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Leipziger Grube-Halle wird ab Freitag 500 Flüchtlinge aufnehmen

Asylpolitik Leipziger Grube-Halle wird ab Freitag 500 Flüchtlinge aufnehmen

Die Grube-Halle auf dem Sportcampus der Uni Leipzig wird zum kommenden Wochenende in eine temporäre Flüchtlingsunterkunft umgewandelt. Am Mittwochmorgen haben Vertreter von Landesdirektion und Hochschule das Areal begutachtet, danach wurde entschieden: Die Halle taugt zur Unterbringung.

Blick in die Grube-Halle auf dem Leipziger Uni-Sportcampus.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Seit Montag wurde an der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig heftig spekuliert, jetzt ist es amtlich: Die Ernst-Grube-Halle wird eine neue Interimsunterkunft für Flüchtlinge. Das bestätigte am Mittag Holm Felber, Sprecher der Landesdirektion in Chemnitz. Am Vormittag haben sich Vertreter von Land und Universität noch einmal rund zwei Stunden ein Bild vor Ort gemacht. Danach stand fest, die Fluchtwege stimmen, das Areal reicht aus.

Derzeit, so Felber, werden Gespräche mit dem künftigen Betreiber geführt, was noch benötigt wird und wann ein Bezug möglich ist. „Klar ist aber, wir brauchen die Kapazitäten spätestens am kommenden Wochenende“, so Felber gegenüber LVZ.de. Bereits am Freitag sollen die ersten Bewohner anreisen, schrittweise soll die Zahl der Untergebrachten dann auf 500 erhöht werden. Bis zum Ende der Woche werde auch das gerade eröffnete Quartier in der Leipziger Friederikenstraße komplett belegt sein. "Wir müssen an dieser Stelle helfen, denn es handelt sich hier um eine Notsituation", sagte Uni-Rektorin Beate Schücking.

Die Ernst-Grube-Halle wird am Freitag zur Interimsunterkunft für Asylbewerber. Das Gebäude auf dem Sportcampus der Uni Leipzig soll bis zu 600 Flüchtlinge aufnehmen. Fotos: Dirk Knofe

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Ulbig: Entscheidung ist "unumgänglich"

Obwohl durch die Nutzung der Uni- und Vereinssport enorm beeinträchtigt werden, verteidigt Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) die Entscheidung. "Angesichts weiter steigender Asylbewerberzahlen ist die Nutzung der Grube-Halle insbesondere in der laufenden vorlesungsfreien Zeit unumgänglich. Wir vermeiden damit eine Unterbringung in Zelten oder gar die Obdachlosigkeit von Menschen, die hierher kommen und Schutz suchen", macht er gegenüber der LVZ klar. Die Menschen sollten vor dem Frost ein Dach über dem Kopf haben, sagt der Minister mit Blick auf die Zeltstadt in Dresden. "Gleichzeitig verlangen wir den Studenten, Forschern und Sportlern einiges ab. Ich bin der Universität Leipzig dankbar für die Kooperation. Alle Hebel werden in Bewegung gesetzt, um die Einschränkungen so gering wie möglich zu halten und Alternativen zu suchen."

Der denkmalgeschützte Turnsaal bietet eine Fläche von allerdings nur rund 2400 Quadratmetern. Nach Sächsischer Verwaltungsvorschrift (VwV-Unterbringung) sollen Bewohnern mindestens sechs Quadratmeter zur Verfügung stehen. Abzüglich der Fluchtwege könnten hier eigentlich nur 300 bis 400 Personen einziehen. Es handele sich aber um eine Ausnahmelage, da müssten Abstriche gemacht werden, heißt es aus der Landesdirektion.

Die Ernst-Grube-Halle an der Jahnallee wird zunächst bis Mitte Oktober eine Unterkunft für Flüchtlinge.

Die Ernst-Grube-Halle an der Jahnallee wird zunächst bis Mitte Oktober eine Unterkunft für Flüchtlinge.

Quelle: Dirk Knofe

Knackpunkt der aktuellen Beratungen sind nach LVZ-Informationen darüber hinaus auch die sanitären Anlagen. Die Grube-Halle verfügt nur über wenige Toiletten. Deshalb müssen voraussichtlich vor dem Gebäude noch Sanitärcontainer für die Bewohner aufgebaut werden. Die Verwaltungsvorschrift sieht ein Waschbecken für fünf und eine Dusche für zehn Menschen vor. Geklärt werden muss auch noch die Verpflegung der Flüchtlinge und ihr Schutz.

Die Unterbringung sei eine Interimslösung, heißt es aus Dresden. Angedacht sei zunächst eine Unterbringung bis Mitte Oktober. „Die Zahl der Asylbewerber ist allerdings derzeit groß und man muss sich von der Vorstellung verabschieden, dass sich dies zeitnah ändern wird“, sagte Felber.

Studenten brauchen Halle im Oktober

Wenn das Wintersemester beginne und die Flüchtlinge dann noch immer in der Halle seien, werde sich die Situation für die Universität grundlegend ändern. Mit Aufnahme des Studienbetriebes Mitte Oktober werde die Halle für den Lehrbetrieb benötigt, betonte Schücking.

