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Leipziger Fluglärm-Gegner: „Wir wollen unsere Ruhe haben“

Bürgerinitiativen Leipziger Fluglärm-Gegner: „Wir wollen unsere Ruhe haben“

Vor knapp zehn Jahren gründeten sich die Bürgerinitiativen „Gegen die neue Flugroute“ und „Gegen Flug- und Bodenlärm“ (BI). Deren Pressesprecher ist Matthias Zimmermann, 63 Jahre alt, gebürtiger Leipziger, zu Hause in Wahren. Im Interview mit der LVZ zieht der Wirtschaftsingenieur eine Bilanz des BI-Kampfes gegen die Lärmbelästigungen.

Der Bürgerinitiativensprecher am Airport Leipzig/Halle: Matthias Zimmermann wohnt in Leipzig-Wahren – und bekommt nach eigenem Bekunden auch dort den nächtlichen Lärm auf die Ohren, den startende und landende Flugzeuge verursachen.

Quelle: Olaf Barth

Leipzig. Vor knapp zehn Jahren gründeten sich die Bürgerinitiativen „Gegen die neue Flugroute“ und „Gegen Flug- und Bodenlärm“ (BI). Deren Pressesprecher ist Matthias Zimmermann, 63 Jahre alt, gebürtiger Leipziger, zu Hause in Wahren. Im Interview mit der LVZ zieht der Wirtschaftsingenieur eine Bilanz des BI-Kampfes gegen die Lärmbelästigungen.

Der Flughafen ist weit weg, Sie wohnen in Wahren doch recht ruhig.

Ja, fünf Kilometer ist der Flughafen weg. Aber nachts um zwei Uhr, wenn DHL fliegt, dann machen Sie sich kein Bild vom Fluglärm. Andere können damit vielleicht umgehen, mich stört er. Hinzu kommt die unsägliche, völlig überflüssige kurze Südabkurvung. Bei der donnern auch an den Wochenenden die Flugzeuge übers Haus.

Wenn nicht diese Route, dann eine andere, irgendwo ist wohl immer jemand betroffen. Die meisten Leipziger klagen eher darüber, dass es von hier aus zu wenig Flüge in die große weite Welt gibt.

Das liegt aber nicht an den Flugrouten, sondern an der falschen Strategie des Managements. Mit der Ansiedlung von DHL hat man sich vom Projekt Mitteldeutscher Interkontinental-Airport verabschiedet, zugunsten von Dresden. Wir sind keine Flughafengegner oder Fluglärmaktivisten, wie oft geschrieben wird. Wir erwarten nur, dass Zusagen eingehalten werden. Die kurze Südabkurvung, von der allein 60 000 Menschen betroffen sind, ist im Planfeststellungsbeschluss nicht enthalten, dazu gab es nie eine Abwägung. 2004 titelte die LVZ „Leipzig wird umflogen“. Darauf und auf Rechtstaatlichkeit haben die Menschen hier vertraut. Wir wollen wieder unsere Ruhe haben. Statt dessen nahmen die Flüge auf dieser Route um 22 Prozent zu.

Zuletzt hatte das Oberverwaltungsgericht Bautzen eine Klage des Ökolöwen abgelehnt, der das Überfliegen des Auenwald-Vogelschutzgebietes auf dieser Route unterbinden wollte.

Dieses Urteil ist der ,krönende’ Abschluss zum Thema Flughafen seit 1990. Eine weitere Klage wird es nicht geben, da das OVG eine Revision nicht zugelassen hat. Zudem, unser Geld ist alle. Wir können nicht mal mehr gegen die Nichtzulassung der Revision klagen. Von Anfang an registrieren wir beim Flughafen und bei Politikern einen recht kreativen Umgang mit der Wahrheit, wenn unter anderem Informationen zurückgehalten werden.

Zum Beispiel?

Bis heute ist ein Vertrag zwischen Schkeuditz und Flughafen unter Verschluss. Er kam zustande, nachdem die Stadt 2004 im Planfeststellungsverfahren auf einen Einspruch gegen den Flughafen-Ausbau verzichtete. Die Stadt hatte in ihrer Stellungnahme viele sinnvolle Forderungen zur Lärmentlastung für Anwohner drin. Dann entschied sie sich dagegen und nahm den Geheimvertrag, dessen Inhalt trotz einer Ankündigung des Oberbürgermeisters Jörg Enke bisher nie der Öffentlichkeit zugängig gemacht wurde.

