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Lokales Leipzig: Verschiebebahnhof Wochenmarkt?
Leipzig Lokales Leipzig: Verschiebebahnhof Wochenmarkt?
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07:00 17.06.2017
Trauen dem Frieden nicht recht und fürchten peu á peu eine Vertreibung vom Marktplatz: Händler wie Hendrik Jetten (Trockenfrüchte), René Lang (Käse), Roberto Müller (Fisch) und Roland Schmidt (Thüringer Wurstwaren/ v. l.). Quelle: Foto: Christian Modla
Leipzig

Ob Leipzigs Markthändler und Marktamt jemals Freunde werden? Der langjährige Dauerclinch zwischen beiden Parteien flammt immer wieder auf. Zum „Kirchentag auf den Weg“ Mitte Mai – als die City-Händler vom Stammplatz Markt auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz platziert wurden – hatten die regionalen Anbieter frischer Produkte mal wieder „die Nase gestrichen voll“. Mit Plakaten und Flyern an ihren Ständen sammeln sie seither mit einem trotzigen „Nein zu Markverlegungen!“ Unterschriften, starteten eine Online-Petition. Die entrüstete Kundschaft füllt die Kommentarspalten. Bis Freitag dieser Woche hatten sich dort 1542 Leute auf die Seite der Händler geschlagen. 3300 Unterschriften sind allerdings nötig, um das Papier überhaupt in die Amtsstuben zu bringen. 46 Tage läuft die Aktion noch.

„Mal verlegt zu werden, da stellen wir uns ja nicht quer“, sagt der Vorsitzende des Markthändlerverbandes, Roland Schmidt. „Doch es passiert immer öfter und in diesem Jahr ist es besonders schlimm. Das ist weder kunden- noch händlerorientiert.“ Zumal mancher Ausweichplatz mit Verlustgeschäften einhergehe. „Auf den Richard-Wagner-Platz etwa passen nur 40 unserer ansonsten gut 100 Wochenmarkthändler“, so Schmidt. Und die Verbannung außerhalb des Rings – wie jüngst auf den Leuschnerplatz – bedeute ein Minus an Laufkundschaft.

„Ein weiterer, nicht unerheblicher Punkt ist, dass wir Händler bei Marktverlegungen auch nur schlecht kalkulieren können, wieviel Ware wir vorab einkaufen beziehungsweise produzieren müssen, da die Kundenfrequenz zum Beispiel an Orten wie dem Leuschnerplatz vorab nur schwer einschätzbar ist“, gibt Trockenfrüchte-Händler Hendrik Jetten zu bedenken. „Ein Bäcker hat dann zum Beispiel größte Schwierigkeiten, die richtige Menge der Waren herzustellen. Bäckt er zu wenig, können Kunden nicht bedient werden. Bäckt er zu viel, muss gute, frische Ware weggeschmissen werden, da sie am nächsten Tag alt und daher unverkäuflich ist.“

Aus Sicht der Händler wäre die Verlegung ihrer diensttäglichen und freitäglichen Märkte aus dem Herzen der City auch gar nicht immer nötig. Sie fragen: Warum kann Classic Open nicht vor der schönen Kulisse zwischen Oper und Gewandhaus stattfinden? Warum war wegen des Kirchentags im Mai ein Umzug auf den Leuschnerplatz nötig? Kunden, die sonst genau wissen, wo wer auf dem Markt steht, müssten so erst wieder auf die Suche gehen. „Jede Marktverlegung gefährdet unsere Existenz“, so die Händler-Klage, die schon einen ebenso langen Bart hat wie der Wunsch, „seitens der Stadt nicht stets vor vollendete Tatsachsen gestellt sondern im Vorfeld in jene Entscheidungen einbezogen zu werden“. Überhaupt würde man sich gern mal gemeinsam an einen Tisch setzen und für künftig eine Lösung suchen. „Zuletzt hatten wir am 15. Mai eine E-Mail an OBM Burkhard Jung mit solch einer Bitte geschrieben – bisher haben wir keine Antwort“, sagte Jetten diese Woche.

