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Lokales Leipzig verspielt sein grünes Image
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00:21 15.12.2017
Von dem zwischen Seeburg- und Sternwartenstraße gewachsenen Wäldchen ist wegen eines Bauprojektes nur noch dieser Rest übrig, für dessen Erhalt sich Franziska Mai, Karsten Peterlein, Eileen Bekö und Petra Lerche (v.l.n.r.) engagieren.  Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

In mehr als zwei Jahrzehnten, in denen Leipzig schrumpfte, konnte sich die Natur urbane Gebiete langsam zurückerobern. Vielerorts entstanden so zwischen Häusern und auf Abrissflächen kleine grüne Oasen. Ausgelöst durch das rasante Bevölkerungswachstum der vergangenen Jahre ist der Bebauungsdruck jedoch immens gestiegen. In Dölitz will die Stadt sogar einen Park einem Kita-Neubau opfern. Der Kampf Mensch gegen Natur ist voll entbrannt. Die Schattenseite des Leipzig-Booms.

Jüngstes Beispiel: das Zentrum-Südost. Dort wuchs in knapp 20 Jahren zwischen Sternwarten-, Seeburg- und Nürnberger Straße ein kleiner Park inmitten des Großstadt-Dschungels empor. Sehr zur Freude vieler Anwohner. Franziska Mai hat ihn auf den Namen Sternwartenwäldchen getauft. „Ich wohne seit 2006 in der Sternwartenstraße und mir ist das Wäldchen zu einer Herzensangelegenheit geworden“, erzählt die 35-Jährige. Sie hat die mittlerweile stattlichen Bäume heranwachsen sehen und berichtet von jungen Familien, die mit Kinderwagen unter ihnen entlangspazieren, von alten Menschen aus einem nahegelegenen Seniorenheim, die in der Stadtoase ihre Runden drehen. Franziska Mai ist viel mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs und sieht mit großer Sorge, „wie an allen Ecken das bisschen Natur platt gemacht wird. Es zerreißt mir das Herz, wenn die wenigen Ruhe- und Kraftoasen der fleißigen Bevölkerung nach und nach im Grau verschwinden.“ Auch ihr Sternwartenwäldchen steht vor dem Aus. Große Tafeln kündigen den Neubau eines schicken Wohnhauses an. „Als ich die Bauschilder sah, konnte ich nicht länger nur zusehen und wollte nichts mehr, als alle aufwecken“, sagt die engagierte Leipzigerin. Sie startete eine Petition an den Stadtrat, mit dem Naturfrevel aufzuhören. Den Appell haben 694 Menschen unterzeichnet. Mai will ihn heute dem Oberbürgermeister am Rande der Ratsversammlung übergeben.

Für zwei Drittel des mehr als 4000 Quadratmeter großen Sternwartenwäldchens kommt der Hilferuf jedoch schon zu spät. Sie wurden bereits gerodet. Viele Anrainer sind verärgert. „Meine Kinder haben hier gespielt. Ich habe so viele schöne Erinnerungen an diesen kleinen Park“, berichtet Eileen Bekö, die hier wohnt und ein Tattoo-Studio betreibt. „Hier ist sonst bald nichts mehr grün, alles wird zugebaut“, bedauert auch Petra Lerche. Die ersten Jahre, erinnert sich die Blumenhändlerin, sei das Wäldchen sogar noch gepflegt worden. „Der kleine Park“, sagt Franziska Mai, „war für mich wie ein Ausgleich zu dem ganzen Trouble, den unsere leistungsgetriebene Welt erzeugt. Zu jeder Jahreszeit war er Regeneration pur: Blumenduft, Farbenpracht, Vogelkonzerte, Grillenzirpen, das Rauschen des Windes in den Blättern.“

Dabei geht es um mehr als nur die liebgewonnene grüne Oase um die Ecke. „Die ersatzlose Entfernung von Bäumen und Sträuchern ist aus Sicht des Artenschutzes dramatisch“, hebt Karsten Peterlein vom Naturschutzbund hervor. Denn das, was derzeit dem Sternwartenwäldchen widerfährt, passiere mittlerweile im großen Stil. Allein im Jahr 2016 waren 60 Hektar Grünland aus Leipzig verschwunden. „Das ist der komplette Innenstadtring“, beschreibt Peterlein die Dimension. Leipzig droht seinen grünen Ruf zu verspielen. Noch bis vor Kurzem konnte man im Sternwartenwäldchen Mönchsgrasmücken, Klappergrasmücken, Rotkehlchen, Amseln und Zaunkönige singen hören. Die Vögeln, die zu den geschützten Arten gehören, würden zunehmend der Lebensraum entzogen, klagt der Nabu-Mann. Es gehe den Naturschützern nicht darum, das Bauen zu verhindern, sagt er, sondern darum, „zu bauen und die Natur zu bewahren“.

Einerseits wirbt Leipzig für eine „Baumstarke Stadt“, Leute sollen Patenschaften für Bäume übernehmen, die für Stadtklima und Luftreinhaltung von großer Bedeutung sind. Doch Neupflanzungen würden den Leistungswert der bestehenden Bäume auch mittelfristig nicht ansatzweise erreichen, wendet Franziska Mai ein. Wenn sie denn überhaupt groß werden. „Erst im Frühjahr diesen Jahres wurde in 500 Meter Entfernung der komplette Baumbestand auf einer Wiese eliminiert“, sagt sie. „Die in Reih und Glied gepflanzten Ersatzbäumchen wurden zu 75 Prozent einige Wochen nach dem Pflanzen wieder entfernt.“

Von Klaus STaeubert

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