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Leipziger Arzt Michael Burgkhardt: „Musste Politik immer vor Patienten verteidigen“

Ein Leben zwischen Medizin und Politik Leipziger Arzt Michael Burgkhardt: „Musste Politik immer vor Patienten verteidigen“

Der Leipziger Arzt, Notfallmediziner und langjährige liberale Stadtrat Michael Burgkhardt (71) hat jetzt, nach einer schweren Krankheit, ein Buch über sein Leben veröffentlicht. Im Gespräch mit lvz.de erzählt er, dass er bei vielen seiner Arztkollegen das politische Engagement vermisst und dass die FDP in Leipzig derzeit ohne Chance sei.

Dr. Michael Burgkhardt in seiner Praxis in Leipzig-Stötteritz.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Der Leipziger Arzt, Notfallmediziner und langjährige liberale Stadtrat Michael Burgkhardt (71) hat jetzt, nach einer schweren Krankheit, ein Buch über sein Leben veröffentlicht. Im Gespräch erzählt er, dass er bei vielen seiner Arztkollegen das politische Engagement vermisst und dass die FDP in Leipzig derzeit ohne Chance sei.

War Ihr schwerer Unfall vor zwei Jahren, bei dem Sie mit Glück überlebten, der Anlass für dieses Buch?

Ja, der Autounfall und eine schwere Erkrankung Anfang des Jahres. Es ist auch eine Form von Dankbarkeit, das gut überstanden zu haben und bestens behandelt worden zu sein.

Für wen haben Sie das Buch geschrieben?

Für meine Frau, meine beiden Kinder und meine vier Enkel, aber auch für mich. Ich habe viele Aufzeichnungen und Dokumente aufgehoben, kam aber nie dazu, das zu bündeln. Durch meine Krankheit in diesem Jahr hatte ich dann Zeit, alles aufzubereiten.

Warum nennen Sie sich im Buch Dr. Bumm?

Unter diesem Namen habe ich beim Leipziger Medizinerfasching 1972 meine Büttenrede gehalten. Dafür bin ich dann exmatrikuliert worden, weil die Leitung des Bereichs Medizin der Karl-Marx-Universität keinen Spaß verstand und Humor schon als Angriff auf das System einstufte.

Wie haben Sie es dennoch geschafft, weiter Medizin zu studieren?

Der damalige Direktor für Erziehung und Ausbildung der Medizin sagte mir, für mich sei es aus nach dieser Faschingsrede. Aber ich wollte unbedingt Arzt werden. Zudem hatte ich damals gerade geheiratet. Meine Frau, die mit mir Medizin studiert hat, brachte unsere Tochter zur Welt. Das alles hat mich motiviert. Also habe ich mich in der Produktion bewährt und zwei Jahre als Pfleger an der Uniklinik gearbeitet. 1974 konnte ich weiter studieren. Auch weil sich Leute wie der Anatomieprofessor Rolf Bertolini für mich einsetzten.

Dem Direktor sind Sie ja noch zweimal begegnet.

Ja, beim ersten Mal war er Patient bei mir auf der urologischen Station. Und das zweite Mal traf ich ihn nach der Wende bei einem Arbeitsgerichtsprozess, bei dem es um sein Verhalten zu DDR-Zeiten ging. Das war kurios. Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte kamen alle aus dem Westen, hatten keine Erfahrung mit DDR-Vergangenheit. Da sollte ich doch allen Ernstes die Büttenrede von 1972 noch mal halten, damit sie sich einen Eindruck verschaffen könnten. Was ich natürlich nicht tat. Seine Entlassung wegen Systemnähe hat das Gericht trotzdem bestätigt.

Sie haben schon nach der 10. Klasse hart kämpfen müssen, um studieren zu können. Sie bekamen keine Zulassung zum Abitur, hatten nur die Chance, über die Arbeit als Hilfspfleger und Krankentransporteur und das Abi an der Volkshochschule zum Medizinstudium zu kommen. Woher kam der eiserne Wille? Durch Vater und Großvater, die auch Ärzte waren?

Ja, vor allem durch meinen Großvater Dr. Bruno Gittner, bei dem ich aufgewachsen bin. Er war 48 Jahre lang Hausarzt im Leipziger Musikviertel. Er hat mich schon als Kind zu Hausbesuchen mitgenommen. Das war für mich faszinierend, wie er mit den Leuten umgegangen ist.

Von Ihrem Vater ist im Buch weniger die Rede. Warum?

