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Leipzig: Mehr Babys, zu wenig Hebammen

LVZ-Serie „Leipzig wächst“ Leipzig: Mehr Babys, zu wenig Hebammen

Leipzig platzt aus allen Nähten. Jedes Jahr lassen sich über 10 000 Menschen neu nieder; 2030 könnte es 720 000 Leipziger geben. Die LVZ zeigt in einer Serie, wie Deutschlands größte Boomtown die Weichen für die Zukunft stellt. Heute: die Geburtskliniken der Stadt.

Lehrerin Claudia Löser zeigt den Schülerinnen Loreen Viehweger und Sandy Rösschen den richtigen Umgang mit Mutter und Kind beim Stillen an der Puppe.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.  Leipzig platzt aus allen Nähten. Jedes Jahr lassen sich über 10 000 Menschen neu nieder; im Jahr 2030 könnte es rund 720 000 Leipziger geben. Die LVZ zeigt in einer Serie, wie Deutschlands größte Boomtown die Weichen für die Zukunft stellt. Heute: die Geburtskliniken der Stadt.

Am Bauchmodell im Ausbildungskabinett der Medizinischen Berufsfachschule der Leipziger Uni tasten Sandy und Loreen schon recht routiniert die Lage eines Babys ab. „Sind wir im Uni-Klinikum, im Praxisteil, werden wir bei neu ankommenden Schwangeren bereits mit dieser Aufgabe betraut“, erzählen die Hebammenschülerinnen des ersten Lehrjahres stolz. Aktuell haben sie das Lehr-Kapitel Neugeborenenpflege aufgeschlagen. „Da gehört mehr dazu, als man meint“, betont Lehrerin Claudia Löser. Für die beiden 19-Jährigen ist das zunächst einmal ganz simpel eine Babypuppe. Und – im Übungsbett – die lebensnahe Nachbildung einer Hochschwangeren. „Besser etwas seitlich anlegen!“ Löser dirigiert Loreen mit dem Test-Säugling in die optimale Stillposition. Etwas später wird sie auch noch Dinge wie die „Erstuntersuchung“ lehren, die jede Hebamme drauf haben muss: „Es gilt, nach der Entbindung zu schauen: Hat das Kind Geburtsverletzungen? Sind Reifezeichen, Größe, Gewicht und überhaupt alle Vitalitätsparameter normal? Sieht es rosig aus? Da ist viel Verantwortung dabei“, sagt Löser.

Ausbildungsplatzzahl wurde erhöht

Loreen und Sandy sind zwei von 60 angehenden Hebammen, die derzeit an der Schule die dreijährige Ausbildung absolvieren, um eines Tages fit zu sein für die Betreuung von Müttern und ihren Kindern. „Erst vor vier Jahren haben wir diese Ausbildungsplatzzahl von 55 erhöht“, sagt Fachbereichsleiterin Henrike Todorow. Weil immer mehr Kinder zur Welt kommen, weiß sie, dass das über kurz oder lang nicht reicht. „Zumal wir inzwischen mit weiteren Partnern wie dem St. Georg, dem St. Elisabeth und der Helios Klinik Borna kooperieren“, erzählt Todorow. Daher werde jetzt mit den Krankenkassen verhandelt – um weitere zehn Ausbildungsplätze draufzupacken.

