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Lokales Leipzig: Zeitmaschine in der Hosentasche macht die Friedliche Revolution erlebbar
Leipzig Lokales Leipzig: Zeitmaschine in der Hosentasche macht die Friedliche Revolution erlebbar
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10:00 03.12.2016
Mit der „Zeitfenster“-App kann der Nutzer an 25 Orten Leipzigs über die Kamera seines Smartphones selbst in die Vergangenheit eintauchen. Quelle: Universität Leipzig
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Leipzig

Es ist der wohl innovativste Stadtrundgang, den es derzeit in Leipzig gibt. Man braucht nur den Fokus seiner Smartphone-Kamera auf das Paulinum am Augustusplatz zu richten und plötzlich verschmilzt das Bild mit der Paulinerkirche, die bis zu ihrer Sprengung am 30. Mai 1968 an dieser Stelle stand. Nie war Veränderung so hautnah erlebbar. Die an der Leipziger Universität entwickelte „Zeitfenster“-App zeigt diesen historischen Wandel an 25 Schauplätzen der Friedlichen Revolution. Doch die Macher können sich auch weitere Kapitel der Leipziger Stadtgeschichte vorstellen.

Vor zwei Wochen erst forderte der Stadtrat die Verwaltung auf, die Vermittlung von Stadtgeschichte durch moderne Info-Portale zu beschleunigen (die LVZ berichtete). Als Vorbild soll die „Zeitfenster“-App dienen. Die ist noch wenig bekannt, aber seit einem Jahr verfügbar, hat mittlerweile Preise gewonnen. Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitcom) zeichnete sie als bestes E-Learning-Projekt mit dem „d-elina“-Award aus. Sachsens Kultusministerium legte jüngst den mit 10 000 Euro dotierten Innovationspreis Weiterbildung nach.

„Junge Leute wachsen heute mit Smartphones und Apps auf. Schon deshalb brauchen wir neue Begegnungen mit der Geschichte“, sagt Alfons Kenkmann, Professor für Geschichtsdidaktik an der Uni. Dort entstand die App im Rahmen eines Projektes, dessen Anliegen es ist, historisches Lernen in und mit digitalen Medien zu erforschen.

Die Stärke der „Zeitfenster“-App sieht Projektkoordinatorin Anja Neubert in der wissenschaftlichen Aufarbeitung authentischer Quellen und im spielerischen Einsatz von Augmented Reality (erweiterte Wirklichkeit). Denn die Zeitmaschine im Hosentaschenformat bietet weit mehr als die Verschmelzung von realen und historischen Perspektiven. Neben der technischen Umsetzung bildete umfangreiche Archivrecherche die Basis. 300 Originalquellen zum Anschauen, Nachlesen oder Anhören – darunter Stasi-Akten, zeitgenössisches Videomaterial und Dokumente der Bürgerbewegung – geben dem Nutzer die Möglichkeit, sich mit den Ereignissen, Hintergründen und Zusammenhängen der Friedlichen Revolution im Herbst 1989 auseinanderzusetzen. Das Angebot richtet sich gleichermaßen an Schüler, Leipziger und Besucher.

Mittlerweile erreichen die Uni Nachfragen aus anderen Städten und von App-Entwicklern. Doch die Vermarktung der App, die mit 40 000 Euro durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert wurde, stand für die Uni nie im Vordergrund. Kenkmann bedauert daher, dass das Projekt bislang weder bei der Leipziger Tourismus- und Marketinggesellschaft (LTM) noch bei der Stadtverwaltung auf Interesse gestoßen ist. „Wir haben hier ein Produkt entwickelt, das sie für die Vermarktung der Stadt nutzen könnten“, sagt er. 1200-mal wurde die App bislang heruntergeladen. Im März soll nun mit 400 Personen eine Rezeptionsstudie starten, von der sich die Macher neue Erkenntnisse für die Geschichtsvermittlung durch digitale Medien erhoffen und darüber, wie sich verschiedene Zielgruppen das virtuelle Museum erschließen.

Dass der Stadtrat seinerseits Interesse an einer Weiterentwicklung der „Zeitfenster“-App bekundet, hört man an der Uni gern. „1000 Jahre Leipzig sind eine spannende und herausfordernde Aufgabe“, findet Kenkmann. Ganz spontan purzeln die ersten Ideen aus ihm heraus: Ein Rundgang zum Pelzhandel würde gut zu Leipzig passen, ebenso eine Aufarbeitung des postkolonialen Erbes und der etwa 40 Völkerschauen, die bis 1931 im Zoo stattfanden. Oder 100 Jahre Stadtgeschichte – erzählt am Beispiel einzelner Gebäude... Jetzt muss nur noch die Stadt auf die Uni zugehen.

www.zeitfenster.uni-leipzig.de

Von Klaus Staeubert

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