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Leipziger Forscher: Daueraufregung spielt Populisten in die Karten

Wahrheit und Demokratie Leipziger Forscher: Daueraufregung spielt Populisten in die Karten

Provokante Thesen stellt der Leipziger Nachhaltigkeitsforscher Felix Ekardt in seinem Buch „Kurzschluss“ zur Diskussion. Auch der politische Mainstream sollte Fehler eingestehen und seine Vereinfachungen überwinden, fordert der Grüne.

Im Leipziger OBM-Wahlkampf 2013 konnte sich Ekardt über prominente Unterstützung durch Renate Künast freuen.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.  „Kurzschluss“ heißt ein neues Buch des Leipzigers Felix Ekardt. Der Professor für Nachhaltigkeit und ehemalige Leipziger Oberbürgermeisterkandidat der Grünen stellt darin provokante Thesen über unsere Gesellschaft und ihre Entwicklung auf. Die LVZ sprach mit ihm.

Ihr Buch ist von pessimistischen Tönen geprägt. Gleich am Anfang attestieren Sie der Vernunft und der Demokratie, historisch seltene Ausnahmeerscheinungen zu sein. Die Zukunft der liberalen Demokratie sei „fraglich“, schreiben Sie. Das klingt sehr nach Endzeitstimmung. Ist das nicht ein bisschen übertrieben?

Historisch gesehen hat die Demokratie Seltenheitswert. Es gibt keine Demokratie, die bislang älter als rund 200 Jahre wurde; fast alle Demokratien sind jünger. Ob wir in Europa weiter demokratisch bleiben, hängt von vielen Bedingungen ab. Zum Beispiel ob wir bereit sind, die Komplexität in einer modernen ökonomisch-technischen Welt auszuhalten.

Sie fordern „zum Kampf gegen die einfachen Wahrheiten“ auf, um die Demokratie zu schützen. Nicht nur die viel gescholtenen „imaginären verblödeten Massen“ würden die Demokratie in Gefahr bringen, sondern auch „Weltverbesserer mit ihren intellektuell elaborierten Diskursen über diese und jede gesellschaftlich Problemlage“, schreiben Sie. Haben wir alle einen Sprung in der Schüssel?

Der menschliche Drang zu übergroßer Vereinfachung war in der Steinzeit sicher sinnvoll. Und aus dieser Zeit stammen unsere Gene – auch die der Intellektuellen. Bei Jägern und Sammlern war Unterkomplexität lebenserhaltend, heute ist sie lebensgefährlich.

Bislang dominiert die Vorstellung, einfache Wahrheiten seien eine Frage mangelnden Wissens. Deshalb seien die Wähler Trumps oder der AfD, die Befürworter des Brexits oder Erdogans eben nur einfach dumme weiße Männer...

Es stimmt keinesfalls, dass nur arme, oftmals weniger gebildete Globalisierungsverlierer für einen US-Präsidenten Donald Trump, die AfD oder für einen Brexit stimmen. Auch der politische Mainstream muss Fehler eingestehen und seine Vereinfachungen überwinden.

Aber es gibt doch auch einfache Wahrheiten.

Das mag so sein, in den meisten Fällen sind die Dinge allerdings doch komplizierter. Selbst dass alle Menschen sterblich sind, wird von einigen ambitionierten Forschern gerade zu ändern versucht. Sie wollen durch Zellreparaturen und Einsatz von Computern den Menschen unsterblich machen. Mit drastischen Folgen allerdings.

Wie sollten denn Diskurse zur Wahrheitssuche geführt werden?

Mit Respekt für Andersdenkende und gemeinsamer Suche nach differenzierten Lösungen.

Sie meinen, man sollte auch mit Populisten reden?

Wir brauchen inhaltliche Antworten und keinen Empörungsgestus. Deshalb müssen wir mit ihnen reden. Daueraufregung spielt Populisten in die Karten und lenkt von wichtigeren Themen ab.

Gibt es eine Pflicht zum Widerspruch, um der Vernunft und der Wahrheit zum Durchbruch zu helfen?

Wir brauchen dringend mehr Nachdenklichkeit, mehr Diskurse und mehr Differenzierung bei allen Themen. Hilfreich wäre auch, wenn die Politik den Bürgern viel umfassender als bisher reinen Wein einschenken würde. Zum Beispiel, dass unser Hunger nach Öl und fossilen Brennstoffen nicht nur das Klima ruiniert, sondern auch die Diktaturen im Nahen Osten stützt und damit den Nahostkonflikt und den Terrorismus am Laufen hält.

