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Leipziger Kasernenviertel mausert sich zu schicker Wohnadresse

Gohlis und Möckern Leipziger Kasernenviertel mausert sich zu schicker Wohnadresse

Leipzigs neuer „Stadtteil“ beeindruckt und wächst weiter – dank privater Investoren wandelt sich das Kasernenviertel in Gohlis-Nord und Möckern zu einer der schicksten Wohnadressen in der Pleißestadt.

Das Kasernengelände wird zur guten Adresse.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Als die Soldaten abzogen, kamen Leerstand und Verfall. Bröckelnde Mauern, rostende Stahlträger und wucherndes Gestrüpp – lange nagte der Zahn der Zeit an den gigantischen Kasernen, die ab 1875 in Leipzigs Norden errichtet worden. Heute wird nur noch die General-Olbricht-Kaserne militärisch genutzt, vielerorts hingegen schreitet in Gohlis-Nord und Möckern der Umbau zum zivilen Quartier voran. Aus dem gründerzeitlich geprägten Ensemble ist ein lebendiger Top-Standort geworden, der neugierige Blicke auf sich zieht.

Denn nördlich des S-Bahn-Bogens erstrahlen bereits viele Denkmalbauten in altem Glanz. Als Zeugnis einer über 100-jährigen Militärtradition verbinden sie historisches Gewand mit modernem Innenleben. Entlang der Olbrichtstraße (ehemals: Heerstraße) schlägt der Puls der Zeit, peu à peu sollen hier in feiner Lage etwa 1200 Wohnungen, nebst Büros und kleinen Geschäften entstehen – so der finale Plan. „Eine positive Entwicklung“, findet Alfred E. Otto Paul, der für die Eventagentur „Leipzig Details“ regelmäßig Führungen durch Sachsens zweitgrößte Militäranlage anbietet.

„Dass vieles wieder original aufgebaut wird, dahinter steckt eine ganz große Leistung, um die Kasernenstadt zu erhalten“, lobt er. „Sie wäre sonst dem Ende geweiht.“ Wir stellen die Pläne für das neue Quartier vor.

Prinz-Georg-Kaserne

Die Prinz-Georg-Kaserne (später: König-Georg-Kaserne), 1875 bis 1877 in Möckern errichtet, markiert den ältesten Standort des Viertels. Der Kasernen-Bau war ein Novum, denn eigentlich garantierte über Jahrhunderte hinweg ein kurfürstliches Privileg den Leipzigern eine truppenfreie Stadt, so Alfred E. Otto Paul. Nur in der Pleißenburg, die heute an der Stelle des Neuen Rathauses steht, durften Soldaten stationiert werden.

Ein heftiger Zwist zwischen Stadtoberen und Sachsens Kriegsministerium besiegelte Mitte des 19. Jahrhunderts schließlich das Ende dieser Friedenstradition. Leipzig entwickelte sich zur Garnisonsstadt, etappenweise wächst um die Jahrhundertwende in den Dörfern Möckern und Gohlis ein gewaltiger Militärkomplex mit zeitweilig bis zu 8000 stationierten Soldaten heran.

Das 345 Meter lange Hauptgebäude an der Georg-Schumann-Straße (bis 1928 Hallesche Straße) nimmt das Infanterieregiment aus der Pleißenburg auf. 1991 schließt die Bundeswehr die Kaserne. Der Exerzierplatz ist heute ein Park, das prächtige Haupthaus beherbergt die Deutsche Rentenversicherung, zudem steht seit 1997 auf dem Areal der Neubau des Leipziger Arbeitsamtes.

Kaisergärten

Kaisergärten – der Name verwirrt gelegentlich. „Der deutsche Kaiser ist in Wirklichkeit nie hier gewesen“, sagt Alfred E. Otto Paul. Doch das 2,7 Hektar große Gelände samt herrschaftlichem Park wirkt fürstlich. 150 zusätzliche Wohnungen für die Messestadt sind zwischen 2008 und 2010 hinter rotem Backstein-Mauerwerk entstanden und teilweise von Mietern bezogen.

Die ehemaligen Kaisergärten.

Die ehemaligen Kaisergärten.

Quelle: Dirk Knofe

Heute erinnert bei dem Gründerzeitjuwel nur wenig an das, was die Kaisergärten einmal waren: das Bekleidungsamt des sächsischen Militärs, gebaut zwischen 1880 und 1902. Später, so seien sich Experten einig, war hier vermutlich die zentrale Feldpost der Sowjetstreitkräfte einquartiert, berichtet Paul. Rund 27 Millionen investierte der damalige Projektleiter Licon in die Sanierung der sieben Gebäude und des Kesselhauses, ließ den Garten und die Tiefgarage anlegen. Im November vorigen Jahres meldete das Leipziger Unternehmen, das sich auch für das benachbarte Quartier Siebengrün verantwortlich zeigt, Insolvenz an.

