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Leipzig: Kritik an Billig-Zählern

Kostenfalle Wasserzähler Leipzig: Kritik an Billig-Zählern

Die Leipziger Wasserwerke kaufen ihre Wasserzähler offenbar sehr preiswert ein. Experten sprechen jetzt sogar von Billig-Zählern und werfen dem Unternehmen vor, ihren Kunden die Risiken aufzubürden. Die Wasserwerke weisen die Kritik zurück.

Leipzig bezieht einen Großteil seines Wassers aus dem Wassergut Canitz.

Quelle: LVZ

Leipzig. Die Kritik an den Wasserzählern der Leipziger Wasserwerke wird wieder lauter. Nachdem bereits bundesweit festgestellt wurde, dass es in Zählern zu „Rollensprüngen“ kommen kann – die den Wasserkunden ein Vielfaches an Kosten bescheren können (die LVZ berichtete) – gerät jetzt die Beschaffung der Zähler in den Fokus. Der Vorwurf: Die Wasserwerke setzen Billig-Zähler ein und nehmen dabei in Kauf, dass ihre Kunden zu viel zahlen müssen. Das Unternehmen weist dies als „nicht nachvollziehbar“ zurück.

Befeuert wird die Diskussion durch eine Sendung des ZDF-Magazins „Wiso“, die vor wenigen Tagen über den Bildschirm flimmerte. Die Fernsehmacher berichteten über einen Fall aus Bonn. Dort wurde einem Wasserkunden für ein Ladengeschäft die stattliche Menge von 4500 Kubikmetern in Rechnung gestellt – obwohl er nur wenige Zapfstellen besaß und zuvor jährlich nur rund 30 Kubikmeter Wasser verbraucht hatte. Der dortige Wasserversorger forderte von seinem Kunden, dass er den Nichtverbrauch der Wassermenge nachweist, um die horrenden Kosten erlassen zu bekommen. „Der Mann soll etwas nachweisen, was er gar nicht gemacht hat“, meint der Leipziger Sachverständige Georg Hofmann, der in dem Film interviewt wird. „Dabei ist es rechnerisch völlig unmöglich, binnen zweieinhalb Monaten an diesen Zapfstellen diese Menge Wasser zu entnehmen.“ Denn eine Zapfstelle könne in 24 Stunden nur maximal zehn bis zwölf Kubikmeter Wasser liefern – wenn sie voll aufgedreht wird. „Selbst bei einem Wasserhahn, der rund um die Uhr vollständig geöffnet ist, würde es rund 14 Monate dauern, um diese Wassermenge zu zapfen“, so Hofmann. Der Fehler könne aus seiner Sicht nur im Zählwerk des Wasserzählers und demnach an der Qualität des Zählers liegen.

Auch in Leipzig sorgt ein neuer Fall für Wirbel, bei dem in einem Zähler ein Meßeinsatz des selben Herstellers eingebaut ist wie in Bonn. In Paunsdorf ist in einem Zehn-Familien-Haus der Gehäusedeckel eines Wasserzählers von selbst abgesprungen – laut Gutachten geschah dies, weil das Gewinde des Zähler-Gehäuses „nicht in Ordnung“ war. „Im Wassernetz und damit auch in Zählern kann es kurzzeitig zu Druckstößen kommen“, erklärt Hofmann. Schon bei einem Wasserdruck von fünf Bar würde auf den Deckel des Zählers eine Kraft wirken, die der Gewichtskraft einer Masse von 140 Kilogramm entspricht. Bei Druckstößen von 50 Bar – die in Extremfällen im Wassernetz durchaus kurzzeitig vorkämen – könnten es sogar stattliche 1400 Kilogramm sein. „Diese Kraft würde ausreichen, um bei einem Gewindefehler den Deckel eines Zählergehäuses zu sprengen“, so Hofmann.