Sie beschäftigen sich auch mit dem extremistischen, häufig islamistisch motivierten Terror und seiner Bekämpfung. Es sei eine Gefahr, wenn die offene Gesellschaft darauf mit Toleranz reagiere, statt mit Sicherheitsmaßnahmen, schreiben Sie.

Weder mehr Polizei noch totale Toleranz lösen das Terrorproblem. Beides hält den Terror und den Trend zurück zum Nationalstaatsdenken nicht auf. Eine Strategie „Weg vom Öl“ und hin zu den erneuerbaren Energien, wie sie Gerhard Schröder schon 2005 propagiert hat, könnte dagegen Teil der Lösung sein.

In der Sozialpolitik machen Sie ebenfalls Vereinfachungstendenzen aus. Chancengleichheit und der Abbau jeglicher Diskriminierung bedeuten für Sie nicht per se, dass alle Nachteile vom Staat ausgeglichen werden müssen. Solche Nachteile müsse eine Gesellschaft aushalten, wenn sie Freiheit und Wohlstand wolle, schreiben Sie. Für einen Grünen sind das ungewöhnliche Aussagen.

Chancengleichheit sollte gestärkt werden, lässt sich aber nicht vollständig herstellen. Will man sie wirklich voll realisieren, müsste man angeborene Talente durch Strafsteuern zu Lasten der Begabten enteignen oder die Menschen sogar totalitär vereinheitlichen. Konkurrenz und Ungleichheit lassen sich nicht weitgehend abschaffen.

Sie schreiben von „degenerierten Eliten“ sowie von „Fassaden- oder Postdemokratien“. Ausgehöhlte Demokratien würden den Politikverdruss „nur noch weiter steigern“, ist zu lesen. Was meinen Sie damit?

Die meisten Staaten sind keine echten Demokratien, und auch bei uns geht es eher abwärts. Das liegt allerdings nicht allein an den Politikern, sondern wir alle entscheiden ja mit darüber, wer politische Macht hat. Aber auch Politiker neigen zu einfachen Wahrheiten: Angela Merkel will im Amt bleiben, deshalb bietet selbst sie als Mainstream-Politikerin zu stark vereinfachte Diagnosen und Lösungen an. Notwendig ist das Gegenteil: Wir müssen Komplexität aushalten und aufhören, Sündenböcke zu suchen.

Sie fordern mehr Demokratie in der Europäischen Union. Wie könnte das aussehen?

Wir brauchen mehr Demokratie in Europa statt Merkel-Alleingänge wie bei der Euro-Krise. Deutschland hat bisher massiv von der EU profitiert, aber machen wir weiter wie bisher, ist irgendwann Zahltag. Wir brauchen einen europäischen Wahlkampf mit europaweiten Listen, damit sich europaweit Meinungen und Mehrheiten bilden. Wir müssen die europäischen Probleme europäisch lösen und nicht durch Formelkompromisse nationaler Regierungschefs blockieren.

Der Leipziger Felix Ekardt, Jahrgang 1972, Jurist, Soziologe und Philosoph, ist Leiter der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin sowie Professor für öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Universität Rostock und Mitglied des Leibniz-Wissenschaftscampus Phosphorforschung Rostock. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Bedingungen sozialen Wandels sowie Politik, Recht und Ethik der Nachhaltigkeit, was auch Verfassungsfragen liberal-demokratischer Ordnungen einschließt. Ekardt ist mit regelmäßigen Beiträgen in Radio, Fernsehen und überregionalen Tageszeitungen vertreten. Er ist Politikberater zur Energie- und Klimawende und allgemein zu Nachhaltigkeitsthemen auf EU-, Bundes- und Landesebene, Mitglied in zahlreichen Kommissionen und hat mehrfach Vorträge gehalten auf den Weltkongressen der Rechtsphilosophen, der Rechtssoziologen, der Düngerforscher, der Nachhaltigkeitsforscher und auf dem Weltökosteuerkongress. Im Ehrenamt ist er Landesvorsitzender des BUND Sachsen.

Von Andreas Tappert

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