Da war die Distanz größer. Er war Arzt im Zweiten Weltkrieg, an der Ostfront bis Stalingrad, kam in sowjetische Gefangenschaft. Er war seelisch kaputt. Es war schwer, mit ihm umzugehen.

Ihr Urgroßvater Carl Seffner hat der Stadt prägende Denkmäler hinterlassen wie Bach vor der Thomaskirche und Goethe vor der Alten Handelsbörse. Im Buch zeigen Sie sich verärgert, dass er von seiner Heimatstadt zu wenig gewürdigt wurde. Warum?

An seinem 150. Geburtstag 2011 hat niemand Notiz von ihm genommen, auch die LVZ nicht. Er hat wie kaum ein Künstler diese Stadt geprägt. Wenn Sie irgendwo irgendwem auf der Welt das Bachdenkmal zeigen, dann weiß jeder, wo es steht. Über 100 Bildnisse in der Stadt sind von ihm, darunter das Bürgermeister-Koch-Denkmal im Schillerpark und das Sandstein-Relief von Bürgermeister Georgi am Neuen Rathaus. Und das eigentlich Sensationelle war, dass er mitgeholfen hat bei der Identifikation der Gebeine von Bach.

Was wollen Sie mit dem Buch vor allem vermitteln, welche Erkenntnisse des Lebens?

Wichtig ist mir, dass man im Leben eine klare Linie verfolgen sollte. Ich war eher der Widerspruchsgeist zu DDR-Zeiten, habe zur Wendezeit aktiv mit umgestaltet und bin mir auch danach treu geblieben. Da ist nichts, was ich an meiner Biografie ändern möchte, wie manche das tun oder glauben, tun zu müssen. Außerdem ging es mir auch darum zu zeigen, dass ein Arzt große Möglichkeiten hat, die Gesellschaft mit zu gestalten. Und dass er diese nutzen sollte. Das vermisse ich heute bei so manchem meiner Kollegen. Ein Arzt hat große soziale Verantwortung und Gestaltungsspielraum in der Gesellschaft. Da denke ich, dass ich durch meine kommunalpolitische Arbeit ein Zeichen setzen konnte. Ich habe immer aus der Mitte der Gesellschaft gearbeitet, war niemals am Rand, links oder rechts.

Warum meinen Sie, dass viele Ihrer Kollegen auf politisches Engagement verzichten?

Weil sie vielleicht resignieren und denken, man könne sowieso nichts ändern, und dann gehen sie den Weg des geringsten Widerstandes. Das soziale Engagement ist in meiner Berufsgruppe schon vorhanden, aber nicht bei allen.

Bei Ihnen haben sich ja Beruf und Politik als Symbiose gefügt, Sie waren von Mai 1989 bis 2014 im Stadtparlament.

Ja, so war es. Wir brauchen keine Berufspolitiker für unsere kommunalpolitische Arbeit. Das wollte ich beweisen. Man kann auch aus seinem Beruf heraus etwas für diese Stadt und ihre Bürger zu tun. Ich musste jeden Tag mit anderen Menschen, also mit meinen Patienten, über meine politische Arbeit reden und Entscheidungen verteidigen.

Sie haben viele Jahre im Stasi-Untersuchungsausschuss gearbeitet. Hat das Stadtparlament es geschafft, sich ehrlich zur seiner Vergangenheit zu bekennen?

Ja, das hat es. Ich war von Anfang an im Untersuchungsausschuss, habe ihn drei Legislaturperioden geleitet und kann sagen, Leipzig ist sehr ordentlich mit seiner Vergangenheit umgegangen, und das weitgehend im Konsens.

Wie war Ihr Verhältnis zu den Stadträten?

Gut. Bis auf ganz wenige Ausnahmen, zwei linke Stadträtinnen und die der NPD.

Die Spaltung der FDP-Fraktion im Rathaus 2009 klammern Sie im Buch aus. Sagen Sie doch jetzt mal, wie es dazu kam.

Na gut. Es kam durch das Streiten um Machtpositionen und um das Ausgrenzen des Neuen Forums, mit dem wir bis dato eine Fraktionsgemeinschaft bildeten. Ich wollte weiter mit dem Neuen Forum arbeiten, andere nicht. Und zwischen Sven Morlok und mir lagen Welten. Wir waren so unterschiedlich innerhalb der FDP wie nur möglich. Ich war der Sozialliberale, Freiheitliche, er war aus meiner Sicht der Neoliberale, der Wirtschaftsliberale. Da war die Entfernung größer als zu manch anderer Partei. Nach der Wahl war die Machtfrage in der Fraktion eigentlich klar: Ich hatte die meisten Stimmen für die Liberalen geholt. Aber Morlok bestand auf der Fraktionsführung. Da bin ich mit Gleichgesinnten gegangen, wir haben die Bürgerfraktion gegründet.