„Das ist kein Zubrot für uns – wir existieren davon!“ – unter dieser Überschrift gab es im August 2014 schon einmal einen LVZ-Artikel über den Leipziger Wochenmarkt, bei dem die Händler zu Wort kamen. „Schon damals missbrauchte das Marktamt den Wochenmarkt als ,Verschiebebahnhof’“, mailte Jutta Burdack jetzt an die Redaktion. „Nun, es hat sich nichts geändert, im Gegenteil“, findet die Leipzigerin. Natürlich habe auch sie die Petition unterzeichnet. „Denn ich möchte, dass meine Händler und Bauern ihr Auskommen haben. Sie bereichern nicht nur den Speiseplan. Touristen und Leipziger sind begeistert wegen des Angebotes und der Nachhaltigkeit. Der Wochenmarkt auf dem Markt ist wichtig, er sichert die Existenz – eben durch die gute Erreichbarkeit für Kunden“, so Burdack. „Die Stadt muss die Markthändler mit einbeziehen in ihre Entscheidung bei den Marktverlegungen. In anderen großen Städten ist das auch möglich – siehe Nürnberg“, fordert sie. Studentin Isabel Meißner etwa griff sich beim Marktbesuch am Dienstag eine der dort ausliegenden Listen, um ihren Namenszug draufzusetzen. „Ich komme regelmäßig auf den Markt und habe es ganz einfach auch satt, immer wieder zu suchen und zu wandern, wo er diesmal ist, wo diesmal meine Händler stehen“, so die 27-Jährige.

www.openpetition.de/!wochenmarkt

Und das sagt Marktamtsleiter Walter Ebert zum Thema

Wieso müssen Leipzigs Markthändler – wie sie sagen – immer öfter für andere Veranstaltungen von ihrem historisch angestammten Marktplatz weichen?

Das stimmt so nicht. Die Statistik belegt, dass wir seit 2014 zum Beispiel die Zahl der Verlegungen senken konnten. 2014 passierte das 37, in diesem Jahr geschieht es 30 mal. Wir stellen uns der Herausforderung, einerseits die Verlegungen des Wochenmarktes möglichst gering zu halten und andererseits strahlkräftigen, auch traditionell auf dem Markt stattfindenden Veranstaltungen Raum zu geben. Ich nenne nur mal den Weihnachtsmarkt, den es dort seit 1458 gibt, oder die Classic Open, die da seit 1996 stattfinden. Oder das seit 2004 dort etablierte Bachfest. Es gilt, einen ausgewogenen, sinnvollen Mix für alle Interessengruppen hinzukriegen! Ganz ohne Kompromisse geht das nicht. Und natürlich gab es in den letzten Jahren auch einmalige, große Ereignisse von hoher kommunaler bis internationaler Bedeutung, die man nunmal im Herzen der Stadt präsentieren muss: 2013 die World Skills, 2016 der Katholikentag, zuletzt den Evangelischen Kirchentag …

Die Markthändler können manche Entscheidung nicht verstehen. Beim Kirchentag etwa hätten statt ihrer ebenso gut die Gläubigen auf den Leuschnerplatz ziehen können, meinen sie. Sie hätten außerhalb des Rings Kundenschwund.

Das war eine Ausnahme. Um den Markt überhaupt stattfinden zu lassen. Beziehungsweise der Hälfte der Händler nicht absagen zu müssen, weil sie nicht alle auf das kleinere Interim Richard-Wagner-Platz passen. Denn für den Kirchentag war auch die Nutzung das Augustusplatzes angezeigt worden. Ich denke, es gibt derzeit für die Händler zwei Reizworte: „Markthalle“ und Leuschnerplatz“. Sie befürchten eine mittelfristig „von der Stadt“ geplante Verlegung der Marktfläche an die Peripherie. Das lehnen sie vehement ab – und das ist aus unserer Sicht jetzt auch der Grund für die angestrebte Petition. Dabei will die Stadt die Händler nicht aus der City vertreiben. Im Gegenteil. Wir lehnen daher inzwischen auch schon jährlich zehn bis 15 Veranstaltungsanfragen für den Markt ab. Allein 2017 waren es bis heute acht, die allerdings teils auch auf andere Örtlichkeiten umgelenkt wurden. Nicht zuletzt optimieren wir bei jeder Veranstaltung mit den Verantwortlichen die angefragten Auf- und Abbauzeiten, nur um etwaige Marktverlegungen einzuschränken.

Wenn schon Marktverlegung: Warum klagen die Händler immer wieder, gar nicht oder nicht frühzeitig genug in diese Entscheidungen einbezogen zu werden?

Das weiß ich nicht. Und diese Kritik ist auch nicht gerechtfertigt. Die Händler werden über die im laufenden Jahr geplanten Verlegungen frühzeitig informiert. Im Januar werden in einem Info-Flyer des Marktamtes und auf unserer Internetseite alle Termine der Wochen- und Spezialmärkte plus die Verlegungen bekanntgegeben. In diesem Jahr gab es am 27. Februar bei uns ein Gespräch mit vier Vertretern des Händlerverbandes, wo wir uns auch über das Thema „Marktverlegungen“ austauschten. Und – was nochmal den Kirchentag im Mai betrifft – da wurde der Vorsitzende des Markthändlerverbandes unsererseits bereits im November 2016 unterrichtet.

Von Angelika Raulien

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