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Lokales Leipziger Geschichte(n): Generalkonsul Chiczewski warf einen Rettungsanker aus
Leipzig Lokales Leipziger Geschichte(n): Generalkonsul Chiczewski warf einen Rettungsanker aus
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01:00 26.10.2013
Jüdische Mitbürger im Garten des polnischen Konsulats in der Wächterstraße 32 am 28. Oktober 1938. Quelle: Archiv Held

Von den Nationalsozialisten als "Polenaktion" bezeichnet, handelte es sich um den Beginn einer forcierten Enteignungs- und Vertreibungspolitik im "Schicksalsjahr" 1938. Ausgangspunkt der Kollektivausweisung war ein am 31. März 1938 erlassenes Gesetz Polens, das vorsah, allen polnischen Staatsbürgern, die mehr als fünf Jahre im Ausland lebten, die Staatsangehörigkeit zu entziehen. Anfang Oktober folgte eine Regierungsverordnung, die alle außerhalb Polens lebenden Staatsbürger aufforderte, bis zum 30. des Monats ihre Pässe für einen Kontrollvermerk in den polnischen Konsulaten vorzulegen. Die Verordnung war nicht auf Juden beschränkt. Am 26. Oktober 1938 entschied Himmler, bis zum 29. Oktober möglichst viele polnische Juden aus Deutschland zu vertreiben. Am 27. Oktober ging auch im Polizeipräsidium in Leipzig die Anordnung ein, sofort alle polnischen Juden "in Abschiebehaft zu nehmen und unverzüglich nach der polnischen Grenze in Sammeltransporten abzuschieben". In Leipzig lebten knapp 3400 Juden polnischer Staatsangehörigkeit. Demnach war im Oktober 1938 jedes dritte Mitglied der Jüdischen Gemeinde polnischer Staatsbürger. Ein Teil lebte schon seit dem Kaiserreich in Leipzig, viele waren nach dem Ersten Weltkrieg gekommen, Kinder wurden hier geboren.

Im Polizeipräsidium in der Wächterstraße 5 hatte auch die Gestapo ihren Sitz und der Leiter der Staatspolizeistelle war gleichzeitig stellvertretender Polizeipräsident. An diesem Tag war er nicht anwesend. Zwischen Gestapo und Polizei begann ein Zuständigkeits- und Kompetenzgerangel. Zunächst wollte die Gestapo die Aktion leiten, überließ dann die Durchführung doch der Ordnungspolizei. So verging der Nachmittag und der Kommandeur der Ordnungspolizei entschied, am frühen Morgen des 28. Oktober mit den Verhaftungen zu beginnen.

Dagegen begannen noch am Abend des 27. Oktober Festnahmen in Dresden, Halle, Borna, Grimma und anderen Städten. In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages gelangten Gerüchte darüber nach Leipzig. Im polnischen Konsulat gingen erste Nachfragen ein. Noch war der Hintergrund der Verhaftungen nicht bekannt. Dann wurde es Gewissheit, die Verhafteten sollten nach Polen abgeschoben werden.

Unter den Juden wuchs die Angst. Wer ein Telefon hatte, informierte Familienangehörige, Freunde und Bekannte. Ein Flüchtlingsstrom zum polnischen Konsulat in der Wächterstraße 32 setzte ein. Für die Leipziger Taxifahrer war es das Geschäft des Jahres, denn viele nahmen ein Taxi, um nicht auf der Straße oder in der Straßenbahn verhaftet zu werden. Bis zum Mittag trafen etwa 1300 Juden im Konsulat ein, darunter auch aus anderen Städten.

Am 26. Oktober 1938 hatte der polnische Generalkonsul in Leipzig, Feliks Chiczewski, an den polnischen Botschafter in Berlin über die Zuspitzung der Judenverfolgung berichtet. Er nannte es einen "Krieg, den die nationalsozialistische Partei den Juden erklärt hat", der mit der "völligen Vernichtung der Juden enden" muss. Aber Polen könnte zum Rettungsanker für Juden werden.

Kurz darauf war es Chiczewski selbst, der einen Rettungsanker für die gefährdeten Polen auswarf. Angesichts des Flüchtlingsstroms wollte die Gestapo die Zufahrtsstraßen zum Konsulatsgebäude absperren, was aber vom Kommandeur der Ordnungspolizei abgelehnt wurde. Die Juden polnischer Staatsangehörigkeit, die in ihren Wohnungen von der Verhaftungsaktion überrascht wurden, transportierte die Polizei zum Hauptbahnhof. Mit vier Sonderzügen, die zwischen 8 und 20 Uhr abfuhren, kamen sie nach Beuthen und wurden von Polizei und SS mit Waffengewalt über die Grenze getrieben.

Die Jüdische Gemeinde hatte auf dem Hauptbahnhof einen Hilfsdienst organisiert, versorgte die Verhafteten mit Lebensmitteln. Mehrere der Unglücklichen, die schon in den zur Abfahrt bereitstehenden Zügen festsaßen, gelang es, noch frei zu kommen. Die Juden aus dem Konsulat konnten am 29. Oktober unbehelligt nach Hause gehen

Die NS-Führung zog aus der "Polenaktion" die Konsequenz, dass die Ordnungspolizei für die Durchführung solcher Maßnahmen ungeeignet war. Der Leiter der Leipziger Gestapo wurde abgelöst. Die Gestapo ließ in ihrem Vorgehen gegen die Juden keine menschlichen Regungen mehr zu. Die Handlungsweise des Generalkonsuls Chiczewski während der "Polenaktion" war einzigartig in Deutschland.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.10.2013

Steffen Held

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