Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 5 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Leipzig zeigt mit Sookee und Samy Deluxe Courage! für Weltoffenheit

Konzert mit Sookee und Samy Deluxe Leipzig zeigt mit Sookee und Samy Deluxe Courage! für Weltoffenheit

Tausende Leipziger haben am Samstag auf dem Leipziger Markt zusammen mit Sookee, Samy Deluxe und anderen Musikstars Courage! gegen Fremdenfeindlichkeit und für Weltoffenheit präsentiert.

Am Sonnabend haben tausende Leipziger Courage gezeigt.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. „Verdammte Lügenpresse“, schimpft ein König. Eine Fernsehmoderatorin kündigt an, dass gleich jemand ausspricht, was sonst alle nur denken. Ein Kabarettist zieht über die Arabisierung des Abendlands her. Und ein Musiker bekennt, selbst einer dieser Araber zu sein, „die das System unterwandern“.
Die Floskeln schallen über Lautsprecher auf den Leipziger Markt, zwischen zwei Uhr nachmittags und zehn Uhr in der Nacht. Aber zum Glück haben sich hier am Samstag keine Legida-Bewegten ihre Verschwörungstheorien zugeraunt. Seit 1998 steht der Abend vor dem 1. Mai in dieser Stadt vielmehr unter der Kulturhoheit des Festivals „Leipzig. Courage zeigen“. Anders als bei den selbsternannten „besorgten Bürgern“ ist hier Humor gängiges Demonstrationsmittel. „Euer Hass ist ja immer noch da“, ist zu lesen. Daneben hat jemand ein Einhorn gemalt.

Nach Schätzung von Polizei und Veranstaltern haben 8000 Zuschauer die 19. Ausgabe des Mammutkonzerts, dessen Schirmherr erneut Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) ist, zu einer großen friedlichen Party gemacht. „Ich wünschte, die ganze Welt wäre so offen und gut drauf wie ihr“, ruft Headliner Samy Deluxe kurz vor 22 Uhr der Menge entgegen – und der Hamburger Rapper ist nicht bekannt dafür, jemandem nach dem Mund zu reden. Anders als er selbst scherzt, untergräbt er das System übrigens natürlich nicht als Araber, sondern wenn überhaupt dann als Deutscher.

Acht Stunden zuvor sind rund 200 Kinder plus Entourage Zeugen, als der besagte König, ein leibhaftiger Löwe namens Torsten, auf lügende Journalisten im Reggaewald schimpft. Die Band Yellow Umbrella hat für den Anlass nicht zufällig den zweiten Teil ihrer hinreißenden Kinderbuch-Trilogie um den Reggaehasen Boooo ausgewählt. Der Leipziger Keyboarder Jens Strohschnieder dachte sich die Geschichte vor gut drei Jahren aus, sie wirkt aber wie auf die jetzige Flüchtlingsdebatte gemünzt. In Form einer rosa Monsterkrabbe scheint Fremdes die Idylle zu bedrohen. Um sich zu wappnen, schlägt ein Minister einen Riesenzaun vor, ein anderer Politiker will gar auf den Eindringling schießen. Dabei erweist sich die Krabbe nur als friedlich sächselndes Tier, das eben Reggae mag.

Weitere Veranstaltungen am Sonntag


Vor ein paar Jahren hatten die vielen Initiativen, Vereine und Künstler, die das Courage-Festival organisieren, ein Luxusproblem: Sie sollten erklären, ob es denn in Leipzig überhaupt noch eines Zeichens gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit bedurfte. Immerhin verschonten die Nazis die Stadt seit 2007 mit ihren zuvor stets gescheiterten Versuchen, am 1. Mai zum Völkerschlachtdenkmal zu marschieren. Brauchte man da noch den couragierten Gegenprotest?

