lotst er uns durchs immerhin 13 Quadratkilometer große Ortsidyll. „Ich lebe schon mein ganzes Leben hier“, sagt er. Enge freundschaftliche Bande und sein Orchester-Engagement bewegen ihn zum Bleiben, Gewohnheit und Vertrauen schwingen mit. „In der Stadt würden sich solche Freundschaften niemals so bilden“, ist er sich sicher. Ihm reizt das Dorfleben, aber auch die Nähe zum Stadtzentrum, das ist 20 Minuten entfernt.

Vor einem Jahr wurde in Holzhausen groß gefeiert – das 725-jährige Bestehen. Kontakte wurden aufgefrischt, es gab zufriedene Gesichter. „Eigentlich war geplant, das Ortsfest nur zu besonderen Anlässen wiederaufzurollen“, sagt Raqué. Eigentlich. Kommendes Wochenende (4. bis 6. September) erlebt die Party eine Neuauflage mit Musikbands, einer Vereinsschau und Oldtimerrundfahrt. „Das Fest wird uns weiterbringen“, ist Raqué überzeugt. Ortsfest-Macher Uwe Wernecke sieht das genauso, wie André Piesch sitzt er im Organisationsteam.

Gleich neben der Festwiese an der Arthur-Polenz-Straße befindet sich das Kinder- und Jugendfreizeitzentrum, ein beliebter Treffpunkt im Dorf-Kosmos. Sozialpädagogin Jana Schönfeldt, 40, leitet ihn seit 2003, feilt täglich am Freizeitkonzept der Sechs- bis 27-Jährigen. Nicht nur die Holzhausener kommen hierher, ihre Schulfreunde aus den umliegenden Stadtteilen bringen sie gleich mit. „Es gibt nur eine Grundschule im Ort“, so Schönfeld. Die Älteren besuchen die Einrichtungen außerhalb.

Nachmittags geht’s dann aus den Klassenzimmern direkt in die Clubräume zum Austoben. Während der Ferienzeit stünden fast täglich Ausflüge auf dem Programm, Jahreshöhepunkte seien das Muttertagskonzert und das Street-Soccer-Turnier. Was sie von anderen Jugendeinrichtungen in der Stadt unterscheidet? „Es ist tatsächlich der dörfliche Charakter von Holzhausen“, sagt sie. „Vieles funktioniert hier auf kleinem Weg, da ist es gut, nach allen Seiten ein Netzwerk zu haben.“

Auch er hat seine Fühler ausgestreckt: Mike Götze, 38, Mitinhaber der „Media-Paten“ in der Kärrnerstraße. „Wer hätte gedacht, dass es so etwas in Holzhausen gibt?“, sagt Raqué und macht neugierig. Wird in Sachsen ein Radio-Werbespot über den Äther geschickt, stammt er mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Haus, in dessen oberen Etage ein professionelles Tonstudio mit feinstem Equipment schlummert. Dabei hatte Götze eigentlich Bürokaufmann gelernt, später aber die Hörfunkwelt für sich entdeckt.

Ob Angelina Jolie, Bruce Willis oder George Clooney, diesem Mann klingen die Stimmen der Prominenten im Ohr. Die Medienagentur, 2003 von ihm und Mike Friedrich gegründet, produziert in Leipzig und Berlin zahlreiche Stücke für Radiosender, TV-Stationen, Telefonansagen, Filmaufnahmen und Hörbuchverlage, arbeitet dafür mit hunderten verschiedener Stimmen aus der Deutschen Synchronkartei. Mit 3000 produzierten Radiospots jährlich gehört das Holzhausener Duo zu den Top-Unternehmen der Branche.

Mike Götzes Stimme hat auch andernorts Gewicht. Ein Blick auf den Sportplatz gegenüber. Der Marketingfachmann ist einer der beiden Vereinschefs des 200 Mitglieder zählenden Fußballclubs Eintracht Holzhausen, Sohn Nicholas spielt dort. Zu diesem Job sei er wie „die Jungfrau zum Kind gekommen“, sagt er. 2013 stand die Gemeinschaft kurz vor der Zerreißprobe. Götze nahm im 20. Jubiläumsjahr daraufhin die Zügel der Eintracht in die Hand, ordnete intern die Aufgaben neu. Nun rührt der Medienprofi für den Verein die Werbetrommel, geht auf Sponsorensuche, damit neuer Rasen auf die Bolzplätze kommt.

