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Lokales Leipzig: Letzte große Polygraph-Halle in Anger-Crottendorf wird saniert
Leipzig Lokales Leipzig: Letzte große Polygraph-Halle in Anger-Crottendorf wird saniert
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00:16 06.12.2016
Trotz der zerstörten Fenster sieht das über 100 Jahre alte Fabrikgebäude in der Theodor-Neubauer-Straße 60 noch immer eindrucksvoll aus. Bereits Mitte 2018 sollen hier nun die ersten Bewohner einziehen. Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

Wer in der Theodor-Neubauer-Straße in Anger-Crottendorf steht, kann sich dem Anblick kaum entziehen. Seit 22 Jahren steht das letzte große Gebäude der früheren Maschinenfabrik von Karl Krause (1823-1902) leer. Ab Anfang nächsten Jahres soll es nun endlich saniert werden.

Der mächtige Backsteinbau mit seinen 22 Achsen ist zwischen 1911 und 1913 entstanden. Die Nachfolger von Unternehmer-Legende Krause entwickelten hier eine Weltneuheit: das Kopiergerät. In der Folge wuchs die Fabrik, die vor allem Papierschneidemaschinen und andere Geräte für das grafische Gewerbe herstellte, bald zu einem der größten Arbeitgeber im Leipziger Osten – mit bis zu 1500 Beschäftigten. Im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört und durch Reparationsleistungen an die Sowjetunion nach 1945 zusätzlich geschwächt überlebte die ehemalige Krausefabrik als VEB Buchbindereimaschinenwerke Leipzig im Kombinat Polygraph. 1994 schloss das Werk. Alle anderen Fabrikhallen wurden nach und nach abgerissen. Nur das riesige Industriedenkmal, das mit mehreren Türmen und pittoresker Dachlandschaft stark an die Plagwitzer Buntgarnwerke erinnert, blieb trotz wiederholter Brände erhalten.

7700 Quadratmeter Nutzflächen zählt allein das Gebäude in der Theodor-Neubauer-Straße 60. „Wir werden hier über 100 Eigentumswohnungen einrichten“, sagt Matthias Rühl vom Investor Dolphin Trust, der das 3,5 Hektar große Areal unlängst von einem privaten Vorbesitzer erworben hat. Der Projektentwickler aus Hannover ist in Leipzig seit 2010 aktiv, konnte zuerst Dreißigerjahre-Bauten in der nahe gelegenen Gregor-Fuchs-Straße 25 sanieren und anschließend mehrere weitere Denkmale – darunter mit der Windorfer Straße 43 eines der ältesten Häuser in Kleinzschocher. „Wir planen keine Haute-Volée-Quartiere, sondern praktische Wohnungen für Familien, die zur Umgebung passen“, erläutert Projektsteuerer Rühl. Allen Schutt und Unrat habe man bereits aus der Ex-Maschinenfabrik herausgeholt. „Das füllte 73 Container.“ Auch nachträgliche Einbauten aus DDR-Zeiten seien entfernt worden. „Am Ende diente dieser Teil des Polygraph-Werkes nicht mehr für die Produktion, sondern zur Lehrlingsausbildung.“

Noch diesen Monat wolle Dolphin den Bauantrag für das 15-Millionen-Euro-Projekt einreichen, sofort nach der Genehmigung die behutsame Sanierung starten. Zum Beispiel blieben die historischen Türen der drei vorhandenen Fahrstühle erhalten. Von den – nur auf der Rückseite sichtbaren – Türmen sowie etlichen neuen Balkonen und Loggien könnten die künftigen Bewohner fantastische Ausblicke bis ins Leipziger Zentrum genießen.

Hinter dem Haus bleibe „eine riesige Grünfläche“ für die Nutzer. Auch alle Autostellplätze würden nicht auf dem komplett gepflasterten, öffentlichen Platz vor der ehemaligen Feuerwache Ost untergebracht, sondern auf dem Privatgelände. „In einem späteren Schritt planen wir auf unserem Areal, das bis zur Zweinaundorfer Straße reicht, noch eine größere Zahl von Stadtvillen mit Eigentumswohnungen – deutlich über 20 000 Quadratmeter Nutzflächen.“ Für diese Neubauten habe die Kommune erst mit dem vor wenigen Tagen vorgestellten Masterplan zum Parkbogen Ost den Weg geöffnet. Hintergrund: Nach dem Abriss aller anderen Polygraph-Hallen wuchsen auf dem Gelände bald Bäume und Büsche. Die Stadt überlegte zeitweilig, daraus einen kleinen Wald am geplanten Fuß- und Radweg des Parkbogens zu entwickeln, verankerte diese Idee letztlich aber nicht im aktuellen Masterplan-Entwurf.

Arno Dörrscheidt würde sich sehr freuen, wenn in die leere Maschinenfabrik bald Leben einzieht. Wie berichtet, hatte der Senior aus Brandenburg – gemeinsam mit seiner leider im vergangenen Monat verstorbenen Frau Karla – seit 2012 die historische Krause-Villa am anderen Ende des Polygraph-Areals saniert. Samt der Remise und einem uralten Torhaus an der Zweinaundorfer Straße 59 entstanden so 31 Wohnungen und drei Gewerbeeinheiten. „Als kaum noch jemand daran glaubte, dass hier noch was zu retten sei, hatten wir den Anstoß für die Stadtentwicklung in Anger-Crottendorf gegeben“, resümiert Dörrscheidt. „Inzwischen wurden rings um das Polygraph-Areal bestimmt etwa 20 Häuser frisch saniert.“

Von Jens Rometsch

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