Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales Neubeginn auf dem Dach der Moritzbastei: 3000 Zuschauer beim Courage-Konzert
Leipzig Lokales Neubeginn auf dem Dach der Moritzbastei: 3000 Zuschauer beim Courage-Konzert
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:20 01.05.2018
Die Donots spielen auf dem Dach der Moritzbastei. Quelle: Andre Kempner
Leipzig

„Sackfroh“ ist er, ruft Donots-Sänger Ingo Knollmann kurz vor 22 Uhr den schätzungsweise 3000 Menschen auf dem Dach der Moritzbastei und drumherum zu. „Sackfroh, dass wir hier eingeladen wurden.“ Gerade erst haben ihn die Fans auf den Händen zurück zur Bühne getragen. Eine Menge Spaß mache das, schwärmt der Punkrocker. „Und Mut.“ Dann jedoch dämpft Knollmann seine Euphorie: „Soll man glücklich sein, dass hier sowas passiert, oder traurig, dass es sowas überhaupt braucht?“

Begonnen hat das Festival mit Auftritten der Gruppen Kraus, Erase the Pace und der palästinensischen Band 47 Soul. Erwartet werden unter anderem noch die nordrhein-westfälische Punkrockband Donots und Rapper Eko Fresh, der angekündigt hat, später am Abend zusammen mit Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel einen Song zu performen.

Es hat jedenfalls wieder stattgefunden, das jährliche Leipziger Courage-Festival am 30. April. Ursprünglich 1998 am Völkerschlachtdenkmal initiiert als Demonstration gegen einen geplanten Nazi-Aufmarsch, zog die Freiluftbühne zwischenzeitlich auf die Alte Messe und zuletzt auf den Markt. Ende 2017 jedoch beschloss der Verein „Leipzig. Courage zeigen“ das Ende der Konzertreihe. Zu groß sei der Aufwand geworden, in ehrenamtlichem Engagement ein Budget von mindestens 70 000 Euro einzusammeln, hieß es.

„Aber der Feind steht immer noch rechts!“, schallt es am frühen Abend von der Bühne, als Sebastian Krumbiegel erklärt, warum das Festival trotzdem weiterhin existiert. Mit Anker-Geschäftsführerin Heike Engel, Moritzbastei-Booker Rick Barkawitz und Berit Lahm von der Leipziger Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention hat der Prinzen-Sänger die Neuauflage gestemmt und ein illustres Aufgebot an Musikern hergelotst, die ohne Gage spielen. Eine Nummer kleiner – rund 30 000 Euro tragen Sponsoren bei – doch als sichtbares Zeichen: „Es ist gut, den Zusammenhalt zu spüren“, findet Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke, „zu erleben, dass man mit all den Leuten hier den Wunsch nach einer weltoffenen Stadt teilt.“

Jennicke hat zu Beginn die Leipziger Alternative-Rocker Erase The Pace ausgezeichnet, Gewinner eines Jugendwettbewerbs anderthalb Wochen zuvor. Die Hamburger Band Kraus, als nächstes dran, ist bereits einen Schritt weiter. Prämiert etwa mit Udo Lindenbergs Panikpreis hat das halbstündige Lied „Eure Kinder“ die Indierocker auf die Wunschliste der Veranstalter gesetzt. Die Refrainzeile borgt Sänger Michael Krause von den Dresdner Protesten gegen Pegida, wie er auf der Bühne erklärt: In „Eure Kinder werden so wie wir“ singt er „vom Mut des Zweifelns, vom Lob der Verzweiflung“ und davon, sich das Leben von denen zurückzuholen, die wieder Mauern errichten wollen.

Hinter Grenzen zu leben, damit kennen sich auch die vier Männer von 47Soul aus, einer Band mit palästinensischen Wurzeln, mittlerweile in London zu Hause. Das Quartett reißt das Publikum nicht nur mit seinem „Shamstep“ mit, einer Mischung aus Straßenmusik des Nahen Ostens und elektronischen Rhythmen, sondern auch mit Inhalten: „Jedes Land ist ein heiliges Land“, singen sie, „jedes Volk ist auserwählt“. Nachdem sie oft betont haben, aus Palästina zu stammen, leitet  Darbuka-Trommler „El Far3i“ die lauthals eingeforderte Zugabe damit ein, dass ihre Botschaft eigentlich anders laute: „I Don’t Care Where You’re From“ heißt das letzte Stück – ist doch egal, woher man kommt.

3 Fragen an Heike Engel:

Warum ist es wichtig, weiterhin Courage zu zeigen?

Wir wissen alle, was auf der Welt los ist. Da durfte das Leipziger Courage-Festival nicht sterben. Auch dieses Jahr habe ich im Vorfeld bei unserem Jugendwettbewerb beobachtet, wie couragiert schon die Nachwuchsbands für Menschlichkeit einstehen. Einige der ganz jungen Musiker – sie nennen sich „Die Streber“ – wollen jetzt an ihrer Schule ein eigenes Projekt für Toleranz anstoßen.  Ich freue mich sehr, wenn wir so etwas auslösen.

Warum hat die Leipziger Band Erase The Pace gewonnen?

Es war die cleverste Band: Die Jungs brachten zum Finale die meisten Fans mit. Die Jury hätte vielleicht eine andere Gruppe favorisiert. Aber ich finde, dass es das Wichtigste ist, dass eine Band auch gehört wird. Daher ist der Vorausscheid eine Mischung aus Jury- und Publikumswahl. Für so eine junge Band ist es ein unglaubliches Erlebnis, auf so einer großen Bühne mit so bekannten Kollegen aufzutreten. Daran werden sie sich ihr ganzes Leben erinnern.

Setzt sich das Courage-Festival 2019 am selben Ort fort?

Wir wollen auf jeden Fall weitermachen. Auf das Dach der Moritzbastei umzuziehen, war das Beste, was uns passieren konnte. Auf dem Marktplatz war es schön, und wir waren der Stadt dankbar, dass wir dort sein durften. Aber auf dem Dach der Moritzbastei sind wir wieder näher an den Wurzeln des Festivals. Die Atmosphäre erinnert mich daran, wie das Ganze vor 20 Jahren begann.

Heike Engel, Geschäftsführerin des Soziokulturzentrums Anker, hat das Courage-Festival seit der ersten Ausgabe 1998 mitorganisiert.

Dass auch Eko Fresh an diesem Abend hierhergehört, legen schon die zwei Anti-AfD-Songs aus der Feder des Kölners nahe. Er wolle aber nicht nur die Rolle des Migranten-Rappers verkörpern, sondern sich voll hinter das Anliegen des Festivals stellen, sagt er. „Nazis raus“, brüllt er mit der Menge im Chor, bevor „Was ist mit der Welt passiert?“, sein Stück mit Mo Trip und Sebastian Krumbiegel, hier im Duett erklingt: „Sie fliehen übers Meer vor unsern Maschinengewehren. / Doch Asyl wollen wir ihnen nicht gewähren.“

Sozialbürgermeister Thomas Fabian betont dagegen, dass „die Leipziger mehrheitlich ihre Hilfsbereitschaft zeigen, wenn es Menschen auf der Flucht zu uns verschlägt.“ Fabians Chef, Oberbürgermeister Burkhard Jung, ist Schirmherr, doch als für die Donots nach ihrem Abgesang auf rechtspopulistische Kleingeister in „Dann ohne mich“ die Bühnenzeit knapp wird, übernimmt kurz Ingo Knollmann das Amtsgeschäft. „Wählt ihr mich?“, fragt er. Angesichts überwältigender Zustimmung verfügt der Sänger zwei weitere Lieder.

„Wo gibt’s das schon?“, jubelt Moderator Tim Thoelke, als auch diese verklungen sind. „Tolle Bands, ohne Eintritt, mitten in der Stadt – und nur, um zu zeigen, dass wir keinen Bock auf Nazis haben.“ Das Courage-Festival lebt – und wie!

Von Mathias Wöbking

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Leipziger Händler wehren sich jetzt verstärkt gegen Ladendiebe. Das Beratungsangebot der Polizei wird dafür ausgebaut. Neue und einfache Formulare sollen es den Geschäftsinhabern leichter machen, eine Strafanzeige aufzugeben.

29.04.2018

Sachsens SPD-Generalsekretärin Daniela Kolbe hat Verständnis dafür geäußert, sollte Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) sein Amt für einen Wechsel an die Spitze des Ostdeutschen Sparkassenverbandes (OSV) aufgeben. Forderungen nach Neuwahlen wies sie jedoch zurück.

29.04.2018

6335 Männer, Frauen, Mädchen und Jungen nahmen beim 14. LVZ-Fahrradfest am Sonntag teil. Auf fünf Strecken nahmen sie zwischen sechs und 110 Kilometer unter die Räder. Besonders Familien nutzten die Chance auf einen aufregenden, erlebnisreichen Tag.

30.04.2018