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Lokales „Leipzig ist die Einkaufsstadt in Mitteldeutschland“
Leipzig Lokales „Leipzig ist die Einkaufsstadt in Mitteldeutschland“
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00:21 18.06.2018
Gunter Engelmann-Merkel, Geschäftsführer des Handelsverbandes Sachsen. Quelle: André Kempner
Leipzig

Die Sorgen um Karstadt, Leerstand in einigen Passagen auf der einen Seite und Boom auf der anderen: Die Innenstadt bleibt in Bewegung. Gunter Engelmann-Merkel, Geschäftsführer des Handelsverbandes Sachsen, im Interview über Leipzigs Handel im Wandel.

Was sagen Sie zur aktuellen Situation rund um den Miet-Streit zwischen Karstadt und Even Capital?

Mit 50.000 Unterschriften so umzugehen – das ist schon ein Affront. Aber wir wissen nicht, wie die Verhandlungen im Hintergrund laufen. Die Zeit wird knapp – ich hoffe, dass sie genutzt wird, um ein für Karstadt akzeptables Ergebnis zu erzielen.

Welchen Stellenwert hat Karstadt für die Innenstadt?

Der Standort hat schon immer einen hohen Stellenwert. Der Umbau ist gelungen, das Ambiente sehr schön. Ich halte es für sehr wichtig, dass dieses Warenhaus dort auch in Zukunft präsent ist. Das Konzept, das Karstadt hier fährt, ist nicht ersetzbar.

Was ist denn das Besondere daran, das Alleinstellungsmerkmal? Warum ist Karstadt so wichtig für die Innenstadt? Ein paar Meter weiter gibt es mit Kaufhof ein weiteres Warenhaus – und auch sonst mangelt es nicht an Angebot. Ist der Markt nicht sowieso dicht?

Wir leiden nicht an Unterversorgung – das ist klar. Wir sind im deutschen Einzelhandel in einem harten Wettbewerb. Es gibt verschiedene Betriebstypen: Discounter, Fachgeschäfte, Supermärkte, SB-Warenhäuser – und eben Warenhäuser. Anfang der 90er gab es vier Warenhaus-Konzerne, heute sind es noch zwei. Es gab rückläufige Umsätze. Aber die zwei, die noch da sind, bilden wichtige Anziehungspunkte für die Innenstadt und haben ihre Berechtigung. Der Kunde findet alles in einem Haus.

Was würde es für die Stadt und ihre Einkaufsattraktivität bedeuten, würde Karstadt verschwinden?

Die Ware kann immer ersetzt werden. Aber das Konzept Warenhaus mit seiner Philosophie nicht: Alles unter einem Dach, die Mitarbeiter sprechen die gleiche Sprache. Die Leipziger fühlen sich wohl in diesem Haus. In einer Stadt wie Leipzig gehört Karstadt einfach dazu.

Der Vermieter ist eine Tochter der Immobiliengesellschaft Even Capital – unter anderem auch Eigentümer des Petersbogens. Haben Sie von Ihren Mitgliedern schon andere Beschwerden über diese Gesellschaft gehört?

Dazu kann ich nichts sagen, das kann ich nicht bewerten. Diese Fonds arbeiten ja auch eher im Stillen, manche sind da sehr robust unterwegs. Die Frage ist immer: Wie viel Kenntnis vom Einzelhandel liegt dort vor?

Wie steht Leipzigs Innenstadt als Einkaufszentrum da?

Leipzig ist die Einkaufsstadt in Mittel- und in Ostdeutschland – abgesehen von Berlin. Wir haben eine sehr kompakte, pulsierende Innenstadt mit einem großen Flächenwachstum in den vergangenen Jahren. Der Uni-Campus ist mittendrin. Das alles ist ein absolutes Pfund. Andere Städte mussten sich fragen: Wo ist eigentlich unser Zentrum? Es gibt eine gute Infrastruktur, zum Beispiel bei den Parkhäusern, bei der Anbindung an den Nahverkehr, neue Hotels, gute Gastronomie und vor allem: viele kleine und mittelständische Unternehmen, Fachgeschäfte. Dazu die beiden Warenhäuser Karstadt und Kaufhof. Nur dieser Mix macht die Innenstadt auf Dauer stark.