Heute kommt niemand mehr auf die Idee, diese Frage zu stellen. „Wenn du irgendwohin gehst, bist du nicht von dort“, besingen die normalerweise wunderbar komischen Leipziger Slam-Liedermacher Julius Fischer und Christian Meyer in ungewohntem Ernst die Atmosphäre einer Gegenwart, „in der Gutmensch nur als Schimpfwort“ taugt. Wer diesen Artikel nicht in der gedruckten Zeitung, sondern im Internet liest, muss das Rädchen seiner Computermaus vermutlich nur bis zu den anonymen Hasskommentaren unterm Text weiterdrehen, die bei solchen Themen selten lange auf sich warten lassen. Da steht dann vielleicht aus erster Hand, worauf sich Fischer und Meyer ungefähr beziehen. Auch Leipzigs Sozialbürgermeister Thomas Fabian (SPD) appelliert auf der Courage-Bühne nicht grundlos „an alle, die es gut meinen: Lasst euch von den Fremdenfeinden nicht einschüchtern!“ Weil „Courage eine Wertschätzung“ verdiene, so Bernd Kruppa, Vorsitzender des Courage-Vereins, gibt es seit vier Jahren den Wettbewerb „Couragiert in Leipzig“. Dieses Jahr gewinnt die Hebamme Katja Dietze. Ehrenamtlich betreut sie schwangere Flüchtlinge und zeigt sich von der Ehrung „überwältigt“.

„Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben?“, lautet eine Zeile der Berliner Rapperin Sookee in einem Lied gegen Homophobie, das die Menge mit heftigen Tanzbewegungen quittiert. Es muss einer jener klugen Gedanken der Künstlerin sein, welche die moderierende Fernsehfrau Griseldis Wenner auf der Bühne dazu veranlasst, sich eine sonst vor allem in rechten Kreisen beliebte Floskel zu borgen: dass Sookee eben ausspreche, was viele denken. Angesichts der Anfeindungen, die sozial engagierten Menschen neuerdings von rechts entgegenschlägt, ließe sich anfügen: Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich helfen? Aus einer merkwürdigen Angst vor Überfremdung, mutmaßt der Leipziger Musik-Kabarettist Claudius Bruns. Unsere Zahlen samt der Null – „eine Erfindung der Araber“, wettert er. „Wir sind in Europa jahrhundertelang ohne sie ausgekommen!“

Das Courage-Festival muss zum Glück nicht ohne die sturm- und drangvolle Leipziger Nu-Metal-Combo Peak Inc. auskommen, die am Vorabend im ersten Konzert der Bandgeschichte beim Jugendwettbewerb als Sieger gleich den zweiten Auftritt auf der großen Bühne gewann. „Springt für ein besseres Deutschland“, ruft Sänger Felix Kießig nicht folgenlos. „Frieden für alle“, wünscht sich Miroslav Kuvaldin, und er weiß als Sänger der mitreißenden Reggae-Band The Vyo aus der Ukraine garantiert, wovon er spricht.

In aller Kürze zeigen Singer-Songwriter Philipp Dittberner sowie das Metal-Streicher-Ensemble Beyond The Black Gesicht. „Das ist das Leipzig, wie ich es kenne“, lobt Dittberner, bevor er den Radiohit „Wolke 4“ spielt. Der herzensgute Prinz Sebastian Krumbiegel gehört zu diesem Leipzig unbedingt. Er ist zu einer Reizfigur für alle Hasskommentatoren avanciert und fordert doch unermüdlich und auch hier eine „offene Gesellschaft und gegenseitigen Respekt“.

Samy Deluxe meint wohl dasselbe, als er die Menge kurz vor 22 Uhr auffordert, „ein Zeichen zu setzen und für die Völkerverständigung durchzudrehen“. Was soll man sagen? Das ist den Leipzigern an diesem Abend im besten Sinne gelungen.

Leipzig, Markt 51.340408 12.374329
Leipzig, Markt
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr

LVZ-Reportage zu Crystal Meth in Sachsen

Die große Multimedia-Reportage berichtet über Crystal-Abhängige, Suchtberater und Drogenfahnder. mehr

Ob zur Entspannung, in der Mittagspause oder zum Spaß mit Freunden. Auf unserer Spieleseite können Sie wählen zwischen Denksport-, Geschicklichkeits-, Such- und Sportspiele. Probieren Sie es aus im Spieleportal von LVZ.de. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Sparkassen Challenge
    Logomotiv der Sparkassen Challenge 2016

    Sport frei!, heißt es auch 2016 bei zahlreichen Wettkämpfen der Sparkassen-Challenge. Alle Events mit vielen Fotos finden Sie hier! mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr