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Lokales Leipziger Kinderärzte wollen weniger Atteste schreiben
Leipzig Lokales Leipziger Kinderärzte wollen weniger Atteste schreiben
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06:00 27.07.2018
Dr. Marcus Langhammer untersucht in seiner Praxis in der Bästleinstraße die kleine Klara (1). Mit dabei: Papa Stephan Weise (32). Quelle: André Kempner
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Leipzig

Es gibt Krankheiten, bei denen eine so genannte Gesundschreibung gesetzlich vorgeschrieben ist (siehe Kasten). Bei einer ganzen Reihe weiterer Erkrankungen gibt es diese Pflicht aber nicht – und trotzdem verlangen viele Betreuungseinrichtungen und Schulen entsprechende Atteste. Hier setzt das Kinderärztenetz Leipzig jetzt an: Gesundschreibungen werden ab dem 1. August „nur in ausgewählten und gesetzlich vorgeschriebenen Fällen“ ausgestellt, wie Marcus Langhammer erklärt, Vorsitzender des Kinderärztenetzes. Diese Änderung sei auch mit Amtsarzt Nils Lahl abgestimmt.

Arbeitszeit soll für kranke Kinder und Prävention genutzt werden

„Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass wir die Wiederansteckungsgefahr für gesunde Kinder in Arztpraxen minimieren wollen und unsere Arbeitszeit für kranke Kinder sowie Präventionsarbeit nutzen müssen“, erklärt Langhammer in einem Rundschreiben an die Träger der Kindereinrichtungen in Leipzig und Umgebung, das den Eltern nun mit gegeben wird. Die von den Kitas für alle möglichen Krankheitsbilder geforderten Atteste seien inflationär geworden, so der Kinderarzt. Dabei seien Leistungen am gesunden Patienten, sofern sie nicht vorbeugend sind, eigentlich ohnehin Privatleistungen. „Wir wollen aber kein Geld verlangen“, erklärt der Pädiater. „Es geht einfach darum, dass die gesunden Kinder nicht zu den kranken in die Praxis kommen.

Maßnahme bringt nur eine Atempause

Mit der Maßnahme können die Kinderärzte allerdings nur für eine leichte Entspannung sorgen. Langhammer: „Das reißt es nicht rum, es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Denn das Grundproblem bleibt: Der Babyboom und der starke Zuzug junger Familien sorgen vor allem bei den Kinderärzten für rappelvolle Wartezimmer. Mehr Säuglinge und mehr Kleinkinder brauchen mehr Zeit, weil sie öfter krank werden und mehr Vorsorgen und Impfungen als Ältere erhalten. „Ich kann mittlerweile gar keine neuen Patienten mehr aufnehmen“, erklärt der Mediziner mit Praxis in Schönefeld-Ost. Allein im Juni mussten in seiner Praxis 61 kleine Patienten abgelehnt werden, die nun erstmal ohne Kinderarzt dastehen. „Die nächsten freien Termine gibt es bei uns im Oktober – und so geht es vielen Kollegen“, sagt Marcus Langhammer.

Steigende Fallzahlen

Zur besonderen Situation durch Geburtenboom und Familienstruktur kommt als Herausforderung hinzu, dass ein Teil der Fachärzte aufgrund einer Spezialisierung kaum oder gar nicht an der Grundversorgung beteiligt ist. Diese Spezialsprechstunden sind notwendig, da die Kliniken den Bedarf nicht decken können, andererseits werden die Praxen aber voll der Grundversorgung zugerechnet. Zudem: Mehrere Kinderarztsitze sind zentralisiert in Medizinischen Versorgungszentren zusammengefasst, worunter die flächendeckende Versorgung in der Stadt gelitten hat. Und: Der Vorsitzende des Kinderärztenetzwerkes führt eine Statistik ins Feld: Die Fallzahlen der Leipziger Kinderärzte lagen im ersten Quartal 2013 bei 58 000, im Jahr 2017 waren es 78 000. „Und das bei einer weitgehend gleichgebliebenen Zahl an Kinderärzten“, betont Langhammer. Immerhin: Diese Fallzahlen würden nun bei der KVS genauer analysiert. Dabei geht es nicht nur um die Entwicklung in den vergangenen Jahren, sondern auch um die Frage, welcher Kinderarzt besonders viele kleine Patienten bis zu sechs Jahren in der Kartei hat.

Leipziger Kinder aus Borna und Schkeuditz kommen noch dazu

Die Geburtenzahl stellt aus Sicht des Kinderärztenetzwerks die tatsächliche Herausforderung nicht einmal komplett dar. 6976 Kinder wurden vergangenes Jahr in Leipzig geboren – 103 mehr als 2016 und so viele wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Indes: Immer mehr Kinder leben zwar in Leipzig, sind aber in umliegenden Kliniken zur Welt gekommen. Bei Helios in Schkeuditz kommt mehr als die Hälfte der Mütter aus Leipzig, im Sana-Klinikum Borna ist es ein Drittel. Diese Kinder sind in der Leipziger Zahl nicht erfasst, sie schlagen aber trotzdem bei den hiesigen Pädiatern auf, weil ja niemand mit seinem Kind zur U 3 nach Borna fährt. Rechnet man diese Geburten dazu, macht das laut Kinderärztenetz nicht 6976 Geburten, sondern 7664.

