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Leipziger Herzspezialisten: „Wir wollen die großen Fußstapfen ausfüllen“

Interview Leipziger Herzspezialisten: „Wir wollen die großen Fußstapfen ausfüllen“

Der Münster-Tatort hat Boerne und Thiel, das Herzzentrum Leipzig hat ab sofort Borger und Thiele. Bevor die zwei Herzspezialisten Michael A. Borger und Holger Thiele ihre Antrittsvorlesungen halten, erzählen sie im Interview über ihre Pläne, den Unterschied zwischen New York und Leipzig, und was sie mit dem Tatort-Duo verbindet.

Nachfolger von Friedrich-Wilhelm Mohr und Gerhard Schuler: Michael A. Borger und Holger Thiele (von links).

Quelle: Andre Kempner

Leipzig. Sie sind in Leipzigs Herzzentrum keine Unbekannten, haben hier bereits jahrelang als Ärzte und Forscher gearbeitet. Zuletzt jedoch wirkte der kanadische Herzchirurg Michael A. Borger in New York. Der in Berlin geborene Kardiologe Holger Thiele war Klinikdirektor am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck – bis sie vergangenes Jahr beide nach Leipzig zurückkehrten, um die Nachfolge von Friedrich-Wilhelm Mohr und Gerhard Schuler anzutreten, die seit 2017 im Ruhestand sind. Kurz bevor Spezialisten am Wochenende zu einem international besetzten Herzkongress nach Leipzig reisen, halten Borger und Thiele am Mittwoch im Hörsaal des Herzzentrums ihre offiziellen Antrittsvorlesungen.

Im Münsteraner TV-„Tatort“ ermitteln  Boerne und Thiel. Nun haben wir in Leipzig Borger und Thiele. Ein gutes Omen?

Holger Thiele: Es sind doch die beliebtesten „Tatort“-Kommissare, oder? In der Hinsicht darf das bei uns natürlich gern auch so werden. Aber hoffentlich mit etwas weniger Slapstick (lacht).

Michael A. Borger: Ich kenne zwar den „Tatort“, aber das Duo ehrlich gesagt nicht.

Thiele (zu Borger): Boerne ist Rechtsmediziner, Thiel ist ein Kommissar im FC-St.-Pauli-T-Shirt.

Borger: In einem St.-Pauli-T-Shirt habe ich dich noch nie gesehen ...

Thiele: ... ich hab’ ein Hertha-Trikot!

In Ihren Antrittsvorlesungen werden Sie vermutlich weder über Fußball noch Mordfälle sprechen. Um was geht es?

Borger: Die Herzchirurgie steckt momentan in einem Wandel. Bei unseren Eingriffen öffnen wir künftig kaum noch konventionell den Brustkorb, sondern operieren entweder minimalinvasiv oder per Transkatheter-Verfahren. Wir sind am Herzzentrum mit diesen Techniken bestens vertraut, aber sie sind für junge Chirurgen und Assistenzärzte trotzdem eine Herausforderung. Ich werde darüber reden, wie wir mit diesen schonenden Verfahren unsere Patienten am Besten versorgen.

Thiele: Einer meiner Forschungsschwerpunkte betrifft den akuten Herzinfarkt, insbesondere die Komplikationen, die dabei auftreten können. Der sogenannte kardiogene Schock birgt momentan das höchste Sterberisiko. Bei zehn Prozent der Herzinfarkte wird dieser Schock ausgelöst, und wenn das passiert, verstirbt jeder Zweite daran. Wir haben sowohl am Herzzentrum als auch vorher in Lübeck sehr viel dazu geforscht, unter anderem die beiden größten randomisierten Studien – per Zufall zugeordnet – verwirklicht. Dass wir sie im New England Journal of Medicine, dem wichtigsten medizinischen Fachorgan, publizieren durften, kommt einem akademischen Ritterschlag gleich. Wissenschaftlich liegt trotzdem noch viel Arbeit vor uns. Was dafür getan werden muss, werde ich in meinem Antrittsvortrag skizzieren.

Sie stehen als deren Schüler in der Tradition
Ihrer Vorgänger, der Professoren Mohr und Schuler
. Welche neuen Akzente wollen Sie am Herzzentrum setzen?

Borger: Professor Mohr ist für mich wirklich ein Mentor, Wegbereiter, und ich bin sehr stolz zu sagen, dass er auch mein Freund ist. Ich habe von ihm unheimlich viel gelernt. Nicht nur im OP, vor allem außerhalb: Wie man menschlich miteinander umgeht. Das Herzzentrum hat einen sehr guten internationalen Ruf als Innovationszentrum. Dass Leipzig weiter methodisch innovativ herausragt, ist mein großes Ziel. Die Fußstapfen sind riesig. Herr Mohr hat mich enorm beeinflusst – nicht zuletzt hat er mir vor 16 Jahren meine Frau vorgestellt.

Thiele: Wir wollen die großen Fußstapfen unserer Vorgänger ausfüllen und das Herzzentrum weiterentwickeln: im Bezug auf die beste Patientenversorgung, aber auch wissenschaftlich-akademisch. Das Herzzentrum bietet dafür die besten Voraussetzungen. Dazu gehören die Infrastruktur mit den Forschungslaboren und der Nähe zum Leipzig Heart Institute, die internationale Vernetzung und Wahrnehmung unserer Arbeit. Auf Kongressen sagen die Kollegen immer: Das Herzzentrum Leipzig scheint. Das soll es auch weiter tun.

