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Lauris Leben mit dem Zucker

Lauris Leben mit dem Zucker

Laurentius, oder Lauri, wie alle sagen, scheint ganz Fachmann. Cool zeigt er das in der Gürteltasche verstaute, handygroße Teil, auf dem er versiert die darauf gespeicherten Blutzuckerwerte abruft.

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Arzt Wieland Kiess mit den Eltern Doreen und Peter sowie ihren Kindern Valentin (10) und Laurentius (7) am Lurch in der Unikinderklinik.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Und bei Bedarf via einem unterm T-Shirt verdeckten Katheter dem Körper Insulin zuführen kann.

Lauri ist sieben. Der Mini- "Bordcomputer" begleitet ihn, seit er zwei Jahre alt ist. Seit bei ihm Diabetes Typ 1 ausgemacht wurde. Das Kind hatte plötzlich keinen Appetit mehr. Und ständig viel Durst, erzählt Vater Peter (42). "Die Diagnose war ein einschneidendes Erlebnis für uns alle", deutet Mutter Doreen (40) den Schock von damals an.

Der Alltag der Tauchaer Familie hat seither einen anderen Takt: Gut alle zwei Stunden gilt es Lauris Blutzuckerspiegel zu prüfen. Ein Akt, zu dem mittlerweile auch Bruder Valentin (10) aus dem FF Auskunft geben kann - "so mit dem Pieks in die Fingerkuppe, dem Tröpfchen Blut auf den Teststreifen- "Daumen und Zeigefinger darf man nicht nehmen!", lehrt Valentin. - "Nachts messen wir jetzt zuletzt so 23 Uhr. Und je nach Ergebnis stellt man den Wecker dann etwa für 2, um wieder zu kontrollieren. Sind die Werte nicht gut, kann sich auch der Katheter zugesetzt haben, muss gewechselt werden", schildert Doreen durchschlaflose Nächte. Dabei haben sie und ihr Mann tags im Job voll da zu sein. Sie am Flughafen Leipzig-Halle, er in Leipzigs City in einem Ingenieurbüro. Und oft kostet danach noch viel Behördenkram Nerven. Wie jetzt, wo Lauri in der Leipziger Uni-Kinderklinik, die ihn betreut, ein neues Glukosemessgerät verschrieben bekam. "Die Kasse bearbeitet den Antrag schon seit acht Wochen", sagt Peter.

Die Familie händelt Lauris "Zucker" mittlerweile dennoch im eingespielten Team. "Bei Restaurantbesuchen hatten wir anfangs für Lauris Portionen eine Waage dabei. Inzwischen haben wir die für ihn verträglichen Mengen im Kopf", sagt Doreen. "Wir zelten auch. Waren in England. Das alles geht. Nur die Logistik ist aufwendiger. Für Lauri muss stets ein Extra-Koffer für alle Diabetes-Eventualitäten mit. Mit Pumpen- und Kathetersatz, Testzubehör, genügend Insulin. Und egal, wo man hinfährt, ein Kühlschrank für die Medikamente muss da sein."

Für Lauri selbst scheint der Diabetes nun zwar etwas zu sein, was zu ihm gehört. Wovon er sich sein Kinderleben aber nicht ausbremsen lässt. "Den Katheter kannste auch mal abmachen!", winkt er ab. "Beim Schwimmen etwa. Oder wenn ich Fußball spiele!". Er spielt leidenschaftlich gern Fußball, sagen die Eltern. Und sind froh, dass ein Diabeteskind für den SG Taucha 99 "kein Problem" ist. "Man bat nur, dass Lauri stets von uns begleitet wird, falls doch mal was ist", sagt Vater Peter.

Anderswo war Lauri schon "ein Problem": Als er im September in der Grundschule Taucha eingeschult werden sollte. "Es hieß, man sei nicht auf Diabetiker eingerichtet. Es gebe keine Räume, wo sie ihren Blutzucker ungestört messen könnten", erzählt Peter. Im einige Kilometer entfernten Püchauer Bildungszentrum war es dann wieder kein Problem. Nur der Fahrtweg für die Eltern erst mal eine Herausforderung. "Zunächst wollten wir Lauri hin und zurück zu befördern. Aber das hätten wir zeitlich nie hinbekommen", sagt Doreen. Die Überlegung, einen Behindertenfahrdienst zu ordern, hätten sie verworfen. "Wir wollen für Lauri soviel Normalität wie möglich herstellen", betont sie, auch wenn anfangs der Gedanke an den Bus, den ihr Sohn nun täglich nimmt, bange machte.