Sie fordern immer unter Berufung auf den Planfeststellungsbeschluss die Gleichverteilung der Starts und Landungen auf beide Bahnen. Die Festlegung trägt doch eher empfehlenden Charakter.

Das ist falsch. Im PFB von 2004 ist die Gleichverteilung als Auflage enthalten und wurde den Leuten auch immer so verkauft. Auch Lärmberechnungen und Grenzwerte-Festlegungen gehen von der Gleichverteilung der Flüge aus. Wir wissen aber aus Dokumenten, dass Sachsen als Mehrheitseigner des Flughafens mit DHL eine Vereinbarung abgeschlossen hatte, die dem Unternehmen die 100-prozentige Nutzung der Südbahn zusagt. Was soll man davon halten als Bürger?

Wird mehr im Norden gestartet und gelandet, sind dort Anwohner betroffen.

Man kann die Bahnen im Tages- oder Wochenrhythmus wechselseitig nutzen und so für Lärmpausen sorgen, wie es jetzt zum Beispiel in Frankfurt/Main festgeschrieben ist. Außerdem wären im Vergleich von 150 000 betroffenen Leipzigern im Norden „nur“ 25 000 Menschen in dünn besiedelten Gebieten betroffen. Am Flughafen Hannover darf generell nachts nur die stadtferne Bahn genutzt werden. Die Verfahrensweise bei uns dient den wirtschaftlichen Interessen von DHL.

Zu Demonstrationen gegen Fluglärm kamen im Vergleich zu den immer genannten hohen Zahlen von Betroffenen nur sehr wenige Teilnehmer.

Unsere zwei BIs mit bis zu 20 Teilnehmern zu den monatlichen Treffen sind Teil eines BI-Netzwerkes, das bis in den Süden nach Markkleeberg, weiter nach Sachsen-Anhalt und bis in den Schkeuditzer Norden reicht. Insgesamt sind sehr viele Menschen im Raum Halle-Leipzig vom Nachtfluglärm betroffen, der nachweislich auch krank macht. Anfangs hatten wir über 4000 Teilnehmer bei Demos. Bei unseren Bürgerforen sind die Säle immer noch voll. Wenn man aber so gut wie nichts erreicht, dann macht sich Resignation breit. Ein, zwei Erfolge gab es immerhin.

Und die wären?

Durch unsere Präsenz wird die kurze Südabkurvung zumindest nicht nachts geflogen. Aber möglich wäre es, solange sie noch im Routenbuch steht. Und wir haben mit einer Anzeige erreicht, dass nachts Triebwerksprobeläufe nicht mehr außerhalb der dafür gebauten Halle stattfinden. Denn das ist die so ziemlich einzige nicht interpretierbare Regelung zum aktiven Lärmschutz, an die sich der Flughafen halten muss. Deshalb hat er ja ein Verfahren angestrengt, das für DHL zu ändern.

Sie und einige Mitstreiter machen in E-Mails und Newslettern Medien, Politiker, Behörden und Flughafen auf die Lärmsituation aufmerksam. So wird von „kriegsähnlichen Zuständen“ und „Lärm-Terror“ geschrieben. Halten Sie das angesichts von Bildern aus Aleppo oder nach dem Berlin-Attentat noch für moralisch vertretbar und Ihrer Sache dienlich?

Das ist nicht meine Sprache. Aber um überhaupt noch gehört zu werden und Aufmerksamkeit zu erzeugen, muss man zuspitzen in diesem Land, leider. Ich denke, hier unterscheiden wir uns wenig von so manchem Politiker. Wer acht Jahre und länger wie Don Quichotte gegen Windmühlen kämpft, erlebt, wie die Probleme und Forderungen durch Politiker und den Flughafen ignoriert und ausgesessen werden und dass man mangels Geldes keine Rechtsmittel mehr einlegen kann, dem platzt auch mal der Kragen.

