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Lokales Leipziger Disputation: "Wir sind nur sehr dünn kultiviert"
Leipzig Lokales Leipziger Disputation: "Wir sind nur sehr dünn kultiviert"
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23:59 24.06.2014

Thematisch orientiert sich die Debatte jeweils am Lutherdekadenjahr, das 2014 den Schwerpunkt auf "Reformation und Politik" setzt.

So diskutierte denn der ehemalige Politiker Andreas Pinkwart, seit 2011 Rektor der Handelshochschule Leipzig, mit dem evangelischen Theologen und Religionsphilosophen Ingolf U. Dalferth, der zur Zeit den Danforth Lehrstuhl für Religionsphilosophie an der School of Religion im US-amerikanischen Claremont innehat. Zunächst ging es um den Begriff des Glaubens. Für Dalferth ist Glaube "keine Haltung, die man sich selbst geben kann, sondern ein Geschenk". Er ist die Einsicht, "dass ich aus Zusammenhängen lebe, die ich nicht selbst in der Hand habe. Das öffnet mich für andere und anderes." Pinkwart benutzt für seine Erklärung die Metapher des Spiels: Glaube helfe eher, das Spiel zu verstehen als Spielregeln aufzustellen. Die Bedeutung des Glaubens liegt für ihn darin, "dass er uns glücklich sein lässt in einer Welt, die nicht nur Glück bereithält".

Glaube als Suche nach dem letzten Grund, wenn es den Menschen schlecht geht, ist für Dalferth zu negativ. Glaube sei vielmehr die positive Erfahrung, von etwas überrascht zu werden, mit dem man überhaupt nicht gerechnet hat, etwas Schönes zu erleben, auf das man nicht hingearbeitet hat. In Bezug auf das gesellschaftliche Leben setze der Glaube Regeln frei, "aber er stört auch, unterbricht, muss immer wieder Ordnungen an ihre Grenzen bringen", sagte der Theologe, der unter anderem Herausgeber der in Leipzig erscheinenden Theologischen Literaturzeitung ist.

Wirtschaftswissenschaftler Pinkwart, ehemaliger stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP, sieht die soziale Marktwirtschaft als Entwicklung aus den christlichen Grundwerten der Gesellschaft und würdigt die bundesdeutsche Demokratie, "die Macht immer nur auf Zeit an Menschen verleiht und damit Machtmissbrauch entgegenwirkt". Wechselseitiges Vertrauen sei für ihn eine Grundkonstante der Politik, betonte er.

Dem widersprach Dalferth: Politik und Demokratie funktionierten nur, "weil wir es geschafft haben, sie auf kontrolliertes Misstrauen zu bauen". Die Gewaltenteilung in Legislative, Exekutive und Judikative sowie die vierte Macht Öffentlichkeit und Medien sei hierfür unersetzlich. Außerdem seien für ihn Politik und Recht nicht zu trennen. "Das Recht setzt uns Selbstbeschränkungsregeln, ohne die wir als Gesellschaft nicht auskommen. Denn wir sind nur sehr dünn kultiviert."

Auf die Frage von Moderatorin Angela Elis nach einem Blick in die Zukunft antwortete Pinkwart, er sehe den Herausforderungen optimistisch entgegen. "Wer Kinder hat, glaubt an die Zukunft", sagte der zweifache Familienvater. Die Regeneration der Umwelt in den neuen Bundesländern oder auch im Ruhrgebiet in den vergangenen Jahrzehnten zeige doch, über welche Kräfte die Natur verfüge. Allerdings warteten große Anstrengungen auf das Land, den Ressourcenverbrauch weiter zu verringern, die Schadstoffbelastung zu senken und nicht nur auf China zu schimpfen.

Dalferth antwortete aus der Perspektive des Theologen: "Der Glaube rechnet mit Unerwartetem und Nicht-Planbarem. Wir können den Jetzt-Zustand nicht auf Zukünftiges transponieren." Der Mensch wisse nicht, was komme, aber er könne darauf vertrauen, "dass es gut für uns ist".

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.06.2014

Kleinod, Katrin

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