"In seiner Klasse hat Lauri 21 Mitschüler. Ehe er dort mit irgendwelchen Sprüchen konfrontiert wird, boten wir der Schule an, mit den Kindern über diese Krankheit zu sprechen", sagt Doreen. "Aber das war Lauri etwas peinlich. Also taten es Hortnerin und Klassenlehrerin." Sie lobt nicht zuletzt das ambulante Diabetiker-Team der Leipziger Uni-Kinderklinik. Schwester Kristin von da sei seinerzeit sogar in die Schule gefahren und habe die Pädagogen ein wenig in Sachen Kinderdiabetes geschult. "Plus den Püchauer Pflegedienst, den wir uns gesucht haben", ergänzt Lauris Mutter. Der Pflegedienst käme mittags, manchmal auch noch nachmittags, in die Schule, um abzusichern, dass der Junge selbst bis dahin alles richtig gecheckt hat; sein Blutzuckerspiegel wirklich ok ist. Schließlich sei da noch das Schulessen. "Wir sind mit der Schulküche im Kontakt, erarbeiten wöchentlich Essenspläne - mit allen Mengenvorgaben und Kohlenhydraten, die Lauri zu beachten hat. Er kann ja essen, was er mag", so die Mutter. "Doch die Essenausgabe muss alles abwiegen, und mit dem Pflegedienst dann berechnen, wie viel Insulin Lauri sich noch zuführen muss. Manchmal kriege ich da auch einen Anruf, weil es noch zusätzlich ein Dessert oder Nudeln gab, die er gern isst und wo er statt angesagter 100 Gramm eben 350 verputzt hat." Ansonsten sei Lauri aber bewundernswert diszipliniert.

Achtung zollen Doreen und Peter aber auch ihrem "Großen". "Im Alltag dreht sich ja doch alles mehr um Lauri.Valentin kam da manchmal zu kurz", räumt die Mutter ein. Worauf Valentin versöhnt abwinkt. Mit so einer erwachsenen Ist-doch-selbstverständlich-Geste. Vielleicht wird dafür ja irgendwann mal sein großer Urlaubswunsch wahr. Er möchte gern nach Spanien. Lauri indes ist es egal, wo es hingeht. Er will nur mal Flugzeugfliegen.

Interessierte bei großem Patiententag am Sonntag willkommen

 

Laurentius und sein Diabetes Typ 1 sind kein Einzelfall. "Allein wir betreuen aktuell 360 solcher Kinder und Jugendlichen", sagt Wieland Kiess, Chef der Leipziger Uni-Kinderklinik. "Die Häufigkeit der Fälle nimmt rasant zu, steigt jährlich bereits um drei Prozent. Die Ursachen - unbekannt. Familiäre Vorbelastungen, genetische Gründe - das alles scheidet hier aus. Das hat nichts mit Übergewicht oder altersbedingten Diabetes zu tun", so Kiess. "Man könne derzeit nur spekulieren, ob Virusinfekte schuld sind. Oder zunehmende Schadstoffe in Luft, Wasser, Verpackungsmitteln, Nahrung." Er und weitere Kollegen werden sich nicht zuletzt dazu bei der heute in Leipzig beginnenden 8. Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft sowie der 30. Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, deren Tagungspräsident Kiess ist, austauschen. Er selbst will da für Prävention im frühesten Lebensalter, mehr Sportunterricht in den Schulen und Werbeverbote für ungesunde Nahrungsmittel plädieren. Beim abschließenden Patiententag am Sonntag sind von 10 bis 16 Uhr Betroffene, Angehörige und Interessierte im Congress Center auf der Neuen Messe willkommen.

 

www.herbsttagung-ddg.de

 

 

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.11.2014

Angelika Raulien

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