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Lokales Leipziger Grassi Museum zeigt bis zum 31. März die Stimmenvielfalt von Kinshasa
Leipzig Lokales Leipziger Grassi Museum zeigt bis zum 31. März die Stimmenvielfalt von Kinshasa
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17:34 07.12.2018
Nanette Snoep ließ Freddy Tsimba (3.v.l.) und Eddy Ekete (4.v.l.) bei der Ausstellung freie Hand. Sie luden Künstler wie Dolet Malalu (links) aus dem Kongo ein, deren Werke das Grassi Museum für Völkerkunde aktuell zeigt. Quelle: Fotos: André Kempner
Leipzig

Verkehrslärm ist zu hören, aber auch lebensfrohe Musik: Eine Sonderausstellung entführt die Besucher des Grassi Museums für Völkerkunde noch bis Ende März nach Afrika – auf die Straßen von Kinshasa. Mit mehr als zwölf Millionen Einwohnern ist sie die drittgrößte Megacity auf dem afrikanischen Kontinent.

Gleich am Eingang fängt eine kugelförmige Installation den Blick. Beim genauen Hinsehen fällt auf: Sie ist aus den Oberseiten von Getränkedosen zusammengesetzt. Das Werk nennt sich „Kinshasa: Satellit“, sagt Serge Diakota. Er wurde 1988 in Kalemie, einer Stadt im Osten des Kongo, geboren. Jetzt lebt er in Kinshasa. „Ich habe das für die Stadt Kinshasa gemacht, die ich als meinen kleinen Planeten wahrnehme. Sie hat einen ganz speziellen Charakter. Die Leute nehmen Kinshasa als eigenes Land wahr, dabei ist es eigentlich nur eine Stadt.“ Aber ihre Vielfältigkeit und der Einfallsreichtum ihrer Bewohner mache sie zu etwas Besonderem, sagt der Maler, Bildhauer und Fotograf. „Das ist auch eine Grundidee der Ausstellung ‚Megalopolis – Stimmen aus Kinshasa’, dass die Künstlerinnen und Künstler, die hier vertreten sind, eine Stimme bekommen“, erklärt er. Jeder solle sich ausdrücken und sein ganz eigenes Leben darstellen.

Noch bis zum 31. März widmet sich eine Sonderausstellung im Leipziger Grassi Museum für Völkerkunde der Hauptstadt des Kongo Kinshasa. LVZ.de zeigt eine kleine Auswahl der 24 Künstler und ihrer Werke, die Besucher dort erwarten.

„Es ist eine Ausstellung, die wir im Grunde in drei Monaten geschaffen haben“, sagt Nanette Snoep, Direktorin des Völkerkundemuseums, und verweist zugleich auf die anderthalb Jahre, die es an bürokratischer Vorarbeit gegeben habe, um neben den Werken zumindest acht der Künstler aus dem Kongo nach Deutschland zu holen. Der „monatelange Kampf“, das Ringen um Einreisevisa zeige, wie schwierig es sei, „um mit Akademikern, Künstlern und Intellektuellen aus Afrika wirklich auf Augenhöhe zu arbeiten – da wir sofort dieses Einreiseproblem hatten“, erzählt sie.

Um diese Augenhöhe geht es in der Ausstellung. Diese sei nicht nur ein Rundgang durch die Geschichte des Kongo, sondern auch die damit verknüpfte Kolonialgeschichte der Europäer. Dank der kann das Museum auch 21 historische Objekte beitragen. Bei den Stücken steht zur Frage, ob sie hierher gehören. „Wer könnte besser über die Rückgabe dieser Kunst- und Kultgegenstände sprechen als die Nachfahren selbst? Deshalb haben wir eine Carte blanche gegeben“, erklärt Snoep. Mit „unbeschränkter Vollmacht“ ließe sich das übersetzen. Die Künstler Eddy Ekete und Freddy Tsimba, beide in Kinshasa geboren, hatten also beim Kuratieren der neuen Ausstellung freie Hand – für das Grassi Museum ein Experiment. Nicht nur die Deutungshoheit wollte Direktorin Snoep abgeben, sondern symbolisch auch Raum.

Zum Thema: Mehr Ausstellungen und News aus den Leipziger Museen!

In diesem Raum treffe nun die europäische Verwaltungspraxis mit ihren Paragrafen und Anträgen auf den Artikel 15 Kinshasas. Der ist eine überlieferte Legende und besagt nicht weniger als: „Sehen Sie zu, wie sie zurecht kommen!“ oder salopper gesagt: „Schlagt euch durch, behelft euch selbst!“ (Débrouillez vous!) Ein Lebensmotto, dass die Stadt Kinshasa eint und sich auch in den Werken der Künstler, Performer, Schriftsteller, Videokünstler Fotografen, Maler und Bildhauer wiederfindet. Ein Leitmotiv.

Ein anderes ist die koloniale Vergangenheit: So gibt es ein gemeines Werk. Die „Restitution Box“, in die Besucher eintreten können. Dort sind die Gegenstände, die sich im Museumsbesitz befinden, an den Wänden abgebildet. Die eingespielten Stimmen aller Künstler fordern, die Rückgabe dieser Gegenstände. „Das ist sehr wichtig für uns, viele Kinder haben im Kongo gar keine Verbindung mehr zu ihrer eigenen Geschichte und diesen Objekten. Deswegen fordern wir gemeinsam als Gruppe die Rückgabe“, sagt Freddy Tsimba, auch wenn es dafür keine konkreten Pläne gebe. „Eines Tages wird das passieren, denn diese Objekte, diese Kunst wurde nicht geschenkt, sondern gewaltsam entwendet. Selbst wenn es erst in 50 oder 300 Jahren ist.“

Öffnungszeiten des Grassi Museums für Völkerkunde: Täglich 10 bis 18 Uhr, montags geschlossen. Am 5. Dezember ist freier Mittwoch und Familientag.

Von Manuel Niemann

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