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Lokales Leipzig: Kirchliche Erwerbsloseninitiative seit 25 Jahren aktiv
Leipzig Lokales Leipzig: Kirchliche Erwerbsloseninitiative seit 25 Jahren aktiv
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00:18 21.04.2016
Dorothea Klein  Quelle: privat
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Leipzig

 Für Menschen in schwierigen Lebenslagen ist sie im Herzen der Stadt, in der Ritterstraße 5, eine nicht mehr wegzudenkende Anlaufstelle geworden: die Kirchliche Erwerbsloseninitiative Leipzig (KEL). Hier wird beraten, begleitet, geholfen. Seit nunmehr 25 Jahren. Mit einer großen, öffentlichen Geburtstagsfeier am 2. Mai in der Alten Börse soll das gewürdigt werden – der Evangelisch-Lutherische Kirchenbezirk Leipzig als Träger lädt dazu ein. Im LVZ-Interview blickt die stellvertretende KEL-Geschäftsführerin Dorothea Klein (57) auf zurückliegende und kommende Jahre.

Wie kam es vor 25 Jahren überhaupt zur Geburt der KEL?

Dorothea Klein: 1990 waren wir hier alle ja zunächst begeistert. Die neue Freiheit und das neue Geld hatten aber auch Schattenseiten. Die D-Mark kam, viele gönnten sich erstmal einen Urlaub im Land ihrer Wahl. Nicht wenige fanden nach ihrer Rückkehr im Briefkasten einen „Blauen Brief“. Ganze Industriezweige brachen zusammen. Arbeitslosigkeit wurde in Leipzig ein Massenphänomen. Und keiner kannte sich aus, was man da als Betroffener tun muss, wie man damit umzugehen hat. Seinerzeit war es Pfarrer Christian Führer, der die Initiative ergriff und meinte, wir müssen hier etwas tun.

Die Pioniere der Initiative waren angesichts der vielen neuen, sozialrechtlichen Regelungen sicher nicht gerade fit für den Beraterjob …

Überhaupt nicht. Diese Frauen und Männer der ersten Stunde waren teils auch arbeitslos und wussten selbst nicht, wie ein Antrag auf Arbeitslosengeld zu stellen ist. Geschweige denn, dass sie andere hätten beraten können. Es gab dann aber viel Hilfe seitens kirchlicher Institutionen aus den alten Bundesländern, die die Leipziger schulten.

Und diese frisch Geschulten gründeten dann wann genau die KEL?

Das erste Protokoll, was mir aus dieser Zeit vorliegt, ist vom 28. Januar 1991 über die Gründung eines Beirates für die Kirchliche Erwerbsloseninitiative im Kirchenbezirk Leipzig. Daraufhin wurden erste ABM-Stellen für Mitarbeiter beantragt. Leipzig war 1991 wohl eine der ersten Kommunen, die eine solche Einrichtung auf die Beine brachten.

Was stand in den ersten Jahren im Fokus?

Die ersten zehn, 15 Jahre war unsere Beratertätigkeit eng mit dem Thema „Beschäftigungsinitiativen“ verknüpft. Dann allerdings wurde es ja bekanntlich für alle immer schwieriger, ABM- oder Ein-Euro-Jobs zu erhalten. Eine absolute Zäsur für unsere Arbeit gab es 2004 mit der Einführung der Hartz-IV-Gesetze. Da bewilligte uns das Arbeitsamt sogar von sich aus nochmal zwölf zusätzliche ABM-Leute, um die Flut der Neuanträge auf Hartz-IV-Leistungen zu bewältigen. Das war übrigens eine Zeit, wo sich bei uns in der Ritterstraße Fernsehsender von Japan bis Schweden die Klinke in die Hand gaben und mit Erstaunen fragten, wie die Deutschen mit so einer tiefgreifenden Sozialreform umgehen werden. In der Tat stellten auch wir uns die bange Frage: War die damals so genannte „Agenda 2010“ eine gute Entscheidung für Deutschland?

Und? Welche Antwort ergab sich aus der KEL-Praxis?

