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Leipziger Klinik-Chef Hegerl: „Das Schreckliche übt einen starken Reiz aus“

Interview Leipziger Klinik-Chef Hegerl: „Das Schreckliche übt einen starken Reiz aus“

Am Donnerstag ist ein Mann vom Dach eines Leipziger Hotels in den Tod gesprungen. Hunderte Schaulustige wurden Zeuge, einige filmten. LVZ.de sprach mit Leipziger Klinik-Chef Ulrich Hegerl über den Reiz des Schrecklichen.

Ulrich Hegerl, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Leipzig.
 

Quelle: dpa

Leipzig. Am Donnerstag ist in Leipzig ein 28-jähriger Mann erst auf dem Dach des Seaside-Park-Hotels herumgeklettert und dann in den Tod gesprungen. Auf dem Willy-Brandt-Platz hatten sich bis zu 300 Schaulustige versammelt, die das Geschehen auch zum Teil fotografiert und gefilmt haben. LVZ.de sprach mit Ulrich Hegerl (64), Direktor der Leipziger Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, über das Phänomen.

Herr Hegerl, wie kommt es, dass so viel Menschen bei einem solchen Vorfall stehenbleiben, zuschauen und sogar filmen?

Das ist erst einmal die natürliche Neugier des Menschen. Wenn man so etwas Dramatisches sieht, bleibt man stehen, das würden Sie oder ich sicherlich auch tun. Schlimm ist es, wenn das Auswüchse annimmt, wenn Hilfe behindert wird oder gar wenn jemand, der suizidgefährdet ist, aus der Menge angefeuert wird.

Betroffene, die unter einer akuten Krise leiden und Suizidgedanken haben, können Hilfe beim Infotelefon Depression (der Stiftung Deutsche Depressionshilfe in Kooperation mit der Deutsche Bahn-Stiftung) erhalten. Tel: 0800 3344533 (kostenfrei) Sprechzeiten: Mo, Di, Do: 13.00-17.00 Uhr, Mi, Fr: 08.30-12.30 Uhr

Hilfe erhalten bwetroffene außerdem beim Leipziger Krisentelefon unter (0341) 99 99 00 00 erhalten. Am Wochenende und an Feiertagen stehen Ansprechpartner 24 Stunden bereit, unter der Woche abends und nachts zwischen 19 und 7 Uhr. Außerhalb dieser Sprechzeiten steht auch die bundesweite Telefonseelsorge bereit unter 0800 111 0 111  und 0800 111 0 222. Beide Rufnummern sind gebührenfrei.

Gehört das Filmen und Fotografieren auch dazu? Warum halten Menschen Ereignisse wie den Sprung eines Menschen in den Tod mit dem Smartphone fest, laden es möglicherweise auch auf Plattformen wie YouTube hoch oder teilen es in Whatsapp-Gruppen?

Ich denke, das ist in unserer Medienwelt ein generelles Problem. Auch die Sozialen Medien sind ein Spiegel dessen, was in unserer Welt interessiert. Und das wissen Sie als Journalist ja auch sehr gut: Das Interesse an anderen Menschen und was ihnen zustößt, ist besonders groß. Das Schreckliche übt einen starken Reiz aus.

Unterschätzen Menschen, die nur neugierig waren, und plötzlich Zeuge eines Todessprungs werden, nicht die Wirkung, die das Ereignis auch auf sie selbst hat?

Die Menschen reagieren sehr unterschiedlich. Viele können das abhaken und vergessen. Aber gleichzeitig erleben sie plötzlich, dass unser Leben auf sehr wackligen Beinen steht. Wer sensibel ist, kann von solchen Bildern verfolgt werden.

Zur Person

Ulrich Hegerl, Jahrgang 1953, leitet die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Leipzig. Der Mediziner ist außerdem Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Was raten Sie Menschen, vielleicht auch Jugendlichen, die so einen Film aufs Handy geschickt bekommen, und erst beim Anschauen verstehen, dass sie einem Suizid zusehen?

Meist ist es nicht so, dass man deshalb gleich zum Psychologen laufen muss. Auch wenn einem das sehr nahe geht, mit der Zeit treten wieder andere Ereignisse in den Vordergrund. Durch alles, was wir in den Medien zu sehen bekommen, sind viele schon ziemlich abgehärtet.

Aber es liegt noch eine Botschaft in diesem Fall: Solch schreckliche Taten wie der Sprung in den Tod stehen fast immer im Zusammenhang mit einer nicht optimal behandelten Krankheit, und zwar meist einer Depression. Das zeigt, wie ernst wir diese Krankheit nehmen müssen. Wir sollten bei solchen Fällen nicht von Freitod reden. Das ist es in den seltensten Fällen.

Von Evelyn ter Vehn

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