Was sind die größten Herausforderungen für den Einzelhandel in der City?

Der Einzelhandel in der Innenstadt befindet sich zunehmend in einem sehr sensiblen Umfeld: Da geht es um Kriminalität, Fragen der Erreichbarkeit, Demonstrationen in der City.

Was beschäftigt Sie beim Thema Kriminalität besonders?

Der Ladendiebstahl. Sachsenweit gab es 2017 in Summe 21.469 Fälle von Ladendiebstahl – davon 6609 in Leipzig. Die Verluste sind gewaltig, die Bereitschaft zu körperlicher Gewalt nimmt zu. Dazu haben wir auch einen Forderungskatalog aufgestellt. Es darf keine Bagatellisierung geben. Wir fordern eine Anhebung der Mindeststrafen, weniger Möglichkeiten zur Verfahrenseinstellung, mehr Videoüberwachung.

Welche Forderungen stellen Sie derzeit noch an die Politik?

Wir brauchen belastbare gesetzliche Regelungen für Sonntagsöffnungen. Und wir haben einen immer höheren bürokratischen Aufwand, müssen ständig Zahlen ans Statistische Landesamt liefern. Die Datenschutz-Grundverordnung macht uns das Leben auch nicht leichter.

Wie stehen Sie zu einer stärkeren Orientierung auf den Nahverkehr, um die Verkehrssituation zu entlasten?

Der Nahverkehr ist ausgesprochen wichtig. Für uns ist aber auch der Kunde, der mit dem Auto in die Stadt möchte, Wirtschaftsverkehr. Wenn er nicht zu uns kommen kann, ist die Frage: Wählt er ein anderes Verkehrsmittel oder fährt er woanders hin? Wir freuen uns über die S-Bahn genauso wie über die neue A 72. Wir haben einen Einzugskreis von 1,2 Millionen Einwohnern. Nicht jeder kommt gut mit dem Nahverkehr in unsere City. Wir müssen dafür sorgen, dass alle gut hierher gelangen.

Welche großen Entwicklungen verzeichnen Sie als Handelsverband insgesamt?

Grundsätzlich: Die Entwicklungen verlaufen sehr schnell. Der Handel steht da an vorderster Front; wir sind direkt im Kontakt mit dem Kunden, da pulsiert das Leben. Ein bundesweiter Trend ist natürlich der Onlinehandel, der sich sehr vielschichtig darstellt. Früher konnte man sagen: Da und da ist mein Wettbewerber. Das ist heute anders. Der Markt ist sehr unübersichtlich. Auch bisherige reine Online-Händler richten jetzt eigene stationäre Läden ein – Zalando zum Beispiel. Aber auch Karstadt macht heute zehn Prozent seines Umsatzes online. Filialen stationärer Händler verschicken ihre Waren an die Kunden.

Was sind weitere Trends?

Umwelt und Nachhaltigkeit ist ein großer Trend. Wir können zum Beispiel bei der Beleuchtung mit LED-Technik viel Energie sparen. Beim Thema Generationenfreundlichkeit und Demografie geht es darum, dass das Flächenwachstum nicht nur in mehr Ware fließt, sondern auch in mehr Komfort für den Kunden. Supermärkte sind heute ganz anders geschnitten: niedrigere Regale, breitere Gänge, größere Preisschilder. Man muss sich ständig Neues einfallen lassen – auch und gerade in der Konkurrenz zum Online-Handel. Lieferservices zum Beispiel, wir wollen den Menschen das Einkaufen erleichtern. Denn klar ist auch: Die Menschen werden älter, wollen aber natürlich sozial eingebunden bleiben, also selbst einkaufen. Regionalität ist ein weiterer großer Trend.

Wie geht die Entwicklung in Leipzig weiter?

Wir hatten über viele Jahre Flächenzuwachs und steigende Einzelhandelsmieten. Diese Entwicklung ist langsam an einem Punkt angekommen, wo auch Vermieter einsehen müssen, dass das nicht endlos so weiter geht. Wir haben eine attraktive Innenstadt. Es gibt aber inzwischen auch einigen Leerstand – zum Beispiel im Handelshof, in den Brühl-Arkaden, im Städtischen Kaufhaus und anderswo. Man kann die Schraube nicht überdrehen.

Von Björn Meine

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