Hartz-IV war die Einführung der Grundsicherung, aber auch die Geburtsstunde des Niedriglohnsektors Deutschland. Es führte dazu, dass sich der Druck auf Betroffene erhöhte, einfach jede Arbeit anzunehmen. Wir haben es seither mit immer mehr Menschen zu tun, die durch schlecht bezahlte, oft nur befristete Jobs in prekäre Lebensverhältnisse geglitten sind. Die sinkenden Arbeitslosenzahlen, die monatlich verkündet werden, bedeuten eben nicht, dass gleichermaßen auch die Zahl der Bedürftigen sinkt, die auf Grundsicherung angewiesen sind. Daran hat sich nach unseren Erfahrungen auch durch die Einführung des Mindestlohns nicht viel geändert.

Der Schwerpunkt der Beratung bei der KEL liegt also derzeit wo?

Der Trend ist: Es gibt zunehmend Menschen, die neben einer Beschäftigung aufstockendes ALG II bekommen müssen, um den Lebensunterhalt zu decken. Und jene, die ganz arbeitslos sind – für die und ihre Familien ändert sich zumeist alles: die materielle Absicherung, das physische und psychische Befinden. Hinzu kommen oft bürokratische Anforderungen, die viele überfordern. So ein Bescheid kann ja schon mal 80 Seiten umfassen und ist in einer Amtssprache verfasst, die nicht leicht zu verstehen ist. Hinzu kommen Bescheide, die sich widersprechen. Aktuell und problematisch ist zudem die Sache mit den Unterkunftskosten. Der vorgeschriebene Wohnraum, den sich ein ALG-II-Empfänger demnach suchen muss, findet sich in Leipzig jetzt kaum noch.

Klingt, als wenn sich in Ihren Beratungen schon mal Emotionen Bahn brechen...

Naja, alles sowas zermürbt Betroffene ja. Wir bekamen zuletzt auch Sprüche zu hören wie „Aber die Ausländer kriegen alles!“. Dabei haben wir erlebt, dass zu allen Zeiten nach Sündenböcken gesucht wurde. Erst wurden die Hartz-IV-Bezieher stigmatisiert, sie seien faul und dumm. Wobei viele mit Hochschulabschluss bei uns sitzen! Nun wird aktuell auf die Flüchtlinge gezeigt. Wir sind strikt dagegen, eine Gruppe gegen die andere auszuspielen. Einheimische Bedürftige bekommen aufgrund der Flüchtlinge nicht weniger Geld. Und wer uns kennt, weiß auch: Beratungstermine werden ausgewogen an alle gleichermaßen vergeben.

Mittlerweile stehen jährlich im Schnitt gut 5000 Beratungen beim siebenköpfigen KEL-Team zu Buche. Das spricht für einen Vertrauensbonus bei der sorgengeplagten Bevölkerung...

Unser Vorteil ist: Die KEL ist ein niedrigschwelliges Angebot. Was aber auch heißt: Die Leute kommen meist mit einem Berg amtlicher Belege, mit denen sie nicht klar kommen. Wenn wir uns dann damit auseinandersetzen, öffnen sich oft zig weitere Problemtüren. So bieten wir seit 2006 eine kostenlose soziale Schuldnerberatung an. Unsere Beraterinnen werden dafür kontinuierlich weitergebildet und geschult. Im Schuldner- und Insolvenzrecht, im Sozialrecht, in psychologischer Beratung, nun auch im Asylrecht. Dass wir so qualifiziert arbeiten können, verdanken wir zu allererst der Sächsischen Landeskirche und dem Kirchenbezirk Leipzig, die unsere Arbeitsbasis finanzieren. Gleichzeitig unterstützen uns Stadt, Kommunaler Sozialverband und Diakonie.

Welche Herausforderungen sehen Sie und Ihre Mitstreiter für die Zukunft?

Die Altersarmut steigt. Das wird viele Probleme bringen. Da wird es viel aufstockende Grundsicherungen zu beantragen geben. Wir haben es bereits jetzt mehr und mehr damit zu tun.

Von Angelika Raulien

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