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Leipzig: Wie kommt man mit dem Rollator in die Straßenbahn?

Leipziger Nahverkehr Leipzig: Wie kommt man mit dem Rollator in die Straßenbahn?

Günter Hoke ist auf den Rollator angewiesen. So fällt dem 76-Jährigen die Fahrt mit Bus und Bahn nicht immer leicht. Zwei von drei Leipziger Haltestellen sind bereits barrierefrei. Bis 2022 sollen es alle sein. Die LVB kommen dem Ziel nur Schritt für Schritt näher.

Am Roßplatz kann Günter Hoke bequem in die Linie 9 einsteigen. Das ist aber nicht überall so.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Ohne Rollator geht Günter Hoke nicht mehr vor die Tür. Seit einem reichlichen Jahr ist er auf ihn angewiesen. Diese Abhängigkeit macht dem 76-Jährigen zu schaffen. Nach schwerer Krankheit und einem Sturz im Krankenhaus ist der frühere Lohnbuchhalter zu 100 Prozent schwerbehindert. „Mein Kopf“, sagt er. „Ich kann schlecht sehen, habe Probleme mit dem Gleichgewicht, verliere leicht die Orientierung und leide unter motorischen Aussetzern.“ Trotz alledem will der Single noch am Leben teilhaben. Dass viele Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel nicht barrierefrei sind, wurmt ihn. Ebenso wie der oft miserable Zustand der Gehwege. „Wir können gern mal ein Stück gemeinsam fahren“, regt der Senior an. „Dann sehen Sie, wie schwer ich es mitunter habe.“

Gesagt, getan. An der Haltestelle Roßplatz warten wir auf die Linie 9. „Ich hab’ gleich meine die Wäsche zur Reinigung gebracht, da lag diese Haltestelle nahe“, erklärt Hoke, der seit 25 Jahren in der Bauhofstraße wohnt. Als sich die Bahn vom Bayerischen Bahnhof nähert, setzt er sich in Bewegung. Die hintere Tür öffnet sich ohne sein Zutun. Hier gibt es keine Hindernisse. Hoke schiebt den Rollator ans Fenster, zieht die Bremsen an, lehnt sich ans Polster und hält sich mit beiden Händen fest. Wir wollen zur Haltestelle Thomaskirche. Drei Stationen Bangen: „Wenn mir dort niemand hilft, komme ich nicht raus“, sagt er. Stattliche sieben Kilo wiegt sein Rollator. „Dabei wurde mir lediglich die Kostenübernahme für ein Elf-Kilo-Modell in Aussicht gestellt – und das, obwohl ich wegen eines doppelten Leistenbruchs nur zehn Kilo heben darf“, schüttelt der Leipziger den Kopf. Den Halteknopf kann er in Hüfthöhe drücken. Die Bahn hält. Die Tür geht auf. Nun zuerst irgendwie den Rollator auf die Straße hieven und dann selbst hinterher, die knapp 30 Zentimeter hohe Stufe hinab. Worauf gesunde Fahrgäste keinen Gedanken verschwenden, das ist für den Rollatorfahrer eine logistische Herausforderung. Ebenso wie das Einfädeln auf der Rückfahrt. Denn da parkt bereits ein Kinderwagen quer an jener Stelle, die Hoke ansteuern muss. Quasi in letzter Sekunde rangiert der junge Vater um. „Immer diese Raketenstarts“, sagt Hoke endlich in sicherer Position. An der Haltestelle Härtelstraße verlässt er ohne Hilfe entspannt die Bahn. „Was soll ich denn machen? Ich muss zur Anwältin, zur Augenärztin, manchmal zum Bahnhof, um Geld abzuheben oder um schöne Blumen zu holen, mit denen ich mich für Gefälligkeiten bedanke. Und ich liebe den Wochenmarkt. Gehe ich zu Fuß, nutze ich meist Radwege. Die sind asphaltiert. Auf dem kleinen Pflaster schießt mir bei jedem Steinchen der Schmerz in den Schädel.“

„Es ist ein kontinuierlicher Prozess, Haltestellen barrierefrei auszubauen“, erläutert Marc Backhaus, Sprecher der Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB). „Leipzig hat das zweitgrößte Straßenbahnnetz in Deutschland und davon sind bereits über 65 Prozent der Haltestellen barrierefrei nutzbar.“ Zur entsprechenden Gestaltung gehöre neben der höhenmäßigen Anpassung zum barrierefreien Ein- und Ausstieg auch die Optimierung des Spaltes zwischen Fahrzeug und Bahnsteigkante sowie Einbau und Erneuerung des Blindenleitsystems. In diesem Jahr kommen die Kolmstraße und Holzhäuser Straße sowie Lößnig (war aber bereits barrierefrei) hinzu. Für 2018 seien bisher vier Haltestellen geplant: Stahmeln, Baaderstraße, Philipp-Reis-Straße sowie Pfingstweide und Arcuspark, der noch verbessert wird. Die Zielvorgabe bis 2022 eine vollständige Barrierefreiheit zu erreichen, „ist aus planerischer, logistischer und finanzieller Sicht anspruchsvoll und eine wesentliche Frage eines neuen Nahverkehrsplanes der Stadt Leipzig“, sagt Backhaus. Für Günter Hoke hat er indes ganz praktische Tipps: „Um auf den Markt zu gelangen, empfiehlt sich für ihn, lieber am Neuen Rathaus in den Bus Nr. 89 umzusteigen.“ Gerade für Personen mit Handycap seien diese Umsteigepunkte doch gedacht. Außerdem empfiehlt er, die Mobilitätsberatung der Verkehrsbetriebe zu besuchen, den kostenlosen Begleitservice anzufordern (beides unter der Service-Hotline 0341 19449) oder den Senioren- und Behindertentag zu besuchen, der am 2. November wie gewohnt im Straßenbahnhof Angerbrücke stattfindet. „Alle diese Angebote sind eigens für Kunden wie Herrn Hoke gedacht“, ermuntert der Sprecher, diese auch wahrzunehmen.

Von Cornelia Lachmann

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