Quartier Siebengrün

Der letzte Fahnenappell liegt acht Jahre zurück. 2007 erwarb das Bauunternehmen Licon die kurz zuvor aufgegebene Theodor-Körner-Kaserne zwischen Viertelsweg und Tresckowstraße von der Bundeswehr. Und fand für das Neun-Hektar-Areal eine neue Bestimmung – 300 Wohnungen für 2000 Menschen sollten entstehen. Die künstlich angelegte Seenplatte im Herzen des Areals erinnert ein wenig an einen Ferienpark mitten in der Großstadt. „Jede Zeit hat ihre Architektur, ich finde die Umsetzung ganz gut gelungen“, sagt Alfred E. Otto Paul.

Zwischen dutzenden gelben Kasernenbauten – 1901 von der Artillerie genutzt, denkmalgerecht saniert und zu Reihenhäusern umgebaut – füllen moderne Seevillen und Stadthäuser als Kontrast rings um die Teichlandschaft die Lücken auf. Sieben verschiedene Haustypen geben dem Quartier seinen Namen. 2012 zählte die bis dahin 74 Millionen Euro teure Siedlung rund 800 Bewohner. 2014 sollte sie vollendet sein, kurz vorm Finale meldete der Leipziger Bauträger Licon im vorigen November Insolvenz an. „Weiterhin sind die noch nicht fertig gestellten Gebäude an verschiedene Eigentümer verkauft“, teilt nun Jens Müller, Geschäftsführer USM Bau Projekt GmbH mit. Das Unternehmen koordiniert die Fertigstellung von Stadthaus 11, einem Neubau auf dem Areal, bestehend aus vier Reihenhäusern.

Sorgenkind bleibt nach dem Eigentümerwechsel das Stabsgebäude, ein schmuckloser Plattenbau aus der DDR-Ära, der auf dem Gelände steht. Ursprüngliche Pläne sahen vor, die oberen Etagen des Siebengeschossers abzutragen und der Fassade ein modernes Erscheinungsbild zu verpassen.

Werk Motor

Große Pläne gibt es, aber noch kein Baulärm dringt durch das Werk Motor in der Olbrichstraße nebenan. „Es ist fünf vor zwölf“, sagt Alfred E. Otto Paul, als sein Blick nach oben schweift: Das sächsische Hoheitswappen über dem maroden Eingangstor zum Areal, es zerbröselt. Das Gelände ist nach dem Abzug der Sowjets ein Pflegefall. Retter der 4,5 Hektar großen Immobilie, die „König-Albert-Residenz“ heißen wird, ist die K&P Firmengruppe. Das Tauchaer Unternehmen pumpt 140 Millionen Euro in das Areal, will zehn Häuser denkmalgerecht sanieren und plant fünf Neubauten.

Einst hatten auf der Anlage Reichswehr und Rote Armee ihren Fuhrpark untergebracht – daher auch der Name „Werk Motor“. Noch immer umweht ein Hauch von Moskau die Trümmer-Kasernen, ein Sowjetstern prangt an den gelben Prachtbauten aus Liebertwolkwitz-Klinkern, die teils grün glasiert sind. „Meisterhaft“, findet Paul. Im Innern des deutsch-sowjetischen Erbes allerdings modern Decken und Wände. „Es braucht noch viel Fantasie, um hier was Neues zu sehen.“

350 Wohnungen auf 25.000 Quadratmetern für mehr als 600 Menschen sollen entstehen. In fünf Jahren, wenn alles fertig ist, würden drei Biomethan-Blockheizkraftwerke, Solarthermie und Sonnenstrom für eine unabhängige Energieversorgung der Siedlung sorgen. Der Baustart sei noch für dieses Jahr terminiert, wie Frank Schütze, der sich um die Pressearbeit kümmert, mitteilt. Und verspricht: „Das gesamte Areal des ehemaligen Werk Motor bekommt neues Leben eingehaucht“. Die Pläne für den Nordteil des Geländes sind allerdings noch nicht ausgereift.

360-Grad-Panorma

Heeresbäckerei

Wie geht es jetzt weiter nach dem Großbrand? Anfang Juni dieses Jahres wütete ein Feuer in der 1890 errichteten Heeresbäckerei an der Grenze zwischen Gohlis und Möckern. Die Flammen brachten den Dachstuhl und mehrere Zwischendecken zum Einsturz, verursachten starke Schäden an der Bausubstanz. Die Polizei ermittelt wegen Brandstiftung. Ein Jahr zuvor hatte die Leipziger GRK Holding, einer der größten Altbausanierer der Stadt, das 3,65 Hektar große Grundstück an der Olbrichstraße von einem Privatbesitzer erworben, plante für 60 Millionen Euro neue Wohnungen in den monumentalen, dreistöckigen Klinkerbauten zu errichten – so der Entwurf.

In der Heeresbäckerei hat es einst gebrannt. Nun soll das Gelände erneuert werden.

In der Heeresbäckerei hat es einst gebrannt. Nun soll das Gelände erneuert werden.

Quelle: Dirk Knofe

An dem Vorhaben will die Immobilienfirma festhalten. Daran habe sich nichts geändert, teilte das Unternehmen nun auf Anfrage mit. Heißt: ein architektonischer Kraftakt steht bevor. Die Heeresbäckerei diente anfangs noch zur Versorgung der Kasernen im ganzen Viertel. Zu DDR-Zeiten war hier der VEB Getreidehandel (VEB Backwarenkombinat Leipzig) untergebracht – noch kurz nach der Wende der größte Brot- und Brötchenproduzent der Stadt.

Freistaat/Asyl

Die Grundstücke südlich der Max-Liebermann-Straße in Gohlis gehören dem Land Sachsen. Auf einer ehemaligen Militärliegenschaft am östlichen Ende des Areals wird nun eine Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber mit voraussichtlich 700 Plätzen entstehen, um den überfüllten Standort in Chemnitz und die Außenstelle in Schneeberg zu entlasten. Die Landesdirektion Sachsen gab dafür Anfang des Jahres grünes Licht.

Weltweite Kriege und Krisen schrauben die Zahl der Flüchtlinge, die in Deutschland Asyl suchen, immer weiter nach oben. Laut der Behörde seien im Freistaat dieses Jahr bereits mehr als 14.500 Asylbewerber aufgenommen worden, 4000 davon im Juli – mehr als im gesamten Jahr 2012. Die vollständige Inbetriebnahme ist für 2017 geplant. Bis zur Fertigstellung dienen als Interims-Lösung ein ehemaliges Lehrlingswohnheim und ein Containerdorf im Leipziger Stadtteil Dölitz, die Platz für 510 Menschen bieten.

Lazarett

Das Lazarett-Gelände in Möckern war bei seiner Fertigstellung im Jahr 1908 das letzte Puzzlestück, um den Kasernenkomplex zu vollenden. Später wurde es erweitert, bis 1990 als Krankenhaus genutzt. Danach stand es leer, Pflanzen wucherten, Vögel und Kriechtiere breiteten sich aus. Nun kommt Bewegung in das Biotop, das sich nach und nach in eine noble Park- und Wohnlandschaft – den Parc du Soleil – verwandeln soll. Das kündigt der Leipziger Projektleiter, die Deutsche Gesellschaft für Grundbesitz, an.
 
Das Areal, es soll es aus seinem Dornröschenschlaf geweckt werden. 180 Wohnungen, aufgeteilt auf 14 Gebäude sind geplant. Der Vertrieb hat bereits begonnen. Der Masterplan sieht einen zentralen Park vor, ringsherum sollen die repräsentativen Wohnungen in den Zwei- und Dreigeschossern hergerichtet werden.

In der General-Olbricht-Kaserne hat das Ausbildungskommando in Leipzig seinen Sitz.

In der General-Olbricht-Kaserne hat das Ausbildungskommando in Leipzig seinen Sitz.

Quelle: Dirk Knofe

General-Olbricht-Kaserne

Friedrich Olbricht (1888–1944), der Namensgeber der Kaserne und der Hauptmagistrale, die das Viertel durchzieht, war als Widerstandskämpfer an dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 beteiligt. Das Quartier in Leipzigs Norden, zwischen Max-Liebermann-Straße und Landsberger Straße, es hat als letztes militärisches Relikt die Zeiten überdauert.

Allerdings sorgte die Bundeswehrreform vor vier Jahren bei den Armeeangehörigen für tiefe Einschnitte: Ende 2013 wurde die bis dahin in Leipzigs Norden stationierte 13. Panzergrenadierdivision aufgelöst, die 12.500-Mann-Truppe anderen Divisionen zugeordnet. Ins Leipziger Quartier zog daraufhin das neue Ausbildungskommando ein. Seitdem wird von der Messestadt aus die bundesweite Ausbildung des Heeres in den zehn deutschen Truppenschulen gesteuert.

Mehr zum Thema

Bei der Entwicklung der Bebauungspläne für das neue Wohngebiet in Leipzig-Möckern soll die Öffentlichkeit einbezogen werden.

Olbrichtstraße, Leipzig 51.374801 12.356836
Olbrichtstraße, Leipzig
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