„Wir können den größten Kreißsaal der Welt bauen – das alles nützt nichts, wenn wir künftig keine Hebammen haben“, sagt Holger Stepan, Leiter der Geburtsmedizin am Leipziger Universitätsklinikum (UKL). „99 Prozent aller Kinder werden immer noch in Kliniken geboren. Und vielen Kliniken fehlen Hebammen. Junge Frauen, die diese Ausbildung absolvieren, haben heute oft ein anderes Lebenskonzept. Die Arbeit in einer Klinik scheint ihnen nicht besonders attraktiv: Sie ist sehr anspruchsvoll, mit viel Verantwortung, Schichtdienst und nicht immer familienfreundlichen Arbeitszeiten verbunden. Und leider erfahren sie mitunter viel zu wenig öffentliche Wertschätzung.“ Dass sein Haus das Mangel-Problem nicht hat, bestärkt ihn im eingeschlagenen Weg. „Seit mehr als zwei Jahren überlassen wir das nicht mehr dem Selbstlauf“, erläutert Stepan. „Bewerbungen flattern uns nicht mehr automatisch ins Haus. Also gehen wir auf – aus unserer Sicht geeignete – Absolventinnen der Hebammenschule zu, machen ihnen bereits ein Einstellungs- und Fortbildungsangebot, wenn sie noch im letzten Ausbildungsjahr sind.“ Nicht, dass das UKL mit außerordentlichen Gehältern locke. „Wir bieten eher stabile Strukturen und im Alltag eine Vielzahl unterschiedlichster Fälle, an denen man beruflich wachsen kann. Und das scheint zu funktionieren“, so Stepan. So seien bereits im Vorjahr drei junge Frauen in sein Team gestoßen, das aktuell 27 Hebammen zählt. „Ich denke, dass in diesem Jahr wieder zwei, drei hinzukommen. Wenn wir den anhaltenden Baby-Boom bewältigen wollen, müssen wir uns um diese Berufsgruppe einfach verstärkt kümmern.“

Leipziger Universitätsklinikum als Kompetenzzentrum für Hochrisikoschwangerschaften

Immerhin: Inzwischen gibt’s täglich sechs bis zehn Geburten am UKL. Es firmiert als überregionales Kompetenzzentrum für Hochrisikoschwangerschaften. Kamen in Stepans Abteilung vor zehn Jahren 1761 Kinder zur Welt, waren es vor fünf Jahren bereits 2367. Und im gesamten Vorjahr schon 2734. Erst zu Jahresanfang hat die Uni-Geburtsmedizin einen neuen Kreißsaal in Betrieb genommen. Ihren fünften. Hinzu kamen ein weiterer Untersuchungsraum, ein Vorwehenzimmer. Seit ein paar Wochen gibt es einen so genannten Bondingraum. Bonding – das meint das enge Mutter-Kind-Verhältnis unmittelbar nach der Geburt. Hatte eine Frau einen Kaiserschnitt, verweilte sie zunächst ohne den Nachwuchs im Aufwachraum des OP-Bereichs. Jetzt können Mutter und Kind von Anfang an in besagtem Zimmer zusammen sein, ehe es auf die Wochenstation geht. 180 000 Euro hat das Uni-Klinikum zuletzt in all diese Umbauten gesteckt. Ist im nächsten Jahr der Neubau auf dem Klinikgelände fertig, würden dort überdies weitere Betten für seine Abteilung vorgehalten, so Stepan. Denn die derzeit 32 Plätze sind stets ausgelastet, bei Bedarf werden Betten benachbarter Stationen belegt.

Gleiche Tendenz am Klinikum St. Georg: „Wir werden unsere Kreißsaal-Kapazität von derzeit zwei auf vier Säle erweitern. Wir können noch dieses Jahr starten“, sagt Uwe Köhler, Chef der Geburtshilfe. Zudem werde bis Jahresende die Mutter-Kind-Ebene umgebaut – sprich die Neonatologie vergrößert. Noch vor 20 Jahren, als sich die Georg-Frauenklinik im früheren Eitingon-Krankenhaus befand, kam man im Schnitt pro Jahr auf 700 Geburten. „Nach unserem Umzug 2002 in den Neubau am Eutritzscher Standort hatten wir bereits im ersten Jahr 1100. Konzipiert war das Haus seinerzeit mal für jährlich 1200 Geburten. Nun lagen wir im Vorjahr schon bei 1650. Bald werden wir wohl auf 2000 kommen“, so der Professor. Angesichts dessen habe man auch ein Personal-Plus im Blick. „Insbesondere bei Hebammen – es gibt einfach zu wenig. Daher legen wir den Focus jetzt auch auf den Nachwuchs unserer Hebammenschule. Wir bieten da bereits allen Schülerinnen an, nach ihrer Ausbildung im St. Georg zu arbeiten, wenn sie es möchten.“