Sie werden doch angehört, haben selbst schon beim Nachbarschaftstreffen im Flughafen vor dessen Geschäftsführung und zuletzt vor dem Leipziger Dialogforum die Probleme vorgetragen.

Aber das Ganze bewirkt nichts. Flughafen und DHL nehmen am Leipziger Flughafen-Dialogforum nur teil, weil es nicht mehr zu Beschlüssen zu möglichen Eingriffen oder Änderungen der Betriebsregelungen kommen soll. Es gab auch ein Gespräch mit Sachsens SPD-Wirtschaftsminister Martin Dulig vor seiner Wahl. Da versprach er, die Probleme anzugehen. Nach der Wahl sagte er uns, dass sich aus der Sicht eines Amtsinhabers die Dinge oft anders darstellen. So erzeugt man Frust bei Wählern, Politikverdrossenheit und eben auch drastische, wütende Formulierungen.

Dennoch, ist es nicht übertrieben und Angstmache, den Leipziger Airport als Militär-Flughafen zu bezeichnen, nur um für eigene Interessen zu werben?

Nein, wir machen auf eine reale Gefahr aufmerksam. Für Militärtransporte wie zuletzt nach Mali gibt es andere Flughäfen. Niemand will Vorfälle herbeireden, aber ein Militärflughafen ist anders gesichert als ein Zivilflughafen. So entsteht ein Sicherheitsrisiko, das ignoriert wird, nur damit der defizitäre Flughafen Einnahmen generieren kann. Wenn etwas passiert, ist die Bestürzung immer groß. Besser ist, vorzubeugen. Außerdem erzeugen diese Transporte mit teils altem Fluggerät auch mehr Lärm in der Nacht.

Der Flughafen und DHL schaffen Tausende Arbeitsplätze. Das sehen auch viele Leipziger und sind teils genervt von den Attacken der Fluglärmgegner. Die hätten sich doch nicht billig Grundstücke in Flughafen-Nähe kaufen müssen, heißt es.

Stehen hier, in Schkeuditz-Papitz oder anderswo nur neue Häuser? Nein! Jahrzehnte wohnen Menschen hier, auch als Nachbarn des Flughafens, aber nicht als Nachbarn eines europäischen DHL-Luftfrachtdrehkreuzes, das nur mit Nachtflügen sein Geschäftsmodell realisieren kann. DHL kann ich das nicht mal vorwerfen, die nutzen, was Politiker möglich machten. Arbeitsplätze sind wichtig, sie dürfenaber nicht immer als Totschlagargument benutzt werden, wenn es um andere berechtigte Interessen geht. In Brüssel hatten Politiker für ihre Bevölkerung wegen der Lärmbelastung bei DHL die Notbremse gezogen, hier haben Politiker DHL den roten Teppich ausgerollt – trotz Stadtnähe und absehbarer Folgen für die Anwohner.

Wie wollen Sie nun weiter vorgehen?

Ganz klar: Wir wollen den Flughafen nicht weg haben. Aber wir werden weiter für die Reduzierung des Nachtfluglärms, für die Abschaffung der kurzen Südabkurvung und die Einführung der gleichmäßigen Bahnverteilung kämpfen, uns juristischen Rat holen und gegebenenfalls erneut eine Petition einreichen. Wir schalten uns parteiunabhängig auch in die Bundestagswahl ein. Politiker müssen sich zu unseren Themen äußern und sich an ihren Aussagen messen lassen. Die BI ist für mich auch eine Art Demokratie.

Der Flughafen Leipzig/Halle feiert dieses Jahr seinen 90. Geburtstag. Gratulieren Sie? Und wenn ja: Was wünschen Sie?

Dem Flughafen als Institution kann ich gratulieren, aber nicht den Entscheidungsträgern, die haben einen Großteil der Bevölkerung nicht mitgenommen. Der Zivilflughafen ist zu beglückwünschen, dass es ihn noch gibt. Und seinem Management und den Anteilseignern, zu denen übrigens auch die Stadt Leipzig gehört, wünsche ich künftig ein besseres Händchen im Umgang mit den Fluglärm-Betroffenen. Auch im Interesse unserer Demokratie.

Von Olaf Barth

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