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Lokales Leipziger Experte: „Die menschliche Stimme ist keine Kaffeemaschine“
Leipzig Lokales Leipziger Experte: „Die menschliche Stimme ist keine Kaffeemaschine“
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00:36 24.02.2018
Porträt von Prof. Michael Fuchs in der Uniklinik in Leipzig Foto: Andre Kempner  Quelle: Andre Kempner
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Leipzig

Musik hat für junge Menschen immer eine große Rolle gespielt. Vergleichsweise neu ist aber, dass man sich die Unterrichtsstunde per Internet ins Haus holen und mit einem weiteren Mausklick das eigene Schaffen auf einer Bühne präsentieren kann, die zumindest theoretisch fast die ganze Welt erreicht. Über Chancen und Risiken dieser Entwicklung tauschen sich ab Freitag beim 16. Leipziger Symposium zur Kinder- und Jugendstimme an der Hochschule für Musik und Theater rund 450 Fachleute aus. Michael Fuchs, Leiter der Phoniatrie und Audiologie an der Leipziger Uniklinik, hat das Treffen organisiert.

Wer heute singen lernen will, sucht sich einfach ein kostenloses Online-Tutorial. Wozu braucht man da noch klassischen Gesangsunterricht?

Schon vor 100 Jahren haben die Menschen versucht, im stillen Kämmerlein den Bariton oder Sopran ihrer Schellackplatte nachzuahmen. Das dürfte selten geklappt haben. Im Vergleich dazu sind viele der heutigen Youtube-Tutorials gar nicht schlecht. Beim Symposium wird dazu eine neue Studie der Hochschule für Musik und Theater vorgestellt. Die Tutorials geben Grundinformationen über den Stimmapparat, Tipps zur Stimmhygiene und Stimmpflege. Viele zeigen, was zu machen ist, wenn es einem stimmlich mal nicht gut geht. Ich würde in den Tutorials eine Art Hausmittel sehen. Wie ein Zwiebelaufguss – der kann bei einer Erkältung auch helfen.

Und wenn der Husten dadurch nicht weggeht?

Dann gehe ich zum Spezialisten: zum Arzt. Die menschliche Stimme ist keine Kaffeemaschine, die ich mit Hilfe einer Youtube-Anleitung ohne Weiteres reparieren kann. Richtig singen zu lernen, ist weit weniger leicht. Nicht umsonst ist ein Gesangsstudium eines der teuersten. Weil es dort etwas gibt, das ich in meinem Medizinstudium nie hatte: Einzelbetreuung, und das über Stunden. Es geht eben nicht anders. Ab einem bestimmten Niveau braucht ein Gesangsschüler einen Profi an seiner Seite, der ihm hilft, die eigene Stimme zu entdecken: was sie kann und was nicht. Wo ihre Grenzen liegen. So lässt sich das Entwicklungspotenzial der Stimme vergrößern und das Schadensrisiko minimieren.

„Ich möchte keine Stilistik verteufeln“

Sind junge Stimmen anfälliger?

Ja. Nicht, weil sie jung sind, aber weil sie wachsen. Und zwar mit allen Körperteilen, mit denen wir Stimme produzieren: den Atmungsorganen, dem Kehlkopf, den Ansatzräumen. Auch die Größenverhältnisse untereinander verändern sich. Wenn man mit dem Endoskop in den Kehlkopf schaut, sieht man, was beim Stimmwechsel passiert. Die Stimmlippen verlängern sich bei Jungs von acht Millimetern um einen ganzen Zentimeter, bei Mädchen um drei bis vier Millimeter. Da werden Zellen neu gebildet, die ganze neuromuskuläre Ansteuerung muss sich an das größere System gewöhnen. In schnellen Wachstumsphasen bringt das eine Empfindlichkeit mit sich, die bei starker stimmlicher Belastung Schwierigkeiten hervorrufen kann.

Was kann passieren?

Meistens kommen Kinder mit einer chronischen Heiserkeit zu uns. Irreversible Schäden sind zum Glück die Ausnahme, aber es können langfristige Übungstherapien notwendig werden. Eine medikamentöse oder chirurgische Behandlung scheidet dagegen aus. Im Idealfall arbeiten Logopäde, Stimmarzt und Gesangspädagoge gemeinsam mit einem Kind, um zunächst dessen Sprechstimme wiederherzustellen und im Anschluss die Singstimmfunktion zu verbessern. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist auch einer der wesentlichen Vorzüge unseres Symposiums. Zusammen mit dem Augenmerk, den wir auf künstlerische Fragen legen.

