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Lokales Leipzig: Honeckers Gästehaus am Park soll abgerissen werden
Leipzig Lokales Leipzig: Honeckers Gästehaus am Park soll abgerissen werden
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00:32 29.11.2015
Schlechter Zustand: Der alte DDR-Bau ist aus Sicht des Eigentümers nicht mehr zu retten.     Quelle: Kempner
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Leipzig

Wenn es nach dem Eigentümer Vicus AG geht, soll die letzte große Ruine im Leipziger Musikviertel bald abgerissen werden. Seit mittlerweile 20 Jahren steht das ehemalige „Gästehaus des Ministerrates und Politbüros der DDR“ leer, sagte Vicus-Chef Michael Klemmer. „Wir sind gerade dabei, den Abbruch­antrag zu erarbeiten. Wir können nachweisen, dass sich dieses Objekt nicht mehr wirtschaftlich sanieren lässt.“

Einen solchen Nachweis würde Klemmer auch brauchen, denn das 1968 vom SED-Staatschef Walter Ulbricht eröffnete Gebäude-Ensemble steht unter Denkmalschutz. Neben Ulbrichts Nachfolger Erich Honecker, der in der besonders gesicherten Herberge mindestens zweimal pro Jahr während der Leipziger Messen übernachtete, durften auch sonstige DDR-Fürsten und ausländische Staatsgäste auf dem 13 000 Quadratmeter großen Grundstück Quartier nehmen. 1983 verhandelten Honecker und Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß in einem abhörsicheren Bunker unter dem Haus einen Milliardenkredit für die fast bankrotte DDR. Strauß bekam eine Suite, die das Möbelkombinat Hellerau extra in bajuwarischem Blau-Weiß gestaltet hatte: Sie blieb unverändert – bis die Treuhand 1995 das ganze Grundstück verkaufte.

Im „Gästehaus des Ministerrats der DDR“ schüttelte sich die Politprominenz die Hände – wie hier im Jahr 1987. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU, Dritter von rechts) und der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker (rechts) begrüßen sich zur Frühjahrsmesse. Ebenfalls im Bild (von links nach rechts): DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski, der bayerische Finanzminister Gerold Tandler, Politbüro-Mitglied Günter Mittag sowie Theo Waigel (CSU, Zweiter von rechts), damals Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag. Quelle: Bundesarchiv

Neuer Eigentümer wurde die Hamburger Restaurant-Kette Block. Sie zahlte 20 Millionen D-Mark, wollte alles abreißen und ein Luxus-Hotel für 100 Millionen errichten. Doch dazu kam es nie. Am 15. Juli 1995 ließ Block das Inventar samt Honeckers Personenwaage versteigern. Es war der bislang letzte Öffnungstag.

Kaputte Scheiben, etliche Graffiti – so sieht die Fassade heute aus. Laut Alberto Schwarz vom Sächsischen Landesamt für Denkmalpflege wurde durch Vandalismus sowie einen Brand 1999 auch fast die ganze Innenausstattung des Stahlbetonbaus zerstört. „Dennoch ist das Gästehaus ein kultur- und zeitgeschichtliches Zeugnis, das es zu erhalten gilt“, erklärte er. In Leipzig gebe es ohnehin nur noch wenige Beispiele der DDR-Architekturmoderne. In Berlin-Pankow indes sei erst vor drei Jahren ein ebenfalls 1968 entstandenes, ähnliches Gästehaus der SED-Führung denkmalgerecht saniert und in eine Wohnanlage umgewandelt worden.

Vicus-Chef Klemmer hält entgegen, das Gästehaus in Berlin sei viel kleiner und in seiner Struktur mit Restaurants und Sälen nicht vergleichbar. „In Leipzig müssten Kaltmieten von 15 Euro oder Verkaufspreise von 5500 Euro pro Quadratmeter verlangt werden, um den Altbau wirtschaftlich zu sanieren. Das bleibt auf absehbare Zeit illusorisch.“ Der Projektentwickler hatte das Gästehaus vor drei Jahren von der Block-Gruppe erworben. Aktuell stünden mehrere große Investoren mit verschiedenen Konzepten bei ihm Schlange, erläuterte Klemmer. „Die Lage ist fantastisch. Wenn der Abriss genehmigt wird, könnte dort zügig etwas Neues entstehen, das beim wachsenden Wohnungsbedarf in Leipzig allen nutzt.“

Das Gästehaus am Park im Musikviertel war zu DDR-Zeiten komplett abgeschirmt und deshalb stets von Geheimnissen umwittert. Es glich fast einem Volksfest, als die Hamburger Block-Gruppe 1995 das gesamte Inventar versteigern ließ. Etliche Leipziger waren gekommen, um zu sehen, wie die DDR-Fürsten hier einst logierten. Auch der berühmte US-Dokumentarfilmer Michael Moore drehte bei der Gelegenheit mit versteckter Kamera. Frühere Mitarbeiter erzählten bei der Veranstaltung, dass sich SED- und Staatschef Erich Honecker gern ein gut gekühltes DAB-Dosenbier und stets die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) aus dem kapitalistischen Ausland servieren ließ. Ende der Siebzigerjahre wurde das ganze Haus für einen Besuch des Schahs von Persien ausstaffiert – doch der kam nicht, wurde kurz zuvor gestürzt. Ob der Bunker unter dem Gebäude wirklich „atombombensicher“ errichtet wurde oder nur ein verstärkter, abhörsicherer Keller war – darüber gehen die Meinungen auseinander. Fakt ist, dass von der einstigen Glorie fast nichts übrig blieb. Selbst ein sechs Meter langes Wand-Relief des Leipziger Malers Bernhard Heisig ist kaum noch zu erkennen.

Von Jens Rometsch

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