Hans-Jürgen Raqué hat ebenfalls seine Zukunftsziele abgesteckt. Vergangenen November war er zur Ortschaftsrats-Wahl angetreten, wurde mit großer Mehrheit zum Ortsvorsteher gewählt und löste nach 15 Jahren seine Vorgängerin Ursula Grimm ab. Der neue Ortschef will für frischen Wind sorgen, die Ärmel hochkrempeln, zwei Tage in der Woche hat er sich für seinen Politikerjob freigeschaufelt. Perspektivisch muss sich Holzhausen verjüngen, neues mittelständisches Gewerbe soll sich ansiedeln. Dafür braucht es auch eine schnelle Internetverbindung – in ganz Holzhausen. Ein Anbieter sei nach langer Suche gefunden. „Nun hoffen wir, dass er uns in einem dreiviertel Jahr auf den neuesten Stand bringt.“

2009 eröffnete der aus Heidelberg stammende Veterinärmediziner seine Tierarztpraxis am Walter-Markov-Ring in Holzhausen, in der auch eine Sprechzimmer-Katze umherstreunt. 1996 führte ihn die zentrale Studienplatzvergabe nach Leipzig. Widerwillig zog er anfangs an die Pleiße. „Ich war in einem unsanierten Studentenwohnheim untergebracht“, erzählt er. „Da war für mich als behütetes Westkind zunächst eine Welt zusammengebrochen.“ Doch mit Uni-Beginn waren die Sorgen verflogen, der Novize lernte Stadt und Leute kennen. 2002, nach seinem Abschluss, kehrte der Tierspezialist nach einem kurzen Heimat-Intermezzo deshalb sehsüchtig wieder zurück nach Leipzig.

Raqué richtet den Blick voraus, an alte Zeiten und Traditionen erinnert hingegen der Heimatverein. Der langjährige Vorsitzende Jörg Wicke, 61, zählte 1996 zu dessen Gründern. Der Vereinssitz, das Berggut am Zuckelhausener Ring, liegt mitten im einstigen Dorfkern von Zuckelhausen, das sich 1934 mit Holzhausen zusammenschloss. 1999 wurde die bis dahin eigenständige Kommune schließlich nach Leipzig eingemeindet. Vorausgegangen war ein Bürgerentscheid: 80 Prozent der Teilnehmer hätten sich eigentlich damals gegen den Zusammenschluss entschieden, so Wicke. Es kam anders.

360-Grad-Panorama vom Berggut
 
Ein Jahr später schlug dann die Wiedergeburts-Stunde des Bergguts. Der letzte erhaltene Teil eines Dreiseithofes wurde zwischen 2000 und 2003 restauriert und ausgebaut – über Spenden. Heute ist er Begegnungsstätte für Konzerte, Feste, Ausstellungen und Lesungen. Ein Gewinn für den Ort, denn nach der Wende drohte Holzhausen kulturell zu veröden. „Früher gab’s im Dorf ein eigenes Kino und das „Sächsische Haus“ mit einen großen Gastsaal mit 450 Plätzen“, so Wicke. Zu DDR-Zeiten war es normal, dass die Familie in einem der beiden großen Betriebe – entweder bei Mifeu (Feuerungsanlagenbau) oder im Sprio-Werk (Gerätebau) – arbeitete.

Zu DDR-Zeiten hatte es auch noch das Sero-System gegeben. Die vierbuchstabige Abkürzung steht für Sekundärrohstoffe: Schrott, Flaschen, Papier, Pappe, Gläser und Alttextilien, die in Annahmestellen gegen Bares eingetauscht, recycelt und in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt wurden. Das Vorläufer-System war das Rumpelmännchen. Der Holzhausener René Schiebold, 50, gehört zu denjenigen in Leipzig, der den Geschäftsgedanken nach der Wende wiederbelebte. Um ihn zu treffen, geht’s raus nach Engelsdorf, zur Papiermännchen-Wertstoffhandel GmbH, einem Acht-Mann-Betrieb.

Noch immer rücken bei ihm die Schulkinder mit ihren gehamsterten Papiervorräten an, um das Taschengeld oder die Klassenkasse ein wenig aufzubessern. 150 Tonnen an geschnürten Zeitungen, Zeitschriften und Werbebeilagen kauft er hier und an seinen mobilen Standorten pro Monat an. „Doch die Altpapierannahme ist auf dem absteigenden Ast“, sagt er. Zu groß sei die Konkurrenz.

Seit sechs Jahren geht er deshalb neue Wege und betreibt Kunststoff-Recycling. Das sei noch ein lukratives Geschäft, entlaste zudem die Verbrennung. Dabei kauft von großen Unternehmen Plastik-Abfälle an. 60 bis 70 Tonnen schreddern die Mühlen auf dem Wertstoff-Hof im Monat, anschließend wird es gepresst und das gemahlene Granulat so für den Transport vorbereitet. Später sollen bei anderen Herstellern daraus Folien und Dämmmaterial entstehen. „Eine innovative Sache“, sagt Schiebold, „derzeit bin ich damit so ziemlich der einzige in Leipzig, der das macht.“

Noch so eine Erfolgsgeschichte aus dem Leipziger Holzhausen.

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