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Lokales Landgericht prüft Eröffnung des Hauptverfahrens
Leipzig Lokales Landgericht prüft Eröffnung des Hauptverfahrens
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Gegen die ehemaligen Ärzte der Uniklinik läuft ein Zwischenverfahren (Symbolbild) Quelle: André Kempner
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Leipzig

Die zuständige Kammer hat dabei zu befinden, ob es zur Eröffnung eines Hauptverfahrens kommt oder nicht. Auf LVZ-Anfrage hieß es, den Beschuldigten sei die Anklageschrift zugestellt worden. In der gesetzlich vorgeschriebenen Frist könnten sie sich zu den Tatvorwürfen äußern. Im Verlauf des Vorverfahrens wird auch geprüft, ob die Anklage bestimmten juristischen Erfordernissen der Strafprozessordnung genügt. Wie lange diese Phase des strafrechtlichen Erkenntnisgewinns dauert, ist nach Angaben eines Gerichtssprechers derzeit noch nicht absehbar.

Wie berichtet, lastet die Staatsanwaltschaft den zwei früher an der UKL-Klinik für Viszeral-, Transplantations- Thorax- und Gefäßchirurgie beschäftigten Medizinern gemeinschaftlichen versuchten Totschlag in 31 Fällen an. Vorausgegangen waren rund zweieinhalbjährige Ermittlungen, die sich auch auf den damaligen Chefarzt (51) bezogen. Diese wurden aber mangels hinreichendem Tatverdacht eingestellt. Hintergrund: Im Dezember 2012 hatte es bei einer Überprüfung durch die Bundesärztekammer erste Hinweise darauf gegeben, dass an der Klinik bei der Meldung von mehreren Patienten, die eine Spenderleber brauchten, manipuliert worden war. Gegenüber der Organvergabe-Organisation Eurotransplant wurden sie als dialysiert deklariert, obwohl sie keiner Blutwäsche unterzogen wurden. Dadurch bekamen sie eine höhere Dringlichkeitsstufe für eine Spenderleber. Als Experten der Bundesärztekammer dann das Transplantationsgeschehen intensiv unter die Lupe nahmen, kam das ganze Ausmaß der Regelverstöße heraus. Im Abschlussdossier wurden 76 Fälle aufgelistet, bei denen nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein soll. Zwischen 2008 und 2011 war die Zahl der Leberverpflanzungen am UKL von 70 auf zuletzt 97 gestiegen.

Im Zuge der staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen wurden Dokumente von Eurotransplant ebenso analysiert wie eine Vielzahl von Kranken- und Behandlungsakten sowohl von Organempfängern als auch von übergangenen Patienten, denen durch die Manipulationen eine Transplantation vorenthalten wurde, weil sie auf der Prioritätenliste auf einen nachrangigen Platz rutschten. Zwei Sachverständige waren in die Ermittlungen eingebunden und werteten die beschlagnahmten Akten aus, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft Ricardo Schulz. Aus Sicht der Anklagebehörde haben die zwei Oberärzte 2010 und 2011 nachweislich in 31 Fällen Mitarbeiter angewiesen, wahrheitswidrig Patienten als dialysiert an Eurotransplant zu melden. 23 von ihnen hätten tatsächlich schneller eine Spenderleber bekommen, bei acht habe sich die Falschmeldung zwar nicht auf die Organvergabe ausgewirkt, aber auch da sei strafbares Handeln durch die Oberärzte gegeben, so die Staatsanwaltschaft. Denn ein bewusstes und aktives Vereiteln fremder Rettungsbemühungen sei grundsätzlich als versuchtes oder vollendetes Tötungsdelikt zur bewerten.

Weil sich in keinem der Fälle mit der erforderlichen Sicherheit belegen ließ, dass ein übergangener Patient infolge der Manipulationen starb, lautet die Anklage nun auf gemeinschaftlich versuchten Totschlag. Noch im Dezember 2012 waren die zwei Oberärzte und der Klinikdirektor suspendiert worden. Im Frühjahr 2013 schieden erstere aus dem UKL aus, Ende Mai 2014 ging dann der vormalige Chefarzt. Nach UKL-Angaben "auf eigenen Wunsch, um sich neuen Herausforderungen zu widmen".

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 18.08.2015
Beck, Mario

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