War das die richtige Entscheidung, oder hat es die Liberalen zersplittert?

Ich denke, die FDP ist mittlerweile ohne Bedeutung in dieser Stadt. Die Trennung war vielleicht der Kulminationspunkt dieser Entwicklung. Da waren auf der einen Seite die Altliberalen, auf der anderen Seite junge, dynamische Neoliberale. Für die Entwicklung der FDP war die Trennung verhängnisvoll, für mich und meine Überzeugungen war der Schritt konsequent und richtig.

Welche Zukunftschancen sehen Sie für die FDP in Leipzig?

Ich sehe derzeit für die FDP keine Zukunft in dieser Stadt. Da sich alle Parteien in die Mitte drängen, wo soll da noch Platz sein? Und man hört doch von der FDP wenig, sie ist aus der öffentlichen Diskussion verschwunden. Obwohl einige Liberale sicher eine fleißige Arbeit machen.

Wenn Sie auf die Parteienlandschaft blicken, wie sehen Sie da die AfD?

Die AfD ist für mich nicht das, wozu sie in der Öffentlichkeit lange gestempelt wurde, ein Sammelbecken rechter Kräfte. Deren Wähler in die rechte Ecke zu stellen, war der größte Fehler, den die Volksparteien machen konnten. Bei der AfD haben sich die Bürger in ihrer Unzufriedenheit zusammengefunden. Ich habe unter meinen Patienten einige, die sich zur AfD bekennen. Ich selbst kann die Ziele dieser Partei nicht akzeptieren.

Aber FDP-Wähler gibt es nicht mehr unter Ihren Patienten?

Nur wenige, vielleicht eine Hand voll. Ich habe etliche Wähler der Linken unter meinen Patienten, weil diese eben hier in Stötteritz wohnen. Wir diskutieren auch miteinander. Ich habe nach der Wende alle behandelt, vom Neonazi bis zum ehemaligen Stasi-Offizier. Mit allen habe ich gesprochen und mit meiner Meinung nicht hinterm Berg gehalten. Sie hätten ja nicht zu mir kommen müssen. Das meine ich damit, dass die Politiker den Kontakt zu den Menschen brauchen.

Haben Sie dem einen oder anderen dann die Spritze besonders heftig verpasst?

Nein, natürlich nicht.

Halten Sie noch Sprechstunden ab?

Ja, aber nur noch verkürzt.

Noch ein Wort zum Rettungsdienst, das ist ja eines ihrer großen Projekte. Wo stehen wir denn beim Rettungsdienst in Leipzig, in Sachsen?

Der Standard ist gut bis sehr gut. Das Problem ist, dass der Rettungsdienst immer häufiger zu banalen Fällen gerufen wird. Mancher hat keine Lust, das Fernsehprogramm zu verpassen oder raus zu gehen in den Regen und ruft einfach mal den Rettungsdienst, wenn’s im Rücken zwickt. Und meist zwickt es schon seit längerer Zeit. Oder einer hat einfach zu viel gegessen und ruft an wegen eines schlechten Geschmacks im Mund. Das sind zu einem Drittel die klassischen Hausarztfälle. Sie belasten den Rettungsdienst. Dadurch gibt es extremen Personalmangel. Und die Kosten explodieren.

Was schlagen Sie vor?

Es muss eine bessere Aufklärung geben durch Staat, Kommune und Medien. Und die Leute, die den Rettungsdienst missbrauchen, müssen in Regress genommen werden. Wenn der Rettungswagen kommt, kostet das mehrere hundert Euro.

Was machen Sie als ehemaliger oberster Notarzt Deutschlands jetzt noch für den Rettungsdienst?

Ich bin in der Landesärztekammer für die gesamte Bildungsstrecke für die Notärzte verantwortlich, leite die Kurse für die Notarztausbildung. In dieser Woche beginnt der 55. Kurs seit 1991 unter meiner Leitung.

Michael Burgkhardt: Die Erinnerungen des Dr. Bumm. Das andere Arztbuch. 188 Seiten, Verlag Wissenschaftliche Scripten, Auerbach/V., 12,50 Euro

Von Anita Kecke

Leipzig. 51.3396955 12.3730747
Leipzig.
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