Hinsichtlich der Kunst: Gibt es da aus medizinischer Sicht bessere und schlechtere Stilrichtungen?

Ich möchte keine Stilistik verteufeln. Im Gegenteil. Die meisten Kinder bevorzugen heute Pop und Musical bis hin zu Jazz und in Einzelfällen sogar Heavy Metal. Es ist nichts falsch daran. Wir wollen die Kinder ja fürs Singen begeistern und sie nicht verlieren. Aber bevor ein Kind das erste Mal Fußball spielt, müssen Sie ihm die Regeln erklären. So ist es auch beim Singen: Es gibt eine Art Grundausbildung, einen Grundzugang zur eigenen Stimme.

„An der Popmusik schätze ich, dass man die eigene Persönlichkeit in die Musik legt“

Wie bewerten Sie die Anforderungen, die TV-Castingshow-Juroren mitunter an ihre Kandidaten stellen?

Aus stimmärztlicher Sicht sehen wir Castingshows bei Kindern und Jugendlichen eher kritisch. Das Risiko für die Stimmgesundheit lässt sich nicht wegdiskutieren. Noch problematischer sehe ich aber die Gefährdung der Psyche, der seelischen Gesundheit der Kinder. Das gilt auch für die Online-Plattformen, auf denen sich junge Sänger heute oft ohne das Bewusstsein präsentieren, dass sie die Kontrolle über das eigene Video abgeben. Ein Lied zu singen und es in einer Castingshow oder auf Youtube zu verbreiten, bildet nur einen Augenblick ab. Ob ein Zwölfjähriger das aber wiederholen kann, im Studio, auf Tour, ist eine ganz andere Frage. Spätestens dann braucht ein Talent eine gesangspädagogische Betreuung, um Stimmproblemen vorzubeugen.

Bei allen Problemen: Hat das Singen auch positive Auswirkungen auf die Entwicklung des Stimmapparats?

Absolut. Zu singen entwickelt die Stimme. Der Tonumfang erweitert sich in der Höhe um bis zu zwei Oktaven. Auch die Dynamik wird breiter. Die größeren stimmlichen Ausdrucksmöglichkeiten wirken sich auf die Sprechstimme aus: Das Auftreten wird sicherer, wenn ich schon als Kind ab und zu auf einer Bühne stehe. Im Chor zu singen, schult das Leben in einer Gemeinschaft und kann bis ins hohe Alter eine wichtige soziale Funktion erfüllen. An der Popmusik schätze ich im Vergleich zur Klassik, dass es stärker darauf ankommt, die eigene Persönlichkeit in die Musik zu legen. Viele Jugendliche komponieren und texten ja sogar selbst. Da sehe ich musikpädagogisch eine Riesenchance: dass man den Kindern zeigt, wie sie ihre eigene, wiedererkennbare Stimme finden und sie so begleitet, vielleicht auch auf die „große Bühne“ der sozialen Medien, in denen Likes und Reichweite so wichtig sind.

Beatboxing und Obertongesang

Michael Fuchs, 49, leitet die Sektion Phoniatrie und Audiologie an der Uniklinik Leipzig und setzt auch privat auf interdisziplinären Austausch: Er ist mit einer Gesangspädagogin verheiratet, der neunjährige Sohn Theo ist Grundschüler im Forum Thomanum. Fuchs selbst sang als Junge im Thomanerchor und nahm als junger Erwachsener Gesangsunterricht. Später gehörte er unter anderem dem Leipziger Synagogalchor an.

Das Leipziger Symposium
 zur Kinder- und Jugendstimme fand erstmals 2002 statt. Schon zu DDR-Zeiten hatte die Uniklinik einen Schwerpunkt auf diesem Fachgebiet und organisierte regelmäßig internationale Phoniatrie-Treffen. Zum 16. Symposium über „Stimmtechniken – Gesangsstile und Stimmgesundheit“ von Freitag bis Sonntag werden 450 Mediziner, Musikpädagogen und Musiker erwartet. Für sie stehen unter anderem Workshops zu Beatboxing, Obertongesang und Solmisation auf dem Programm. Eine Aufführung des Kindermusicals „Martin Luther“ durch Grundschüler des Forum Thomanum schließt das Symposium ab.

Die Forum Thomanum Schulen GmbH
 
 und die Universitätsmedizin nehmen das Expertentreffen zum Anlass, ihre Zusammenarbeit zu vertiefen. Veranstalter des Symposiums sind zudem der Arbeitskreis Musik in der Jugend mit Sitz in Wolfenbüttel und die Leipziger Hochschule für Musik und Theater.

kinderstimme.uniklinikum-leipzig.de

Von Mathias Wöbking

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