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Leipzig steht vor dem Verkehrsinfarkt

Mehr als 13000 Baustellen in einem Jahr Leipzig steht vor dem Verkehrsinfarkt

Wer dachte, dass es für Autofahrer in Leipzig nicht mehr schlimmer kommen kann, täuscht sich: Mehr als 13000 Baustellen gibt es in diesem Jahr in der Stadt. Vermutlich im Herbst wird die Leistungsgrenze des Straßennetzes erreicht sein, heißt es im Rathaus. Dies haben Modellrechnungen ergeben.

Die Prager Straße, eine der wichtigsten Ausfallstraßen, ist zwischen Johannis- und Gutenbergplatz stadtauswärts bis zum 28. Oktober gekappt.

Quelle: Kempner

Leipzig. Die Einschätzungen von Verkehrsexperten hören sich dramatisch an. Das Leipziger Straßennetz werde in diesem Jahr „bis an die Belastungsgrenze und darüber hinaus“ beansprucht, heißt es da. Und ein anderer Experte räumt hinter vorgehaltener Hand ein: „Wir bauen bis der Arzt kommt.“ Wieder andere warnen von einem drohenden Kollaps des Verkehrssystems.

Der Verkehrs- und Tiefbauamtsleiter Michael Jana führt die „sehr starke“ Belastung nicht auf eine unverhältnismäßig große Anzahl von Straßenbaustellen zurück. Diese sei im Stadtgebiet nicht größer als im vergangenen Jahr, sagt er. Gravierender sei, dass aktuell an mehreren neuralgischen Punkten des Straßenhauptnetzes gebaut werde – so in der Prager Straße zwischen Johannis- und Gutenbergplatz und in der Georg-Schumann-Straße vor dem Arbeitsamt und am Viadukt. Im Herbst würden die Belastungen im Hauptnetz noch steigen, wenn die Stadt die 2,7 Millionen Euro Fördermittel einsetzt, die der Freistaat in diesem Jahr überraschend für die Deckensanierung von Fahrbahnen bereitgestellt hat. „Dann erreichen wir die Belastungsgrenze unseres Straßennetzes“, so Jana. Geplant sei unter anderem eine weitere Großbaustelle in der Prager Straße.

Für weitere Einschränkungen sorgen Bauvorhaben der Leipziger Verkehrsbetriebe und der Leipziger Wasserwerke sowie eine immer größere Zahl von privaten Bauvorhaben. Vor allem private Vorhaben, die nur mit verkehrsrechtlichen Einschränkungen verwirklicht werden können, bringen die Verkehrsplaner immer wieder aus dem Takt. Denn sie werden relativ kurzfristig angezeigt und sind deshalb nicht langfristig planbar.

13 000 private Baustellen in diesem Jahr

Doch gerade die Zahl solcher Eingriffe ins Straßennetz steigt in Leipzig seit Jahren. „2010 gab es rund 9000 solcher Bauvorhaben“, berichtet der Amtsleiter. „2015 waren es reichlich 12 000 und in diesem Jahr werden es sicher 13 000 werden.“ Deshalb gebe es immer häufiger mit privaten Bauherren „intensive Diskussionen“ über Verkehrskonzepte oder eine zeitliche Verschiebung. Dabei gehe die Stadt ebenfalls immer öfter an Grenzen. „Natürlich wollen wir, dass in Leipzig so viel wie möglich gebaut werden kann“, betont Jana. „Denn das erhöht die Attraktivität der Stadt.“

Wie stark Bauvorhaben die Leistungsfähigkeit des Leipziger Straßennetzes beeinträchtigen, ermittelt die Stadt mit Hilfe eines sogenannten integrierten Verkehrsmodells. Dahinter verbirgt sich ein Computerprogramm, das den aktuellen Ist-Zustand des Straßennetzes enthält. In dieses Programm speisen Verkehrsexperten die geplanten Einschränkungen ein und modellieren so, welche Auswirkungen im übrigen Netz eintreten. „Das Computerprogramm berechnet, wie viele Fahrzeuge dann zeitlich gestaffelt im Netz rollen“, so Jana. „Wir geben nur grünes Licht für Vorhaben, die die Verträglichkeit nicht überschreiten.“

Die Stadtverwaltung rechnet damit, dass der Bauboom noch Jahre anhalten wird und Autofahrer weiter mit ähnlich hohen Belastungen rechnen müssen wie in diesem Jahr. Während jetzt die Instandsetzungsarbeiten im Hauptnetz zügig vorankommen, sei der Bedarf im Nebennetz noch immens, heißt es. „Wir müssen das Tempo bei der Instandsetzung auf jeden Fall durchhalten“, so Jana mit Blick auf die aktuelle Situation. „Wir rechnen in den nächsten Jahren mit Fördermitteln in einer ähnlichen Größenordnung wie in diesem Jahr.“ Leipzig sei es geraume Zeit nicht möglich gewesen, Straßeninstandsetzungen in größerem Umfang durchzuführen. „Aber Straßen brauchen alle 12 bis 15 Jahre eine Deckensanierung. Sonst müssen sie einige Jahre später grundhaft instandgesetzt werden und das wird teuer.“

Keine Temporeduzierung im Hauptnetz

Die Stadt geht aber davon aus, dass solche Straßenbauarbeiten zunehmend verträglicher ablaufen werden. „Wir werden schon im nächsten Jahr deutlich mehr Planungsvorlauf haben als in diesem Jahr und können diese Projekte dadurch viel besser koordinieren.“

Parallel dazu ermittelt die Stadt, welche Straßen und Kreuzungen umgebaut werden müssen, damit im Jahr 2030 rund 720 000 Menschen in Leipzig leben können, wie die jüngste Bevölkerungsprognose ergeben hat (die LVZ berichtete). „Wir pflegen jetzt solche Strukturdaten in unser integriertes Verkehrsmodell ein“, berichtet der Amtsleiter. „Im nächsten Jahr sind wir so weit, dass wir Prognoserechnungen durchführen können.“ Nach diesen Computer-Simulationen werde genau ermittelt, an welchen Stellen des Straßennetzes Handlungsbedarf besteht, weil mit der Bevölkerungszahl auch der Fahrzeugbestand und -verkehr in die Höhe schnellen. Welche Einzelprojekte dann in Angriff genommen werden, soll auch im nächsten Jahr festgelegt werden.

Der Amtsleiter betont, dass diese Umbauarbeiten im Netz davon abhängen werden, welche Prämissen die Stadtpolitik in dem neuen Nahverkehrsplan setzt, der aktuell überarbeitet wird (die LVZ berichtete). Auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Leipzig lasse derzeit eine Verkehrsstudie erarbeiten, die den Wirtschaftsverkehr im Stadtgebiet sicherstellen soll. Die wesentlichen Aussagen beider Untersuchungen würden voraussichtlich noch in diesem Jahr vorliegen. „Diese Bausteine werden Einfluss auf unser neues Gesamtnetz haben“, betont Jana.

Gleichzeitig signalisiert er, dass Leipzigs Hauptstraßennetz bei den neuen Überlegungen nicht zur Disposition stehen und vorrangig saniert werden sollte. „Wir müssen sehr sorgfältig mit diesen Trassen umgehen“, so Jana. Dieses Netz sei sehr leistungsfähig und so konzipiert, dass die Stadt auch bei Großveranstaltungen über die notwendigen Ausweichtrassen verfüge. Verkehrsberuhigungen im Straßenhauptnetz. sollten deshalb kein Thema sein.

Von Andreas Tappert

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