KVS sieht wirkliches Sonderproblem

Das Problem: Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) hatte zuletzt auf einen Versorgungsgrad von knapp über 110 Prozent verwiesen, der keine weiteren Kinderarztpraxen zulasse, aber dennoch anerkannt, dass die Leipziger Geburtenentwicklung in diesem Zusammenhang ein „wirkliches Sonderproblem“ darstelle. Ältere Kinder sollten durch Hausärzte versorgt werden, hatte der KVS-Vorsitzende Klaus Heckemann gefordert. Die Vorgaben zur Zulassung seien verbindlich und könnten nur durch den Bundesausschuss oder den Gesetzgeber geändert werden. Derzeit gibt es 56,75 Kinderarzt-Stellen in der Stadt.

Hoffnung auf Ausnahmeregelung

Langhammer hofft auf Lösungen wie in Berlin. Dort haben die Kinderärzte Ausnahmeregelungen erreicht, so dass neue Praxen zugelassen wurden. Die Krankenkassen stellen der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin für 2018 Geld für bis zu zehn zusätzliche Kinder- und Jugendärzte sowie Kinder- und Jugendpsychiater zur Verfügung, wie der „Kinder- und Jugendarzt“ berichtet, die Zeitschrift des Berufsverbandes. Der Chef des Leipziger Kinderärztenetzwerks meint: „Aus meiner Sicht müssen die Eltern bei der KVS und bei der Stadt mehr Druck aufbauen und sich dort melden, damit das Problem dort bewusst wird.“

Enttäuscht von Antwort aus dem Rathaus

Denn: Echtes Problembewusstsein sieht anders aus: Enttäuscht zeigt sich Langhammer von der Antwort des Rathauses auf eine Anfrage der SPD-Fraktion im Stadtrat. Die Sozialdemokraten hatten darin mehrere der kritischen Punkte angesprochen. Die Antwort des Gesundheits-Dezernates liest sich beinahe teilnahmslos und seltsam distanziert. In den letzten Jahren hätten sich nur vereinzelt Bürger an die Stadt gewandt, weil sie keinen Kinderarzt gefunden hätten. Ansonsten wird auf fehlende Daten verwiesen, ohne die keine Einschätzung möglich sei. „Damit ist das Thema bei der Stadt wohl erstmal gegessen“, zeigt sich Langhammer ernüchtert, „schade.“

KVS-Servicetelefon: 0341/23 49 37 11; Arztsuche auch hier: www.kvsachsen.de.

Attest oder nicht?

Ein ärztliches Attest ist nur erforderlich bei: Impetigo contagiosa (Ansteckende Borkenflechte) – nach klinischer Abheilung oder frühestens 24 Stunden nach Beginn der Gabe von Antibiotika; Keratoconjunctivitis epidemica (Bindehautentzündung durch Adenoviren); Keuchhusten (Pertussis) – Wiederzulassung durch das Gesundheitsamt; Tuberkulose (ansteckende/offene/nicht Kontakt) – Wiederzulassung durch das Gesundheitsamt; Kopflausbefall und Krätze – im Wiederholungsfall; Durchfall – nur bei Nachweis von Typhussalmonellen, EHEC, Cholera.

Ein ärztliches Attest ist nach Genesung (Wohlbefinden des Kindes) nicht erforderlich und wird vom Kinderarzt nicht mehr ausgestellt bei: Durchfall durch Viren (Adeno-, Noro-, Rota-, Astrovirus) und Bakterien (außer EHEC, Cholera, Tyhphussalmonellen) – 48 Stunden nach Abklingen der Symptome; Hand-Fuß-Mund-Krankheit – nach Eintrocknen der Bläschen; Infektiöse Mononucleose (Pfeiffersches Drüsenfieber) – nach klinischer Genesung; Kopflausbefall – nach korrekter Behandlung mit einem geeigneten Mittel (Erstbehandlung), Bestätigung der Sorgeberechtigten, im Wiederholungsfall ärztliches Attest; Krätze (Scabies) – frühestens 24 Stunden nach erstmaliger Behandlung. Bestätigung der Sorgeberechtigten, im Wiederholungsfall schriftliches ärztliches Attest, dass die Behandlung korrekt durchgeführt wurde; Masern – nach Abklingen der klinischen Symptome, frühestens fünf Tage nach Exanthemausbruch; Ringelröteln (Erythema infectiosum) – nach Auftreten des Exanthems (also bei Diagnosestellung); Scharlach und Angina durch Streptokokken Gruppe A – bei antibiotischer Behandlung und ohne Krankheitszeichen ab dem 2. Tag, ansonsten bei Wohlbefinden; Windpocken – nach Eintrocknen der letzten Effloreszenzen; „Einfache“ Bindehautentzündung (Schmierinfektion durch Schnupfen) – unter Behandlung nach Abklingen der Symptome (meist nach zwei Tagen).

Von Björn Meine

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