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Lokales Leipzig/Halle will Modellregion für Gratis-ÖPNV werden
Leipzig Lokales Leipzig/Halle will Modellregion für Gratis-ÖPNV werden
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14:09 21.02.2018
In Leipzig könnte eine weitere Modellregion für öffentlichen Nahverkehr entstehen, schlägt MDV-Chef Steffen Lehmann vor. Quelle: Kempner
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Leipzig/Dresden

Gratis Bus und Bahn fahren – der Vorstoß der Bundesregierung hat in Sachsen eine Diskussion um den Nahverkehr der Zukunft ins Rollen gebracht. Steffen Lehmann, der Geschäftsführer des Mitteldeutschen Verkehrsverbunds (MDV), schlug am Mittwoch gegenüber der Leipziger Volkszeitung den Raum Leipzig/Halle als zusätzliches Testgebiet vor. „Wir werden in unseren Gremien ausloten, wie wir als gesamter Verbundraum eine Modellregion im mitteldeutschen Teil der Bundesrepublik werden und diese bundesweite Initiative mit weiteren Inhalten modellhaft begleiten könnten“, kündigte der MDV-Chef an.

In einem Brief an die EU-Kommission hatte die amtierende Bundesregierung den Vorschlag präsentiert, in fünf deutschen Teststädten kostenlosen ÖPNV zu erproben. Der Osten bleibt dabei jedoch außen vor. Ausgewählt wurden Bonn, Essen, Herrenberg (Baden-Württemberg), Reutlingen und Mannheim. Durch den Gratis-Nahverkehr soll die Zahl privater Fahrzeuge in den Innenstädten und damit die Abgasbelastung verringert werden. „Wir begrüßen die angestoßene Initiative grundsätzlich sehr, dem ÖPNV bei der Erreichung der klimapolitischen Ziele eine neue tragende Rolle zukommen zu lassen und wünschen uns ausdrücklich, dass daraus eine breitere Diskussion erwächst“, so Lehmann.

LVB nehmen 100 Millionen Euro pro Jahr durch Tickets ein

Auch im Leipziger Rathaus wurde der Vorstoß mit offenen Ohren aufgenommen. „Die Stadt Leipzig würde sich sehr freuen, wenn mit dem Brief gegenüber der EU-Kommission jetzt zumindest eine Tür aufgegangen ist, um Bund und Kommunen zu diesem Zukunftsthema an einen Tisch zu bekommen“, teilte das Dezernat für Stadtentwicklung und Bau auf LVZ-Anfrage mit.

Bisher ist jedoch unklar, wie das Vorhaben finanziert werden soll – für Kritiker ist es das stärkste Argument gegen einen kostenfreien Nahverkehr. Alleine in Leipzig spülen die Ticketeinnahmen der Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) jedes Jahr rund 100 Millionen Euro in die Kassen, in Dresden sind es etwa 120 Millionen Euro. Erstattet der Staat die Fahrpreise im Nahverkehr bundesweit, wären laut Branchenverband VDV zwölf Milliarden Euro jährlich nötig. Zum Vergleich: Die gesamten Verkehrsinvestitionen im Bundeshaushalt 2018 liegen bei gut 14 Milliarden Euro.

Milliarden-Investitionen, aber auch Einsparungen

Das Thema fahrscheinloser ÖPNV wurde in der Messestadt bereits unter dem Stichwort „Bürgerticket“ diskutiert und vom MDV in einem Gutachten analysiert. In der Diskussion ist eine monatliche Abgabe für alle Einwohner in Höhe von 20 bis 30 Euro. Berechnungen der Stadt haben ergeben, dass mit einem solchen „Bürgerticket“ bis zum Jahr 2030 in Leipzig Investitionen von 4,6 Milliarden Euro notwendig wären – etwa acht Mal so viel wie bei einer Fortführung der bisherigen Strategie.

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Die Bewältigung der steigenden Fahrgastzahlen wäre für die Städte und Verkehrsbetriebe eine Mammutaufgabe – vom Kauf neuer Fahrzeuge über den Ausbau der Netzinfrastruktur bis hin zu zusätzlichen Fahrern. Dem gegenüber stehen aber auch Einsparungen unter anderem für Ticketkontrollen, Fahrscheinautomaten und letztlich auch die Straßenunterhaltung – wenn der Innenstadtverkehr abnimmt. Dies haben Erfahrungen in internationalen Vorreiter-Metropolen wie dem australischen Melbourne ergeben.

Dresdner Verkehrsbetriebe lehnen Gratis-Nahverkehr ab

Auch das sächsische Wirtschafts- und Verkehrsministerium steht den Plänen aufgeschlossen gegenüber. „Die Idee für einen kostenlosen Nahverkehr ist nicht uninteressant“, teilte Sprecher Jens Jungmann auf LVZ-Anfrage mit. Er wies jedoch darauf hin, dass viele Bewohner des ländlichen Raumes aufgrund eines geringeren Angebotes kaum vom Gratis-ÖPNV profitieren würden. Zudem seien die Netze in Leipzig und Dresden bereits an ihren Kapazitätsgrenzen angekommenen und könnten überlastet werden.

Bei den Dresdner Verkehrsbetrieben (DVB) stößt die Idee aus ebendiesen Gründen auf Ablehnung. „Es wären extreme Mittel für die Erweiterung von Anlagen, Fahrzeugpool und Gleisen notwendig. Eine Millionensumme, die man aktuell noch gar nicht abschätzen könnte“, meint DVB-Vorstand Lars Seiffert. Er warnt, dass den Menschen ein Geschenk suggeriert werde, aber letztlich die Bürger zur Kasse gebeten würden. „Das wäre für Stadt und Land ein Fass ohne Boden.“

Von Robert Nößler, Winfried Mahr, Thomas Baumann-Hartwig und Sebastian Burkhardt

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