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Lokales Leipziger Elterninitiative holt seit 20 Jahren Kinder aus der Tschernobyl-Region
Leipzig Lokales Leipziger Elterninitiative holt seit 20 Jahren Kinder aus der Tschernobyl-Region
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07:00 01.04.2016
Bei von der Leipziger Elterninitiative organisierten Ausflügen – wie hier im Vorjahr an die Berliner Mauer – lernen die Kinder aus Saschirje auch viel über Deutschland. Quelle: privat
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Leipzig

1994. Leipziger Stadtfest. Ein weißrussisches Kinderensemble tritt auf. Die Mädchen und Jungen kommen aus Saschirje, einer 2000-Einwohner-Ortschaft, die von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl betroffen war und wo heute noch an jeder Ecke Schilder vorm Pilzesammeln und Fischeessen aus dem Fluss warnen. Für die jungen Gäste wurden seinerzeit vorab in Leipzig Gasteltern gesucht. Und als Rainer Winkler, seine Frau Kirsten sowie ein weiteres Ehepaar mit einspringen, ahnen sie noch nicht, dass daraus eine Leipziger „Elterninitiative für Saschirje/Belarus“ erwachsen würde, die – letztlich 1996 gegründet – nun auf 20 ereignisreiche Jahre zurückblickt.

„Damals wollten wir die von uns betreuten Kinder einfach wiedersehen. Und ihnen wenigstens ab und an etwas Erholung in einer gesunden Umwelt, verbunden mit ein paar schönen Erlebnissen, ermöglichen“, erzählt Winkler. Am Ende fanden sich er und vier weitere Mitstreiter in jener Elterninitiative wieder, die mittlerweile unter den Fittichen des Geyserhaus-Vereins arbeitet. Seit 1996 holte sie fast jeden Sommer acht- bis 15-jährige Kinder aus Saschirje in hiesige Gefilde. Im Laufe der Zeit waren es 340 Mädchen und Jungen. „Inzwischen können wir bei jedem Aufenthalt auf einen Pool von 30 Gasteltern bauen. Und auf die Gemeinde Laußig, wo vor neun Jahren auf Wunsch dortiger Gastgeber-Familien und der Gemeindeverwaltung sogar eine Dorfpartnerschaft mit Saschirje zustande kam. Die einzige Dorfpartnerschaft bundesweit!“, betont Winkler. Sowohl Elterninitiative als auch Mitglieder der Gemeindeverwaltung Laußig seien auch in diesem Jahr wieder als Teilnehmer an einer der so genannten Ortspartnerschaftskonferenzen Deutschland-Belarus im weißrussischen Nezvish gefragt.

Die Elterninitiative selbst organisiert aller zwei Jahre einen Besuch bei den Familien ihrer „Tschernobyl-Kinder“ in Saschirje. Eine Art Bürgerreise. Wo Projekte mit Gemeinde, Schule und Eltern dort besprochen werden. Oder geschaut wird, wie man für Oster- oder Weihnachtsfreuden bei den Kindern sorgen kann. „Wobei wir nichts von Leipzig mitnehmen, eher Dinge dort kaufen, um der einheimischen Wirtschaft zu helfen. Es macht keinen Sinn aus unserer Sicht, da eine Form von Mildtätigkeit zu kultivieren. Es macht eher Sinn, mit den Kindern etwas zu unternehmen, als ihnen das zweite oder dritte T-Shirt mitzubringen.“ Winkler winkt ab. „Wir haben es aus dem Grund auch ganz schnell wieder gelassen – wie in den ersten Jahren – ganze Kleidersammlungen mit nach Saschirje zu nehmen. So etwas haben wir zuletzt nur noch einmal gemacht, weil die Ortschaft, durch ihre Nähe zur ukrainischen Grenze, 150 Flüchtlinge hatte aufnehmen müssen, die halt ohne alles da ankamen.“

„Bisher nahmen wir Kinder von uns nie mit auf diese Bürgerreise. Saschirje gilt ja immer noch als ‚Strahlengebiet‘“, sagt Winkler. In diesem Jahr – wo sich das Unglück von Tschernobyl zum 30. Male jährt – würden nun erstmals vier Jugendliche aus Sachsen – in Absprache mit den Eltern, dem Münchner und Minsker Strahleninstitut sowie den Konsulaten – an der Begegnungsfahrt Anfang Oktober teilnehmen, um sich selbst mal ein Bild vom Leben auf dem weißrussischen Land in der Republik Belarus zu machen. Die 15- bis 16-Jährigen beteiligten sich schon jetzt vorab an einem Projekt, wo sie ihre Vorstellungen über Weißrussland aufschreiben sollten (und umgekehrt die Altersgefährten in Saschirje die ihren von Deutschland). In manchen Sätzen, sagt Winkler, habe er Vorurteile ausgemacht, die „abgearbeitet sein wollen“. Etwa, wenn ein hiesiger 15-Jähriger schreibt, er stelle sich Schule in Saschirje „leichter und primitiver als bei uns vor“. Und eine Gleichaltrige wissen will, dass sich „beim dortigen Schulsystem die Lehrer den ganzen Tag um die Schüler kümmern“ und sogar „abends nach 22 Uhr in die Stadt gehen und alle Schüler dort wieder einsammeln müssen“.

Nun ist Winkler gespannt, was die jungen Reiseteilnehmer sagen, wenn sie die jeweiligen Realitäten erst einmal vor Ort kennenlernen. Die jungen Saschirjer werden den Vergleich schon im Juli ziehen können. Denn natürlich lädt sich die Leipziger Elterninitiative zusammen mit Laußig auch dieses Jahr wieder ihre Erholungsgäste für drei Wochen ein. Finanzieller Hauptunterstützer bei solchen Aufenthalten sei stets die Stiftung West-Östliche Begegnung Berlin, sagt Winkler. Ansonsten gelte: „Wer bei uns mitmacht, trägt die Kosten selbst und ist ehrenamtlich dabei.“

Von Angelika Raulien

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