Angesichts steigender Geburtenraten hat das Georg erst jüngst 250 000 Eigenmittel-Euro investiert und eine neu ausgebaute Wöchnerinnen-Station eröffnet. 39 Betten verteilen sich auf großzügige Einzel- und Zweibettdomizile. Statt wie zuvor zwei gibt es jetzt sieben Familienzimmer. Zudem denkt Köhler, dass das Georg – was ergänzende Angebote für Schwangere und frisch gebackene Mütter anbelangt – ein Alleinstellungsmerkmal besitzt: „Wir bieten eine ganze Palette von Naturheilverfahren als Komplementärmedizin an, nutzen die Chinesische Medizin, speziell die Akkupunktur. Zur Schmerzlinderung während der Entbindung setzen wir Lachgas ein – das ist gerade stark nachgefragt.“ Geschäftsführerin Iris Minde ergänzt: „Mit einer im Aufbau befindlichen Elternschule reagieren wir auch auf die steigende Nachfrage von Angeboten zu Geburtsvorbereitung, Rückbildung, Babyschwimmen…“ Und Köhler eröffnet: „Demnächst werden wir unser Spektrum an geburtsvorbereitenden Kursen – da gehören selbst Großelternschule und Geschwisterkurse dazu – auch noch an zentralerer Stelle im Stadtzentrum, in der Karl-Tauchnitz-Straße, anbieten.“

Immer mehr spät Erstgebärende

Neben werdenden Müttern aus der Messestadt verzeichnet die Georg-Geburtsmedizin einen Zulauf aus dem Leipziger Norden, aus Oschatz, wo die Geburtenstation der Collm-Klinik 2015 geschlossen wurde, sowie aus Torgau und Chemnitz. Auch, weil das Klinikum zum Beispiel auf Risikoschwangerschaften, Mehrlings- und Frühgeburten sowie auf Schwangere mit Stoffwechselstörungen spezialisiert ist. In dem Kontext zu sehen sei sicher auch der Aspekt, „dass wir es heute unter anderem mit sehr vielen, späten Erstgebärenden zu tun haben, wo ein Schwangerschaftsverlauf nicht immer risikolos verläuft“, wie Köhler sagt. „Im Schnitt bekommen die Frauen heute ihr erstes Kind mit 30. Sie sind gut zehn Jahre älter, als noch vor 20, 30 Jahren.“

Auch im katholischen St. Elisabeth-Krankenhaus wird immer mehr neuen Erdenbürgern auf die Welt geholfen: 2006 gab es 1408, fünf Jahre später 1687, im Vorjahr 2690 Geburten. Die Klinik schätzen nicht nur werdende Mütter und Väter der Stadt, sondern auch viele Umlandbewohner. „Unser Anspruch ist eine natürliche, empathische Begleitung der Frauen vor, während und nach der Geburt. Wir versuchen von daher auch die Zahl der Kaiserschnitte gering zu halten. Ist ein solcher medizinisch angezeigt, führen wir ihn selbstverständlich durch“, so Chefarzt Carsten Springer.

Auch das Elisabeth ist längst dabei, in vielerlei Hinsicht auf den Kindersegen zu reagieren. Schon 2015 wurde eine neonatologische Station eröffnet. „Und zuletzt die Kreißsaal-Kapazität erweitert. Jetzt stehen noch ein paar Umbauten an“, sagt Geschäftsführer Albrecht Graf Adelmann. Im Zuge dessen werde die Geburtsklinik mit der Neonatologie, die momentan interimsmäßig im Souterrain des Policura-Ärztehauses auf dem Klinikgelände arbeitet, noch dieses Jahr auf einer Etage vereint. „Angesichts des Baby-Booms haben wir auch die Zahl der Mitarbeiter adäquat angepasst“, so Graf Adelmann. „2017 werden wir zudem beim Sozialministerium die Erweiterung unserer Entbindungsstation beantragen. Erste mündliche Verhandlungen gab es bereits.“

Von Angelika Raulien

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