Der Studentenrat (Stura) warnt vor Zuständen wie in der Zeltstadt in Dresden. Dort sei die Infrastruktur nur durch das Engegement von vielen Freiwilligen vor dem Zusammenbruch gerettet worden. "Dies gilt es von Anfang an zu verhindern, sodass sich nicht haltbare humanitäre Missstände nicht noch einmal wiederholen", teilte der Stura am Mittwoch mit. Marcus Adler, Referent für Antirassismus appellierte: "Wir bitten alle Studierenden sowie die in der Sporthalle trainierenden und Wettkämpfe austragenden Vereine sich der Situation anzunehmen und Hilfe vor Ort zu leisten, wenn diese benötigt wird.“

JCL-Präsident: Umzug bedeutet für uns Verluste

Für die Universität bedeutet die neue Unterkunft schon jetzt deutliche Einschränkungen. In der vorlesungsfreien Zeit nutzen Nachwuchswissenschaftler die Anlage für die Forschung, auch Prüfungsvorbereitung und Vereinssport finde statt. Laut Martin Busse, Dekan der Sportwissenschaftlichen Fakultät, ist die Halle derzeit 54 Stunden in der Woche belegt. Nach Informationen von LVZ.de sucht der Sächsische Staatsbetrieb für Immobilien- und Baumanagement (SIB) nach Ausweichlösungen in der Stadt. Das Problem: In den kommunalen Turnhallen ist die Kapazität bereitst nahezu ausgereizt. "Alle Belegungszeiten sind vergeben", sagte Stadtsprecher Matthias Hasberg. 

Unklar ist auch, was aus den Büros von zwei Instituten der Sportwissenschaftlichen Fakultät in den beiden oberen Etagen der Grube-Halle wird. Angedacht ist ein Umzug in die benachbarte Handelshochschule.

Betroffen sind auch mehrere Sportvereine. So wollte der Judoclub Leipzig sein Playoff-Viertelfinale in der 1. Bundesliga am 5. September gegen den Hamburger JT austragen. „Das Sportamt hat mir nun die kleine Arena angeboten, obwohl die wegen der Landesjugendspiele eigentlich belegt ist. Für uns ist dies mit einem Verlust verbunden. In der Grube-Halle hatten wir in so einem Playoff-Kampf mit 1200 Zuschauern gerechnet, in die kleine Arena passen nur 300 Leute rein. Ich empfinde es als Irrsinn, eine solche Sporthalle als Betten-Quartier zu nutzen“, sagte JCL-Präsident Matthias Kiefer.

Und auch beim Zweitligist L.E. Volleys herrscht Unverständnis: "So kurz vor dem Punktspielstart ist eine komplette Verunsicherung da. Es war ja für uns ohnehin schwierig, den Spielplan zu erstellen, weil ja auch die Brüderstraße noch nicht wieder zur Verfügung steht. Ich verstehe aber insgesamt das Thema nicht. Es gibt sicher bessere Unterbringungsmöglichkeiten als Sporthallen", meinte Präsident Manfred Wiesinger.

Heiko Marx, Geschäftsführer Rehasport Leipzig: "Wir fühlen uns überrumpelt, unsere Sportler werden vor die Tür gesetzt. Behindertengerechte Hallen und das dazugehörende Umfeld sind sowieso rar gesät."

Stadtrat Zenker: Sollten alles tun, um den Flüchtlingen zu helfen

In der Leipziger Politik und Stadtverwaltung waren die Überlegungen der Landesregierung bis zum Dienstagabend noch völlig unbekannt. "Uns erreichte um 19.46 Uhr eine Mitteilung mit drei Sätzen", sagte Hasberg. Gesprochen habe mit der Kommune bisher aber niemand. Auch die Universität hat nach Angaben einer Sprecherin zur gleichen Zeit erst offiziell von den Plänen erfahren.

„Wir sind alle vom Vorhaben überrascht worden. Das ist schon völlig unverständlich und spricht für ein kopfloses Agieren des Innerministeriums“, sagte Christopher Zenker (SPD), Vorsitzender des Sportausschusses im Stadtrat. Nun zählen allerdings auch Taten: „Wir stellen uns natürlich der Verantwortung und sollten nun alles dafür tun, um den Flüchtlingen zu helfen, auch wenn ich eine Unterbringung in Turnhallen für denkbar ungünstig halte. Ich hoffe es werden schnellstmöglich menschenwürdige Alternativen durch den Freistaat geschafften“, so Zenker.

Für den Vereins- und Universitätssport werde die Interimsunterbringung Engpässe mit sich bringen, findet auch Zenker. Betroffene müssten enger zusammenrücken. „Wir werden und müssen nach Lösungen suchen, erwarten aber vom Innenministerium auch Unterstützung für die betroffenen Vereine, um bei privaten Betreibern Hallenzeiten anmieten zu können“, so der Sozialdemokrat am Mittwoch.

Nach Angaben der Landesdirektion hat der Freistaat im ersten Halbjahr 2015 rund 10.500 Asylbewer­bern neu aufgenommen, im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 3800. In den vergangenen Wochen habe sich die Dynamik noch einmal deut­lich erhöht. Allein im Juli kamen mehr als 4.000 neue Asylbewerber nach Sachsen, hieß es am Mittwoch in einer Mitteilung. Täglich erreichen derzeit rund 200 bis 300 neue Flüchtlinge den Freistaat.

Matthias Roth / Matthias Puppe / Frank Schober / Andreas Debski / Kerstin Förster

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