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Leipziger Experte: Frauenstimmen werden immer tiefer

Stimm-Symposium in Leipzig Leipziger Experte: Frauenstimmen werden immer tiefer

Michael Fuchs ist Leiter der Sektion Phoniatrie und Audiologie am Universitätsklinikum Leipzig. Der Professor behandelt Patienten mit Stimm-, Sprach, Schluck- und auch Hörstörungen – und veranstaltet gerade ein Symposium rund um die Stimme.

Michael Fuchs ist Leiter der Sektion Phoniatrie und Audiologie am Universitätsklinikum Leipzig. Der Professor behandelt Patienten mit Stimm-, Sprach, Schluck- und auch Hörstörungen.
 

Quelle: Swen Reichhold

Leipzig.  Michael Fuchs ist Leiter der Sektion Phoniatrie und Audiologie am Universitätsklinikum Leipzig. Der Professor behandelt Patienten mit Stimm-, Sprach, Schluck- und auch Hörstörungen – und veranstaltet gerade ein Symposium rund um die Stimme. Im Interview erklärt er, warum Frauenstimmen immer tiefer werden und wie sein Fachgebiet gegen sexuellen Missbrauch in Kinder- und Jugendchören angehen will.

Die neuesten Ergebnisse Ihrer Stimmfeldmessungen zeigen: Frauen setzen ihre Stimme tiefer ein als noch vor rund 20 Jahren. Wie kommt das?

Wir sind davon ausgegangen, dass die Sprechstimme des Mannes im Schnitt eine Oktave tiefer ist, als die der Frau. Erstaunlicherweise haben wir gesehen, dass die Frauenstimme nur eine halbe Oktave höher ist. Das hat uns sehr überrascht – und wir wollten wissen, woran das liegen könnte.

Und woran liegt es?

Wir haben zunächst überprüft, ob es an biologischen Faktoren liegen könnte. Vielleicht ist der Mensch ja insgesamt größer geworden und die Stimmen damit auch tiefer. Dann müssten aber auch Männerstimmen tiefer werden – das ist aber nicht der Fall. Also haben wir die Hormone untersucht, um zu überprüfen, ob es dort Umstellungen gibt und Frauen mehr männliches Geschlechtshormon haben. Aber auch das ist nicht der Fall.

Also sind die tieferen Stimmen auf irgendwelche soziale Faktoren zurückzuführen?

Korrekt. Wir sprechen von einer Soziophonie, einer Stimmveränderung aufgrund sozialer, gesellschaftlicher Bedingungen. Und das liegt vor allem an der Emanzipation der Frau in den letzten rund 120 Jahren. Diesen Wandel können wir aber nur für Mitteleuropa behaupten, nicht weltweit. Das heißt: Weil Frauen im Alltag immer häufiger ihren „Mann stehen müssen“, nähern sie sich auch stimmlich den Männern ein Stück weit an.

Aber welche Gründe gibt es für diese Annäherung? Bringt eine tiefere Stimme Vorteile im Alltag?

Menschen verbinden mit einer tieferen Stimme Glaubwürdigkeit. Wir tendieren biologisch dazu, einer tieferen Stimme eher zu vertrauen, als einer hohen. Hohe Stimmen wirken eher unsicher und schutzbedürftig. Politikerinnen zum Beispiel, Frauen in Führungspositionen, auch Journalistinnen, brauchen daher tiefere Stimmen, um besser überzeugen zu können. Und sie trainieren ihre Stimmen darauf. Diese Tendenz der tieferen Sprechstimme ist in der Studie, jedoch auch in der Normalbevölkerung, signifikant erkennbar, das ist umso erstaunlicher.

Was bedeuten diese Ergebnisse jetzt für die Zukunft?

Wir können mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass Mütter, die heute tiefer sprechen, ihre Kinder mit der tieferen Mutterstimme beeinflussen. Und dass auch die Folgegenerationen wieder weiter tiefer sprechen werden. Es sei denn, das gesellschaftliche Bild ändert sich wieder.

An diesem Wochenende findet zum 15. Mal das Symposium zur Kinder- und Jugendstimme in Leipzig statt. Um was geht es da?
 

Das Symposium vermittelt Wissen über die Stimme im Wachstum. In Leipzig haben wir uns auf Kinder- und Jugendstimmen spezialisiert und betreuen vor allem Kinder und Jugendliche, die im Chor singen oder stimmliche Probleme und Störungen haben. Um auch einen fachlichen Austausch abseits der eigenen beruflichen Scheuklappen zu ermöglichen, haben wir vor mehr als 15 Jahren dieses internationale Symposium ins Leben gerufen. Hierfür kooperieren wir mit der Hochschule für Musik und Theater und dem Arbeitskreis Musik in der Jugend, sodass unser Publikum nicht mehr nur Mediziner sind. Ein Großteil der rund 500 Teilnehmer besteht aus Musikpädagogen, Gesangslehrern und Chorleitern, lediglich ein Drittel aus Medizinern und Therapeuten. Man lernt extrem viel, gerade für die Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen.

In diesem Jahr steht das Symposium unter dem Motto „Bezugssystem Stimme“, was bedeutet das?

Wir möchten herausfinden, welche Rolle die Stimme beim Aufbau und der Pflege von Beziehungen untereinander spielt. Kinder bauen im Laufe ihres Lebens natürlich eine Beziehung zur eigenen Stimme auf – so wie zu der von anderen. Die Stimme ist das Werkzeug, mit dem ich mit anderen Bezugspersonen interagiere. Treten Stimmprobleme auf, kann das auf lange Sicht auch zu Kommunikationsproblemen führen. Die sollen erkannt, behoben oder bestenfalls verhindert werden.

Ein Thema des Wochenendes ist Schutz- und Präventivarbeit gegen sexuelle Übergriffe. Wie passt das auf ein Symposium zum Thema Stimme?

Gerade Musikpädagogen und Stimmtherapeuten hatten den starken Wunsch, sich mit dem Aspekt Körperlichkeit im Stimmunterricht auseinander setzen. Arbeit an der Stimme bedeutet immer auch Arbeit am Körper. In der Behandlung muss also mit dem ganzen Körper des Patienten gearbeitet und dieser auch berührt werden. Zum Beispiel, um zu zeigen, wie die Bauchdecke angespannt werden oder der Brustkorb gehoben werden muss. Im Erwachsenenalter ist es einfacher dort Stopp zu sagen. Kindern, insbesondere Kleinkindern, fällt diese Nähe-Distanz-Regulation schwerer. Erst im letzten Jahr sind wieder Vorfälle von sexuellem Missbrauch in Knabenchören bekannt geworden, dagegen wollen wir vorgehen und Präventivkonzepte entwickeln.

Wie kann so etwas aussehen?

In solchen Konzepten sollen den Therapeuten mögliche Verhaltensweisen aufgezeigt werden, falls so etwas vorfällt. Das ist keine einfache Situation, deswegen wollen wir, dass vorher Regeln festgelegt werden. Wir wollen bezwecken, dass jeder Kinder- und Jugendchor so ein Konzept entwickelt, damit es erst gar nicht zu solchen Vorfällen kommt. Daher sind wir sehr froh, zum Symposium einen unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung begrüßen zu können, der für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs zuständig ist und zeigt, wie solche Präventivkonzepte aufgebaut sein können.

Von Quentin Zwaneveld

Leipzig 51.339695 12.373075
Leipzig
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