Für den Besitzer des Paunsdorfer Mehrfamilienhauses hatte der Gewindefehler fatale Folgen: Dadurch floss so viel Wasser in den Keller, dass im Nachbarhaus die Heizung und die Elektroanlage beschädigt wurden. Rund 10 000 Euro fordert der Nachbar nach Lage der Dinge jetzt dafür und schlimmstenfalls wird der Nutzer des defekten Zählers diese Summe zahlen müssen, denn die Wasserwerke sehen sich nicht in der Verantwortung.

Bei dem noch laufenden Rechtsstreit mussten die Leipziger Wasserwerke offenlegen, woher sie die Zähler beziehen und wie viel sie für diese zahlen. Die Überraschung war groß, als sich herausstellte, dass das Unternehmen lediglich 1,85 Euro netto im Austausch für einen Meßeinsatz dieses Herstellers zahlen, für den gesamten Zähler nur 7,50 Euro netto. „Aus meiner fachlichen Sicht ist es unmöglich, für einen Preis von 7,50 Euro netto einen neuen Wasserzähler herzustellen“, kommentiert Hofmann die vorgelegten Papiere. „Ebenso halte ich es für unmöglich, einen gebrauchten Wasserzähler dieser Größe zu einem Preis von 1,85 Euro netto so herzurichten, dass er den gebotenen Qualitätsanforderungen eines Messegeräts im gesetzlichen Messwesen entspricht.“ Andere renommierte Hersteller würden für einen Zähler dieser Bauart 55,50 Euro fordern.

Aus Sicht von Fachleuten ist es betriebswirtschaftlich nicht notwendig, dass die Leipziger Wasserwerke bei ihrer Zähler-Auswahl zu billigen Messgeräten greifen. Denn sie lassen sich von ihren Kunden diese Geräte sehr gut bezahlen. „Für einen Zähler dieser Größe wird eine Zählergebühr von rund 100 Euro im Jahr verlangt“, rechnet Diplom-Ingenieur Klaus Barth vor. Das seien in sechs Jahren rund 600 Euro – denen ein Einsatz von 7,50 Euro gegenüberstehe. „Für mich sind eindeutig die Leipziger Wasserwerke in der Pflicht“, meint Barth. „Sie setzen wissentlich einen Zähler mit einem geringen Preis ein und nehmen dabei billigend in Kauf, dass er kaputt geht.“

Hofmann macht noch eine andere Rechnung auf: Er spricht von über 700 Euro pro Jahr, die die Leipziger Wasserwerke bei einer Wasserabnahme von über 1000 Kubikmeter einnehmen und zählt dabei die Grundgebühr für Abwasser hinzu, die zu der verbrauchten Trinkwassermenge noch hinzu kommt. Danach würden von Kunden in sechs Jahren „bis zu 4200 Euro“ kassiert.

Hofmann hat auch entdeckt, dass das Problem in ganz Europa Wellen schlägt. Die Schweiz warne öffentlich vor Billig-Zählern. „Die in den letzten Jahren erfolgte Liberalisierung des Marktes für Wasserzähler birgt die Gefahr, dass auch in der Schweiz in zunehmendem Maße Zähler von geringerer Qualität eingesetzt werden“, heißt es dort in einem Fachbericht. „Solche Zähler erfüllen zwar beim Inverkehrbringen die in den meisten europäischen Ländern geltenden Anforderungen, doch lässt ihre Messgenauigkeit schon nach relativ kurzer Zeit nach.“

Leipzigs Wasserwerke erklärten gestern, sie hätten „keinen Zweifel“ an „der Qualität und der Messgenauigkeit“ der in die Kritik geratenen Zähler. Die punktuellen Herstellerfehler seien „bedauerlich, aber Einzelfälle“. Beim Einkauf werde „auch im Interesse der Kunden“ dem wirtschaftlichsten Anbieter der Zuschlag erteilt. Bei einer freiwilligen Qualitätskontrolle sei man „von einem hohen Grad an Kompetenz überzeugt“ worden.

Von Andreas Tappert

Leipzig, Johannisgasse 7/9 51.3376 12.3836
Leipzig, Johannisgasse 7/9
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