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Leipziger Künstlerin zeigt grafischen Gegenentwurf zum Völkerschlachtdenkmal

Leipziger Künstlerin zeigt grafischen Gegenentwurf zum Völkerschlachtdenkmal

Das Völkerschlacht-Gedenken 2013 - es regt die Künstler an. Die Leipzigerin Franziska Ernert zum Beispiel. Für sie ist das Völkerschlachtdenkmal Ausdruck eines martialischen Heldenkults, wie er für das wilhelminische Deutschland typisch war.

Leipzig. Diesen Ansatz aber hat sie gründlich über. Ihr grafischer Gegenentwurf ist deshalb den Hinterbliebenen des Jahres 1813 gewidmet. Sein Titel: "DenkMalAnders!"

Der übergroße Erzengel Michael am Fuße des Baukörpers, der Schutzpatron der Soldaten, er ist weg. An seine Stelle ist eine Säerin getreten. Nicht "Gott mit uns" prangt über ihr, sondern "In Liebe mit uns". Überhaupt: In Franziska Ernerts Grafik "DenkMalAnders!" dominieren die Frauen. Unterhalb der Aussichtsplattform sind es einfache Bäuerinnen vom Lande und schwangere Damen aus adligem Hause. Sie ersetzen die finster dreinblickenden Ritter, die mit Schwertern über die Freiheit wachen. Es sind Witwen, die nach dem Kriegstod ihrer Männer auf sich allein gestellt sind, sich um die Kinder, die Alten, das Vieh, das tägliche Brot kümmern müssen. "Deshalb verdanken wir, die Nachfahren, den Hinterbliebenen unser Leben, nicht den gefallenen Helden", sagt Franziska Ernert. "Das Völkerschlachtdenkmal ehrt nur die toten Männer. Dabei ist es an der Zeit, die Überlebenden zu ehren, die Frauen."

Sie macht keinen Hehl daraus: Mit dem Koloss, wie er sich seit 100 Jahren präsentiert, kann sie nichts anfangen. Das liegt an dem "bedrohlichen Szenario des Furcht einflößenden Klotzes" an sich und an zwei sehr persönlichen Begebenheiten. Als die freischaffende Grafikerin, Jahrgang 1952, noch ein Kind war, nahm ihr Opa Walter Döhler sie regelmäßig mit zum Denkmal. Der alte Herr brachte dem kleinen Mädchen aus Stötteritz das für Heranwachsende nur schwer auszusprechende Wort "Völkerschlachtdenkmal" bei und erklärte ihr, was es bedeutet, wenn Menschen sich gegenseitig "abschlachten".

Der Mann wusste, wovon er sprach: Er hatte an beiden Weltkriegen teilgenommen, war mit dem Bajonett schwer verwundet worden. Die junge Franziska hörte aufmerksam zu. Dann überschlug sich ihre kindliche Phantasie: Bei einem Schlachtfest musste sie mit ansehen, wie ein Schwein getötet und zerlegt wurde. "Das Angst erfüllte Quieken des Tieres, als es gepackt wurde, höre ich noch heute." Die Erzählungen des Opas hatten in diesem Moment Gestalt angenommen - die Gestalt eines verblutenden Schweines.

Auch das Schicksal des Urgroßvaters war für Franziska Ernert ein Anstoß, das Völkerschlachtdenkmal anders zu denken als andere. Ferdinand Oskar Köhler gehörte zu den vielen Steinmetzen auf der Denkmalsbaustelle. Arbeitsschutz war damals ein Fremdwort. Köhler erkrankte an einer Staublunge. Fünf Jahre vor der Eröffnung des Kolosses starb er. Zurück blieben seine Frau und die fünf Kinder. Verzweifelt suchte Barbara Caroline Köhler einen neuen Mann, um über die Runden zu kommen. Ein Straßenbahnfahrer nahm sich ihrer an. Die drei ältesten Töchter gab sie dennoch ab dem 14. Lebensjahr "in Stellung". Die Ehe ging nicht gut. Franziska Ernert wird sich mit diesem Völkerschlachtdenkmal wohl niemals anfreunden. Zu viele negative Assoziationen. Sie hat ja inzwischen ihr eigenes.

Die Grafik wird im Oktober in der Liebertwolkwitzer Kirche ausgestellt. Pfarrerin Bettine Reichelt will einen Text zu "DenkMalAnders!" schreiben.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.07.2013

Dominic Welters

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