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Lokales Landesschülersprecher plädiert für mehr Mitwirkung – und sieht AfD-Portale kritisch
Leipzig Lokales Landesschülersprecher plädiert für mehr Mitwirkung – und sieht AfD-Portale kritisch
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17:37 27.11.2018
Noah Wehn ist Vorsitzender des Landesschülerrates Sachsen. Quelle: André Kempner
Leipzig

Noah Wehn ist 17 und Schüler des Friedrich-Schiller-Gymnasiums in Gohlis. Vor einem Jahr wurde er zum Landesschülersprecher gewählt. Der Landesschülerrat, dem er vorsitzt, startete am Dienstag zusammen mit dem Projekt „Mitwirkung mit Wirkung“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung die Mitwirkungskampagne „Schülervertretung aktiv“. Sie soll landesweit Schüler dafür begeistern, sich an ihren Schulen zu engagieren. Für den Auftakt in seinem Gymnasium kamen Klassensprecher aus Leipzig und den Landkreisen Leipzig und Nordsachsen zu einem Workshop zusammen. Im Interview mit LVZ.de äußert er sich zum Projekt und zur Lage an den Schulen in Sachsen.

Sie wollen Ihre Mitschüler darin bestärken, an den Schulen aktiv mitzuwirken. Was versprechen Sie sich davon?

Schülervertretung ist eine unheimlich wichtige Sache. Sich für das Allgemeinwohl einzusetzen, ist ein Geschenk für unser Land. Politisches Engagement bringt es voran. Deshalb haben wir etwas gesucht, womit wir die Schülervertretung flächendeckend stärken können. Außerdem wollen wir den Kontakt zu unserer Basis nicht verlieren und ganz konkret erfahren, was an den Schulen passiert.

Gilt für Sie nicht die allgemeine Schulpflicht oder wie ist diese Bemerkung zu verstehen?

Ich stehe kurz vor dem Abi und bin in der Woche manchmal nur dreieinhalb Tage an der Schule, da verliert man ein bisschen den Blick, was den „ganz normalen Schüler“ bewegt. Diese realistische Schülerperspektive einzufangen, war uns wichtig.

Wie wollen Sie das schaffen?

Wir fangen ganz unten an, dort, wo es zählt – bei den Klassensprecherinnen und Klassensprechern. Wir stärken sie und bilden sie fort. Einerseits wollen wir ihnen zeigen, dass man etwas machen muss. Und andererseits geben wir ihnen konkrete Werkzeuge an die Hand.

Welche Hilfsmittel gibt es da?

Zum Beispiel die Klassensprecherfahrt: Bei der wird das Schuljahr inhaltlich geplant. Oder beim Welt-Aids-Tag kann man mit dem Biolehrer absprechen, sich zehn Minuten diesem Thema zu widmen. Politiker können zum Europatag oder im Zuge der Landtagswahlen eingeladen werden. Das sind kleine Sachen, für die man die Schüler braucht, wenn es nicht vom Direktor oder den Lehrern kommt. Dazu wollen wir die Schüler ermutigen.

Wie kommt das bei den Schülern an?

Es war nicht so einfach, die ersten 150 Teilnehmer zu finden. Es gab Schulen, von denen wir gar keine Teilnehmer hatten. Die haben wir angeschrieben, dass es ihre demokratische Aufgabe sei. Es kamen zwar ein paar Anmeldungen, aber nicht das, was ich erwartet hatte. Das hat mir gezeigt, dass Schülervertretung so viel ungenutztes Potenzial hat.

Sie wollen damit auch erkunden, wie es um die Schulen steht. Vor welchen Problemen stehen diese derzeit?

Der Unterschied von häuslicher und schulischer Realität wird immer größer – vor allem der technische Aspekt. Was ich zuhause nutze, ist oft nicht vergleichbar mit dem, was in den Schulen angeboten wird. Dafür Geld in die Hand zu nehmen, ist da nur die eine Sache. Die andere ist, das Ganze inhaltlich auszugestalten – dass wir nicht den gleichen Unterricht wie davor haben, nur mit Powerpoint statt einer Tafel. Wir könnten viel personalisierter lernen. Die ganzen Daten können ausgewertet werden. Mit einem Hefter geht das schlecht.

Was beschäftigt die Schüler noch?

Ein Problem, was uns seit vielen Jahren bereits begleitet, ist der Lehrermangel. Das ist ein Armutszeugnis für unsere Politik. Daneben ist die soziale Ungleichheit für mich ein wichtiges Thema. Wir leben in einem ziemlich unfairen Bildungssystem. Es geht einfach so viel Potenzial verloren, wenn nicht jeder nach seinen Chancen gefördert werden kann, sondern nach der vierten Klasse unterschieden wird – und dann war’s das erst einmal. Dann ist man plötzlich in einem ganz anderen sozialen Kontext und entwickelt sich dort. Schon allein die Sprache ändert sich.

Wie lässt sich dem entgegensteuern?

Es gibt Maßnahmen dagegen, etwa wenn man den Anteil an Ganztagesangeboten ausbaut. Dafür treten wir als Landesschülerrat ein. Oder indem man Schulsozialarbeiter flächendeckend einsetzt und Gemeinschaftsschulen als Alternative etabliert.

Sie sprechen auch davon, die Schüler zu politisieren. Wie politisch sollte Schule sein?

Politische Bildung heißt Lebensbildung: Es gibt nur einen Ort, an dem wir Leuten erklären können, wie sie am Großen und Ganzen mitwirken. Dieser Ort heißt Schule. Nur dort können wir grundlegende Werte vermitteln. Schulpflicht heißt für mich auch, dass alle in der Gesellschaft darauf hinarbeiten, Schule zu verbessern.

Wie nehmen Sie aktuell die Stimmung hinsichtlich allgemeiner Politikverdrossenheit an den Schulen wahr?

Politikverdrossenheit haben wir in Deutschland dank eines relativ gut ausgeklügelten Parteiensystems weniger. Was wir haben ist Parteienverdrossenheit. Was wir im Unterricht haben, das erlebe ich oft, ist eine politisch interessierte Klasse. Das Potenzial ist da. Was zum Beispiel groß diskutiert wurde, waren die AfD-Lehrer-Beschwerdeportale.

Wie hat der Landesschülerrat auf die Meldeportale reagiert?

Die Beschwerdeportale verbessern Schule nicht, sondern spalten sie und erzeugen ein Klima der Angst. Das entzaubert Schule als angstfreien Raum. Das geht zu Lasten der Lehrer und indirekt auch der Schüler.

Von Manuel Niemann

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