„Ich steh’ gar nicht so auf Baseball, RB Leipzig begeistert mich mehr“

Die Columbia University, an der Sie, Herr Borger, gearbeitet haben, ist fußläufig vom Trump Tower entfernt. Hat Ihnen die Präsidentschaft des Namensgebers den Abschied aus New York  erleichtert?

Borger: Interessanterweise hat sich die Leipziger Berufungskommission an dem Tag für mich entschieden, als Donald Trump  sein Amt antrat. Was soll ich sagen? Das war der beste Anruf meines Lebens. Es war immer mein Ziel, nach Leipzig zurückzukehren. Dass es mir gelingen würde, war kein Selbstläufer. New York ist natürlich eine tolle Stadt. Aber Leipzig bietet aus meiner Sicht langfristig mehr Lebensqualität, vor allem mit kleinen Kindern. In meiner letzten Woche habe ich den Präsidenten der Yankees operiert und als Dank lebenslangen freien Eintritt ins Stadion bekommen. Aber ich steh’ gar nicht so auf Baseball, RB Leipzig begeistert mich mehr.

Leipzig hat nicht nur konkurrierende Fußballklubs, sondern auch mehrere Herzkliniken. Wie sehen Sie ihr Verhältnis zur Universität?

Thiele: Das ist eher keine Konkurrenz, sondern ergänzt sich. Wir versorgen deutlich mehr Patienten mit einem breiten und anderen Krankheitsspektrum, auch wissenschaftlich beackern wir verschiedene Felder. Unsere Aufgabe ist es, Anknüpfungspunkte zu finden, die uns gemeinsam voranbringen. Wir feilen mit der Uniklinik an einem größeren gemeinsamen Forschungsantrag.

Borger: Dabei hilft, dass wir auch menschlich sehr gut mit den Kollegen können. Es ist nicht so wichtig, ob etwas aus der Liebigstraße oder Strümpellstraße kommt. Es geht um einen starken Standort Leipzig.

Werden Sie sich so auch auf der
Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie
präsentieren, der am Wochenende auf der Leipziger Messe beginnt?

Borger: Da geht es vor allem um den interdisziplinären Wissenschaftsaustausch, den wir ja in Leipzig dank Professor Mohr und Professor Schuler schon lange pflegen. Viele Herzpatienten werden von ihrem Arzt nur in eine Richtung behandelt. Man sagt immer, dass sich die Menge des medizinischen Wissens alle fünf bis zehn Jahre verdoppelt. Dass das ein einzelner Arzt alles parat hat, gibt es nicht mehr. Daher brauchen wir die Zusammenarbeit, wie wir sie am Herzzentrum pflegen.

Thiele: Es geht tatsächlich vor allem um die Kooperation der Disziplinen. Und eine Woche später organisieren wir mit den zehnten Deutschen Kardiodiagnostiktagen in der Kongresshalle am Zoo ja bereits das nächste hochkarätige Treffen! Ohne die Bildgebung könnten wir viele unserer Ideen nicht verwirklichen. Ohne Bildgebung wüssten wir nicht, wo wir reingehen, welche Zugangswege wir machen, wie groß die Herzklappe sein soll.

450 Betten, 40 000 Patienten

Michael A. Borger (50) leitet seit Juni 2017 am Herzzentrum die Universitätsklinik für Herzchirurgie. Er war dort bereits zwischen 2006 und 2014 tätig und wechselte im Anschluss an die Columbia University in New York.

Holger Thiele (49) ist im September als neuer Direktor der Universitätsklinik für Kardiologie und Helios-Stiftungsprofessor nach Leipzig zurückgekehrt. Er hatte schon von 1997 bis 2013 am Herzzentrum gearbeitet. Zwischenzeitlich war er Klinikdirektor in Lübeck. Für die Europäische Gesellschaft der Kardiologie entwickelt Thiele momentan als Vorsitzender eines international besetzten Teams neue medizinische Leitlinien für ärztliches Handeln bei einem akuten Infarkt.

Das Herzzentrum Leipzig , gegründet 1994, gehört seit 2014 vollständig der Helios Kliniken GmbH. Mit rund 1450 Mitarbeitern und einer Kapazität von 450 Betten wurden 2017 mehr als 40 000 Patienten betreut. Seit Januar ist das Herzzentrum als „überregionales Kompetenzzentrum zur Behandlung von Herzschwäche“ zertifiziert. Die Fachverbände sehen es als erwiesen an, dass die Zusammenarbeit von Herzchirurgen, Kardiologen und Rhythmologen am Herzzentrum eine individualisierte Behandlung wie an nur wenigen anderen Standorten ermöglicht.

Ihre Antrittsvorlesungen halten Borger und Thiele am Mittwoch, 16.30 Uhr, im Hörsaal des Herzzentrums. Zur 47. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie werden von Samstag bis Dienstag rund 2000 Herzspezialisten auf der Neuen Messe erwartet.

www.herzzentrum-leipzig.de

Von Mathias Wöbking

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